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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1874-01-06 · Heft 2 (6.1.1874) · p. Seite 20

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
38 (1874)
Issue
Heft 2 (6.1.1874)
Date
1874-01-06
Page
Seite 20 (sequence 4)
Language
German
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20 anhingen, auch wohl heimlich die Vorschriften des jüdischen Gesetzes noch übten, war nur natürlich. Hiergegen wandte sich nun der Zorn der Kirche, und selbst die Concile, welche die gewaltsame Taufe mißbilligten, sprachen sich doch für strenge Ueberwachung aus, daß die getauften Juden nicht zum Judenthume rückfällig würden.*) Unter den Mauren waren die Juden zu großer Blüthe gekommen. Freier Bewegung überlassen, hatten sie auf dem Boden der arabischen Cultur in Wissenschaft und Bildung, in Gewerbe und Handel eine so bedeutende Stufe erreicht, daß sich der biblischen und talmudischen Epoche die spanisch-arabische als eine dritte anschloß. Dies übertrug sich nun auch auf die christlichen Länder der Halbinsel, und unter milder gesinnten Herrschern und begünstigenden Umständen gelangten sie auch hier zu Bildung, Besitz und Einfluß. Bei der fanatischen Richtung aber, welche die spanische Nation in ihrem nationalen und religiösen Kampfe immer mehr annahm, und die ganz besonders von der Geistlichkeit gehegt und verstärkt ward, wurde gerade durch jene glücklicheren Verhältnisse der Juden der Haß gegen sie immer von Neuem erregt, und bald wiederholten sich die früheren Scenen. Im 14. und 15. Jahrhundert wurden ganze Gemeinden überfallen, getödtet und den Uebrigbleibenden nur die Taufe als Rettungsmittel gelassen. Aber diese Neuchristen, denen nunmehr alle Wege unbeschränkt offen standen, und die hierdurch sich frei ausbreiten, alle Aemter erlangen, mit den besten Familien sich verschwägern konnten, hatten bald nicht geringeren Haß zu tragen. Was einerseits der nationale Widerwille bewirkte, Das vermehrte der Umstand, daß eben viele jener heimlich nach dem jüdischen Gesetze lebten, und sich hierin dann und wann verrathen mußten. Hieraus entsprang nun in dem exaltirtesten Theile der spanischen Geistlichkeit ein bestimmter Plan, der bei den Herrschern wie bei dem Volke Anklang, und nach und nach systematische Ausführung gewann. Es sollten vom spanischen Boden Alle ans ge rottet werden, welche nicht von spanischer Nationalität waren, weil sie dieser nicht beigemischt werden sollten, und dem Christ enthume d och nicht aufrichtig ergeben wären. Um Dies zu bewirken, sollten zuerst die Juden, dann die Mauren gezwungen werden, entweder das Land zu verlassen, oder zum Christenthume überzugehen. Waren, wie man voraussetzen konnte, große Schaaren hierdurch vertrieben, so sollte gegen die zurückgebliebenen Neuchristen von Seiten der Kirche durch ein streng und consequent handelndes Tribunal eine Verfolgung cintreten, welche sie zur Ausrottung brächte, oder doch sie bald ganz und gar verschwinden ließe. So ging man, je weiter die Besiegung der Mauren und die Unterwerfung ihrer Länder vorschritt, zunächst gegen die Juden vor. Man gründete die Inquisition gegen die zahlreich vorhandenen jüdischen Neuchristcn 1481 und erließ dann 1492 das Edict, welches den Juden nur die Wahl ließ, Spanien mit dem Verluste des *) So schon das vierte Concil von Toledo in seinem 57. u. 62. Canon. größten Theils ihrer Besitzthnmer zu verkästen und in die ungewisse, fast überall mit den größten Gefahren drohende Ferne zu wandern, oder sich taufen zu lassen. Daß man es mehr darauf absah, die größere Zahl aus dem Lande zu treiben, da man sie dadurch los ward, und ihre Habe doch zumeist den Herrschern und dem Volke in die Hände fiel, ist gewiß; denn während des ganzen Jahrzehntes vor-der Vertreibung spielte die Inquisition ihre grausame Rolle gegen die Marannen '(bekehrte Juden) in härtester Weise. Dennoch war die Zahl Derer, die sich von Vaterland und Besitzthum nicht trennen konnten, sehr groß, und es verblieb daher der Inquisition ein weiter und langer Spielraum für ihre Thätigkeit, die sie bald auch gegen den Adel und Alles, was in der Nation bevorrechtigt war, verwandte. — Granada war erobert (1492), mit den Mauren Verträge abgeschlossen. Es war Dies aber nur ein Stillstand. Man legte bald die Verträge nach seinem Belieben aus, trieb die Mauren zum Widerstande an, und hatte hierdurch den Vorwand, die Verträge für erloschen zu erklären, und den Mauren dieselbe Alternative zu stellen, entweder das Land zu verlassen, oder zur Kirche überzutreten. Sobald man soweit gekommen, wurde, wie Hefele sagt, der Geschäftskreis der Inquisition erweitert: sie wurde auch gegen die bekehrten Moriskos losgelassen. Zur Verzweiflung getrieben, machten die Moriskos Aufstände, ließen sich mit Sendboten Heinrichs IV. von Frankreich in Verhandlungen ein und wurden, von diesem im Stich gelassen, mit den Waffen überwunden und als Hoch- und Landesverräther bis zur Ausrottung behandelt.*) Dies war der besondere Ursprung und Zweck der spanischen Inquisition. Als später protestantische Regungen, philosophische Doctrinen, rationelle Ansichten aufkamen, fand sie für ihre Thätigkeit immer neue Nahrung. Es ist also klar, was man wollte: die Juden mit Stumpf und Stiel ausrotten. Da man Dies doch nicht mit einem Male durch das Schwert vermochte, zwang man sie, theils das Land mit Verlust ihrer meisten Güter zu verlassen, theils zur Kirche überzntreten, und Die, welche das Letztere gethan, verfolgte und verurtheilte man so lange zu Scheiterhaufen oder Kerker und Confiscation der Güter, bis sie spurlos verschwanden. Denn spurlos sind sie in Spanien verschwunden, welche Mühe man sich auch gab, solche Spuren aufzufinden.**) Hierzu bediente man sich der nichtigsten Anschuldigungen und des bluttriefenden Henkerbeiles der Inquisition. Es war Dies ein verruchtes Spiel mit Religion und Kirche. Auch in anderen Ländern fanden massenhafte Zwangstaufen von Juden statt. Aber man ließ sie dann ruhig gehen, wohl wissend, daß das zweite und *) S. die ausführlich« Darstellung in Martin Philippson „Heinrich IV. und Philipp III." B. II. S. 121 ff. **) Hefele entblödet sich nicht, S. 260 die Märchen des Missionärs George Borrow anzuführen, obschon er selbst die Widerlegung des Dr. Kttustmann beibringcn muß, um sich nicht allzusehr des Blödsinns jenes mitschuldig zu machen.

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