Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 38 (1874)
- Issue
- Heft 2 (6.1.1874)
- Date
- 1874-01-06
- Page
- Seite 19 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3226960-3226963--32260-3255216- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
19 zu verurtheilen, nnd dann den Ketzer nicht blos mit Kirchenstrafen, sondern auch durch den weltlichen Arm an Eigenthum, Freiheit und Leben zu strafen, sowie daß der weltliche Arm ihr hierzu zu unbedingtem Gehorsam verpflichtet sei, diese Lehre hat die katholische Kirche seit Constantin bekannt, ausgebildet und durch atte Zeiten, wo sie es vermochte, zur Verwirklichung gebracht. Es versteht sich, .daß die praktische Anwendung sowohl von den Umständen und der Machtfülle, als auch von den Persönlichkeiten und der Zeitströmung abhing, um strenger oder milder, ob mit mehr oder weniger Anstrengung, durch Ueberredung zu wirken, verbunden war, also eine sehr wechselvolle Geschichte darbietet. Dieser Lehre gegenüber entfaltete sich allmälig in der europäischen Menschheit eine ganz entgegengesetzte Anschauung, welche den religiösen Glauben als freies Eigenthum des Individuums betrachtet, ihn, so lange er nicht zur Verletzung der gesellschaftlichen nnd bürgerlichen Gesetze thatsächlich führt, dem Urtheil jedes Anderen und besonders jeder Bestrafung oder bürgerlichen Benachtheiligung entzieht, dem Staate die völlige Unabhängigkeit von der. Kirche zusichert, und ihn am wenigsten zur Ausführung kirchlicher Strafen für verpflichtet, ja nur berechtigt hält. Wir brauchen nicht zu bemerken, daß diese letztere Anschauung jetzt zur vollen und allgemeinen Herrschaft gelangt ist, ohne daß jedoch die Kirche ihrer bisherigen Lehre und den daraus fließenden Rechtsansprüchen entsagt hätte. Bezweifelte man Dies, so gäbe, abgesehen vom Shllabus, die Abhandlung des Herrn Hefele einen vollen Beweis dafür. Die spanische Inquisition nänllich war dieser Lehre und Rechtsansprüche schärfster, consequentester und unbedingtester Ausdruck. Sie ging in naivster Weise von den Grundsätzen aus, daß auch die geringste Abweichung von den kirchlichen Vorschriften, die geringfügigste Zuwiderhandlung, die unbedeutendste Vornahme, die mit jenen nicht in Uebereinstimmung stände oder zu stehen schiene, Grund genug wäre, um den Thäter zur Verantwortung zu ziehen, und ihm den Proceß mit allen Beschwerden der Haft, der Untersuchung, der Tortur zu machen;*) ferner, daß jedes solcher Vorkommnisse zur härtesten Bestrafung genügenden Grund gebe, und dieser Behandlungsweise Jedermann ohne Beachtung des Standes, des Alters, des Geschlechtes und des Vorlebens unterstehe. Sie ging von diesen Grundsätzen als unumstößlich aus, und verwirklichte ste in strengster und umfassendster Weise. Sie that Dies mit der furchtbarsten Conseqnenz continuirlich durch mehr als drei Jahrhunderte. Dies ist das unterscheidende Merkmal, der Charakter der spanischen Inquisition, und hierin steht sie allein da. Ketzergerichte und grausame Ketzerverfolgungen gab es von Zeit zu Zeit in allen Ländern; aber nie- *) Man braucht nur von dem Edicte der Sevillaner Inquisition, welches sie gleich nach ihrer Constituirnng am 2. Januar 1481 erließ, und von den Punkten, die sie darin als die Zeichen des geheimen Judaismus aufführt, Kenntniß zu nehmen (s. Hefele a. a. O. S. 266), um Dies begründet zu finden. mals und nirgends bestanden sie als System, als integrirendes Element des staatlichen und nationalen Lebens, als permanente Institution, außer in der Inquisition in deu beiden Staaten der iberischen Halbinsel. In derselben naiven Weise, wie die spanische Inquisition selbst, spricht nun der deutsche Professor von dieser Anstalt, ihrem Ursprung und Zweck. Kann er selbst nicht umhin, hier und da von ihrer Strenge beiläufig ein Wort fallen zu lassen, bemüht er sich, sie von der möglich mildesten Seite zu zeigen, so ist er auch am weitesten davon entfernt, über Gedanken und Zweck, über Recht oder Unrecht der ganzen Institution ein Urtheil zu fallen, stellt sie vielmehr als ein naturgemäßes ulid berechtigtes Product der Umstande dar, und ideutisicirt sich so mit den Grundsätzen, welche sie geschaffen haben. Dies leuchtet noch mehr ein, wenn wir auf den besonderen Gesichtspunkt eingeheu, aus welchem die spanische Inquisition zu betrachten ist. Man wird fragen, warum diese Inquisition so einzig in ihrer Art gerade in Spanien entstanden ist? Wir geben von vornherein zu, daß die Nation, in welcher eine solche Veranstaltung entsteht und sich Jahrhunderte erhält, hierzu eine gewisse nationale Anlage und Richtung haben muß. Allein das Hauptmoment wird doch in den geschichtlichen Ursachen liegen. Die iberische Halbinsel war am längsten zweien ganz entgegengesetzten Nationalitäten und Religionen unterworfen; von Norden her die christlichen Westgothen, von Süden her die muhammedanischen Mauren. Zwischen diesen beiden der Kampf um das Dasein, bis die Mauren unterlagen. Der nationale Kampf schärfte sich hier zugleich zu einem religiösen. Die siegreiche Nation mußte zugleich ihre Religion zur Alleinherrschaft bringen wollen.*) Unter der Fahne ihrer Religion hatte sie den gegnerischen Volksstamm unterworfen, nnd um so mehr fühlte sie sich gedrungen, dieser Religion einen gleichen, unbedingten Sieg zu verschaffen. Sie ruhte daher nicht eher, als bis sie die Mauren theils zu Christen gemacht, theils aus dem Lande vertrieben hatte. Unglücklicherweise war aber noch ein zweiter Gegenstand da, an welchem dieselbe Procedur vorgenommen werden konnte, und an dem man sie noch früher und noch härter vornahm. Seit undenklicher Zeit, lange vor dem Christenthume, wohnten Juden in Spanien, in nicht unbeträchtlicher Menge, und als Colonisten mit Eifer und Geschick. Frühzeitig aber, schon im siebenten Jahrhundert, fingen die Weftgothen an, die Juden zu bedrücken, auszuschließen, auf's Härteste zu behandeln, und massenhaft zum Uebertritt zur Kirche zu zwingen. Hinneigung zu den siegreich vordringenden und duldsameren Mauren Seitens der Juden, so erklärlich sie war, gab den Vorwand, hierin mit unmenschlicher Grausamkeit immer weiter zu gehen. Daß viele so. mit Gewalt bekehrte Juden im Herzen ihrer väterlichen Religion *) Allerdings ist zu bemerken, daß die Mauren bei ihrem siegreichen Vordringen im achten Jahrhundert n. Chr. die unterworfenen Christen in der freien Uebung ihres Glaubens ungestört ließen. 2*