Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 38 (1874)
- Issue
- Heft 1 (1.1.1874)
- Date
- 1874-01-01
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
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8 Es gab einige Unzufriedene, die ihrer Mißbilligung auch Ausdruck gaben. Sie beruhigten sich aber bald wieder, und die Sache war längst wieder vergessen. Da brachte jüngst das bekannte Mainzer Blatt einen fulminanten Schmähartikel, einen Aufruf an alle diejenigen Gemeindemilglieder, -welche mit der Verwaltung nicht ganz übereinstimmten, sich zu separiren, sich von der Gemeinde loszusagen. Jndeß fällt dieser ausgestreute Saame der Zwietracht, den die „glaubenstreuen" Hände zu säen versuchen, auf ganz unfruchtbaren Boden; man schämt sich nur ihrer Sprache und Zwecke und läßt — sie ablaufen. — Aber auch von einer anderen Seite ward jüngst die Ruhe unserer Gemeinde gestört. Seit 24 Jahren ist eiru hiesiger, ehrenwerther Israelit Mitglied der Stadtverordnetenversammlung, oder wie -man hier sagt, des Stadtrathes. Derselbe war ein treuer Anhänger der Majorität und blieb bei kirchlichen Fragen immer weg. Die Ultramontanen hatten also eigentlich Nichts gegen ihn einzuwenden und gaben ihm früher immer wieder ihre Stimmen. Bei den jüngsten städtischen Gemeindewahlen beschloß jedoch die „Constantia", die unsre Stadt beherrschende ultramontane Gesellschaft, ein Anderes. Sie entsandte an den gedachten Israeliten eine Deputation, die ihm anzeigte, daß sie beschlosien, nur „glaubensstarke Katholiken" zu wählen, und er daher diesmal nicht aufgestellt werden würde. So geschah es denn auch, und er ward in der dritten Classe nicht wieder gewählt. Dies brachte in der jüdischen Gemeinde eine große Aufregung hervor. Obgleich die Mehrzahl in ihr von ihrem liberalen Standpunkte aus mit dem erwähnten Herrn nicht einverstanden war, so lag es doch hier zu Tage, daß alles Gewicht auf seine Eigenschaft als Jude fiele. Noch entschiedener schloß man sich der liberalen Partei an, die auch einen liberalgesinnten Juden in der ersten Wählerclasse aufzustelleu beschloß. Der zweiten Wählerclasse gehören in hiesiger Stadt 72 Juden an. Das Localcomitb der Alliance sah sich daher bewogen, an die Mitglieder der israelitischen Gemeinde ein Circular zu erlassen, das sie zur regsten Theilnahme an den Wahlen und zwar für die liberale Partei aufforderte und verpflichtete. Allerdings war dieses Circular etwas stark und bombastisch abgefaßt. Es sprach aus, „daß auch selbst in Aachen die städtische Verwaltung eine freisinnige werden müsse, und daß die Juden sich diejenige Beachtung zu erzwingen hätten, welche ihnen so lange versagt worden." Dies erbitterte die ultramontane Partei auf's Aeußerste, wozu kam, daß die Wahl der zweiten Classe nicht zu Stande kam, weil von den 710 Stimmenden 355 auf die liberalen Candidaten fielen, diesen also nur eine Stimme fehlte, während die anders Stimmenden getheilt waren, welches Resultat natürlich die Ultramontanen vor Allem den Juden zuschrieben. Daher,erschien in dem ultramontanen „Echo der Gegenwart" vom 10. December ein grimmiger Leitartikel „Die Aachener Juden als Wahlagitatoren". In dem Artikel wird „dem Vorstande der Judenallianz" der Vorwurf einer frivolen Verleumdung und der Lügenhaftigkeit gemacht, wenn er nicht durch Thatsachen erwiese, in welchen Fällen sich der Aachener Stadtrath bis jetzt gegen die Juden nicht freisinnig gezeigt hätte. Er führt eine Reihe von Facten an, in welchendie Anträge der jüdischen Gemeinde von dem Stadtrathe bewilligt worden sind. Man sieht leicht ein, daß der Artikel den Sachverhalt in eine schiefe Stellung zu bringen suchte. Die „Constantia" hatte ja durch ihre Deputation und die Wahl erwiesen, daß der zukünftige Stadtrath ausschließlich aus Ultramontanen bestehen, und darum auch kein Jude darin Platz haben, also den Juden jede Beachtung entzogen werden solle. Hiergegen war das Circular gerichtet, und der Vorstand der Alliance hat deshalb statt eines Federkrieges eine gerichtliche Klage gegen den Vorwurf der Verleumdung und der Lügenhaftigkeit beschlossen. Ganz recht, aber in der Sache muß man doch zugestehen, daß das Circular .vorsichtiger und einfacher hätte abgefaßt werden müssen. Die Ultramontanen haben unterdeß den Kampf noch in brutalerer Weise fortgeführt. In einer Versammlung des katholischen Gesellenvereins brach ein Kaplan Michaelis die Gelegenheit vom Zaune, gegen die Juden loszudonnern, Er sagte unter Anderem: die Juden hätten sich in Aachen eingenistet, und sie wären an der Theurung der Lebensmittel und dadurch an allem Elend des Volkes allein schuld; im Mittelalter hätte sich das Volk vor dieser Race zu schützen gewußt, und dahin müsse es wieder kommen. Dabei ist wohl zu beachten, daß in Aachen Juden mit dem Vertrieb der Lebensmittel weder im Großen noch im Kleinen irgend eine Verbindung oder Beschäftigung haben. Man muß gestehen, daß es noch viel eher dazu angethan war, diesen Kaplan und seine scheußliche Ausgeburt gerichtlich zu verfolgen, als selbst die Auslassungen des „Echo der Gegenwart." Um so gespannter ist man auf den Ausfall der bevorstehenden Wahlen der zweiten und ersten Classe. Ejsek, im Decbr. (Privatm.) Der hiesige Oberrabbiner L)r. Spitzer hat vom Könige von Italien für ein ihm übersandtes Exemplar seines „Heer- und Wehrgesetz der alten Israeliten" eine prachtvolle Brillantnadel nebst folgendem Cabinetsschreiben erhalten: Hochwohlgeboren Herr Ritter!*) Ich beehre mich, Ew. Wohlgeboren mitzutheilen, daß Se. Majestät, - mein erhabener Gebieter, mit besonderem Wohlwollen Ihre ehrerbietige Huldigung durch die Uebersendung eines Exemplares Ihres Werkes „Heer- und Wehrgesetz der alten Israeliten" anzunehmen, und zum Beweis gnädiger Anerkennung mich zu beauftragen geruht hat, Ihnen als Erinnerung dieses beigefügte, mit der königl. Chiffre geschmückte Kleinod zu überreichen. Ich erfülle mit aufrichtigem Vergnügen diesen allerhöchsten Austrag Sr. Majestät und entbiete Ihnen den Ausdruck meiner besonderen Hochachtung., Der Chef der Cabinetscanzlei Sr. Majestät. N. Anghemo m. p. *) Der Oberrabbiner Spitzer ist bereits früher durch einen kaiserlichen Orden ausgezeichnet worden.