Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 38 (1874)
- Issue
- Heft 1 (1.1.1874)
- Date
- 1874-01-01
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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5 fönen gestanden, die der Tod hinwegrafste. Aus fernem Lande, — Karl Alexander war österreichischer Gouverneur von Belgrad, — langt er an, unbekannt mit der eigenthümlichen Verfassung und den Rechtszuständen des damals kleinen Würtemberg; ein tapferer Soldat, berühmter General. Das Vorbild absoluter Herrscher auf allen damaligen Thronen vor sich, während die herzogliche Macht in Würtemberg durch -herkömmliche, nun auch von ihm beschworene Rechte der „Landschaft", sehr beschränkt war, gegen diese durch frühere schroffe Behandlung eingenommen, kam er zwar mit den besten Vorsätzen, das durch die Maitressenwirthschaft seines Vorgängers mißhandelte Land zu befferen Zuständen zu bringen, aber mit zwei verderblichen Plänen im Geiste, seine Herrschaft absolut zu machen, und seinen Staat durch Eroberungen zu vergrößern. Dazu bedurfte er eines verhältnißmäßig großen Heeres, und dazu wieder Geld, viel Geld. Hierzu kam ein Drittes, was ihm weniger am Herzen lag, wozu er jedoch durch die Umstände gedrängt ward. Als Prinz war er katholisch geworden, um eine reiche Fürstin von Thurn und Taxis zu heirathen. Das protestantische Würtemberg fürchtete die Katholisirung des Landes. Unglücklicherweise konnte Karl Alexander seine Pläne ohne Hülfe seines Nachbarn, des reichen Bischofs von Würzburg, auszuführen nicht denken, und der Preis dieser Hülfe war wieder die Herrschaft der Jesuiten, welche selbstverständlich das Land zur römischen Kirche zurückführen wollten. An diesen Fürsten drängle sich nun der ihm bereits bekannte Süß Oppenheimer als das bereite Werkzeug, ihm Geld, viel Geld zu verschaffen. Durch seine außergewöhnlichen Geisteskräfte, seine großen'Kenntnisse und Erfahrungen im Finanzfache, seine unerschöpfliche Befähigung, immer neue Hülfsquellen aufzufinden, wie durch seine glänzende Persönlichkeit und vornehmen Manieren gewann Süß das unbedingte Vertrauen des Herzogs und beherrschte ihn bald gänzlich. Zwar erkannte der Fürst später die Schlauheit, unersättliche Geldgier und Gewissenlosigkeit des Süß und gedachte ihn selbst wie einen Schwamm zu behandeln, der vollgesogen wieder ausgepreßt wird, — aber er konnte seiner nicht entbehren, bis er.sein Ziel erlangt hätte, und hatte eine zu große Vorstellung von dessen Geistesgaben, während ihm selbst Kenntniß und Einsicht abgingen. Bald umgaben den Fürsten Minister und Räthe der 'schlechtesten Art, die sich zu den rechtswidrigsten Handlungen und Einrichtungen, die Süß ersann, hergaben, bei denen sie freilich ihren eigenen Bortheil besonders wahrnahmen und sich übermäßig bereicherten. Diese Männer waren aus den würtembergischen Patrizierfamilien, vereidete Räthe und Beamte, während Süß als Ausländer und Jude ein Staatsamt nicht bekleiden konnte, blos den Titel Geheimer Finanzrath führte, sorgfältig alle Gelegenheit vermied, irgend ein Decret oder einen Beschluß zu unterschreiben, vielmehr alles durch den Herzog und seine Räthe selbst nach den vorgeschriebenen Formen ausführen ließ. So wurde das Land von 17 33 bis 1737 in schamlosester Weise ausgesogen, die „Landschaft" und ihre Rechte, die allerdings mehr die Herrschaft einer Anzahl Patrizierfamilien, als die Freiheit des Volkes zum Inhalt hatten, ungescheut mit Füßen getreten, und ein Heer geschaffen, das bestimmt war, den Fürsten vollständig absolut und das Land unter der Herrschaft der Jesuiten katholisch zu machen. — Süß Oppenheimer war 1692 in Heidelberg geboren; sein Vater war ein, fahrender Sänger, der mit seiner Gesellschaft Reisen machte, um auf den Schlössern des Adels und an den geistlichen und weltlichen Fürstenhöfen Vorstellungen zu geben. Seine Mutter Michaele, war von außerordentlicher Schönheit. Auf der Geburt des Süß liegt der Makel, nicht seines Vaters Sohn zu - sein, sondern eines Freiherrn von Heydersdorf. Süß zeigte von Jugend an die Begierde, eine vornehme Rolle zu spielen, und zeichnete sich durch körperliche Schönheit aus. Er eignete sich mehrere neue Sprachen an, und sprach das Deutsch ohne allen Accent. Mit dem 18. Jahre ging er in die Welt nach Frankfurt, Amsterdam, Prag und Wien. Hier lernte er das Geschäft kennen und entwickelte seine großen Talente, betrieb aber nur Abenteuer und tolle Streiche. Seinen jüdischen Glauben bethätigte er nicht, spielte vielmehr den Philosophen, verspottete Religion und religiöses Gesetz. Später machte er zu Mannheim den Winkeladvocaten, wurde Pächter des Stempelpapiers, übernahm das Münzen der Scheidemünzen am Hofe zu Darmstadt und gewann sich Titel und Mittel. Süß machte die Bekanntschaft des Prinzen Karl Alexander, als dieser 1732 zur Cur in Wildbad war und gefiel diesem so, daß er ihn zu seinem „Kriegsfactor und Schatullenverwalter" ernannte. Mit den Finanzen des Prinzen stand es schlecht, aber Süß wußte Rath zu schaffen. Kaum war der Prinz im October 1733 Herzog geworden, als Süß ihm seine Aufwartung machte und sehr gut ausgenommen ward. Von da ab beherrschte er den Fürsten ganz und gar, und gab ihm Die Rathschläge, durch welche Einrichtungen dem Volke ungeheuerliche Summen auszusaugen wären, in welche sich der Herzog, seine Räthe und Süß theilten. Dieser letztere lebte in der glänzendsten und üppigsten Weise und als ein vollendeter Wüstling. Hochmüthig und ausschweifend umgab er sich mit Pracht, und verführte durch seine Persönlichkeit und seinen Reichthum unzählige Frauen. Da ereilte ihn sein Geschick. In der Nacht, bevor der Plan des Herzogs ausgeführt ward, das Land mit seinen Soldaten und einem im Anmarsch begriffenen Hülfsheer des Würzburger Bischofs zu besetzen, seine Gegner in's Gefängnis; zu werfen, und die absolute Herrschaft zu verkündigen, zwischen dem 12. und 13. März 1837, starb plötzlich der Herzog im ludwigsburger Schlosse, wie es hieß, am Schlagfluß, wie es scheint, vergiftet, indem sein von der Gegenpartei gewonnener Kammerdiener Neuffer ihm, nachdem eine Deputation abgetreten, welche den Herzog in größte Aufregung gebracht, einen besonders gewürzten Trank, den der Herzog in milderem Maße einzunehmen pflegte, gereicht hatte. Noch in derselben Nacht wurden