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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1874-01-01 · Heft 1 (1.1.1874) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
38 (1874)
Issue
Heft 1 (1.1.1874)
Date
1874-01-01
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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s hat aufflammen lassen, nämlich 298. Die wirklichen verdammensmerthen grausamen Handlungen der Protestanten gehören der ersten Kampfeszeit an, wo sie dem gleichen Verfahren von katholischer Seite entgegentraten. Von da ab fand eine blutige Verfolgung nicht mehr statt, und es ist höchstens dann, und wann eine Landesverweisung zu berichten, — während die spanische Inquisition ununterbrochen durch drei Jahrhunderte fortwüthete. Zweierlei bringt Hefele zur Entschuldigung der spanischen Inquisition vor, das nicht unbegründet ist, nämlich die außerordentliche Schärfe der damaligen Strafmittel und die in allen Ländern heimischen Hexenprocesse. Er beruft sich insbesondere auf die Carolina, welche ebensowohl die Tortur, als die scheußlichsten Arten der Hinrichtung verordnet. Nicht minder ist die Schmach und Furchtbarkeit der Hexenprocesse constatirt. Indeß liegt-doch der Unterschied in den Motiven. Das Strafgericht der Carolina betraf wirkliche Verbrecher, Mörder, Räuber, Diebe u. s. w. Selbst bei den Hexenprocessen lag der Wahn zu Grunde, daß die Berurtheilten ihre Mitmenschen an Leben und Gut wirklich beschädigt und wahre Verbrechen gegen sie geübt hätten. Ganz anders war es bei der Inquisition. Hier war die geringste Abweichung vom Glauben und den Ceremonien der Kirche der Grund der Verhaftung, Berurtheilung und Hinrichtung; die Verfolgung wegen eines ganz im Geheimen vorgegangenen Abfalls von der Kirche war zu einem System gemacht worden, welchem ungezählte Opfer fielen.*) Wir kommen, da Dies den dritten Punkt berührt, hierauf zurück. Aber schon so kann Niemandem, der nicht selbst kirchlich fanatisch ist, die schwerwiegende Differenz unerkannt bleiben. Die Zahl der Opfer, welche durch die spanische Inquisition gefallen sind, ja nur die der Hingerichteten, wird wohl für immer unbekannt bleiben. Die Acten der Inquisition hat noch Niemand, außer Llorente, eingesehen. Wenn daher mancher Schriftsteller die letzteren auf 200,000 angegeben hat, so ist Dies ebensowenig erwiesen, wie die 30,000, welche Llorente nach einer Berechnung angiebt, die nur auf Voraussetzungen beruht, obschon Llorente ein Gegner der Inquisition, nicht aber ein so heftiger und ungerechter ist, wie Hefele. uns glauben machen will, während er aus Llorente's Schrift noch viel mehr Beweise zu Gunsten der Inquisition, als gegen sie anführt. Nur drei Zahlen werden genauer angegeben. Im ersten Jahre (1481) hat die Inquisition in Sevilla allein 298 Personen als Ketzer hingerichtet. Ferner giebt der spanische Geschichtsschreiber Mariana an, daß der Großinquisitor Torquemada während seiner Amtsführung (1483—1498) 2000 Personen habe verbrennen lassen. Daß der Jesuit Mariana diese Zahl nicht über- *) Wie oft diese Anschuldigungen nur vermeintlich oder vorgeschützt waren, muß doch. selbst der strenggläubige Katholik daraus ersehen, daß die Inquisition nicht wenige Derer. eingekerkert hat, welche spater die katholische Kirche zu Heiligen erhob: so Ignatius von Loyola, Francisco de Borja, Juan de Ribera, Teresa de Jesus, Juan de la Cruz (den äoetor ecgtatieus), Jose de Calasanz u. a. m. trieben habe, ist vorauszusetzen, dagegen zeigt diese runde Zahl, daß sie nur überschläglich gemacht sei, mehr nach Schätzung, als nach genauer Zählung. Endlich giebt das Manufcript des Historikers Berealdez an, daß in den Jahren 1482 bis 1489 einschließlich, jährlich 88 Personen in der Stadt Sevilla allein hingerichtet worden, eine Angabe, welche die von Mariana bemerkte Zahl aus Torquemada's Großinquisitoriat viel zu klein erscheinen läßt. Und doch wird zugegeben, daß Torquemada noch lange nicht der härteste Großinquisitor gewesen, sondern diesen Ruf hat der Großinquisitor Valdes davongetragen. Niemand, auch Herr Hefele nicht, kann verhindern, daß man von diesen drei Zahlen auf die mehr als drei Jahrhunderte schließt, welche die spanische Inquisition ihr trauriges Werk fortsetzte, und wenn Hefele große Zahlen Derer an führt, welche mit geringeren Strafen, selbst nur mit Kirchenbußen belegt wurden, so hebt sich eben die Zahl der Hingerichteten um so blutgefärbter von der unübersehbaren Menge der Angeklagten überhaupt ab. Diejenigen, welche lebenslänglich zum Gefängniß, zu den. Galeeren verurtheilt wurden, die ihres Gutes, ihres bürgerlichen Daseins, ihrer Ehre, ihres ganzen Lebensglückes beraubt wurden, zählen nach vielen Legionen. Dies sind keine Uebertreibungen der Phantasie, sondern feststehende Thatsachen, die ihre schauerlichen Wirkungen auf den spanischen Nationalcharakter geübt haben, wie sie auf jedem Blatte selbst der Gegenwart noch verzeichnet werden. Sie übergehen oder übertünchen wollen, ist ein Versuch, der wahrlich dem Verfasser nicht zur Ehre gereicht. Wenn man über die große Zahl der von der spanischen Inquisition Angeklagten und Berurtheilten erstaunt, während doch in Spanien die Sectirerei und Ketzerei niemals ausgebreitet war und gar nicht aufkommen konnte, so wird man hierüber aufgeklärt, wenn man erfährt, welche geringfügigen Dinge die Veranlassung zu Anklage und Berurtheilung gaben. Wir wissen, daß die eigentlichen und besonderen Objecte der spanischen Inquisition die Neuchristen waren, und hier eröffnet uns Hefele selbst den Einblick in das entsetzliche Treiben der Inquisition. Um diese zu vertheidigen, hebt er wiederholt hervor, daß Handlungen, welche bei geborenen Christen ganz unverdächtig wären, einen bekehrten Juden in den Verdacht des Abfalls von der Kirche und des Rückfalls in das Iudenthum bringen mußten. Und was waren Dies für Dinge? Daß bald nach der Taufe eines Kindes die Stellen mit Wasser gewaschen wurden, an welche das Salböl gekommen, was bei einem Christen unverdächtig, bei einem bekehrten Juden Beweis des Rückfalls sei; oder wenn ein solcher seinem Kinde einen alttestanientlichen Namen gegeben, — was sonst bei den Spaniern erlaubt war, und von jenem wohl nur zur Erinnerung an einen nahen Verwandten geschehen, — oder wenn ein solcher am Sabbath kein Feuer hat, oder geschmückt gefunden wurde.*) Man wird zngeben, *) S. Hefele a. a.,O. S. 266. 311. 1*

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