Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 38 (1874)
- Issue
- Heft 1 (1.1.1874)
- Date
- 1874-01-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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2 Die spanische Inquisition. I!.*) Wir erkannten also in der spanischen Inquisition ein kirchliches Institut, das,, in den Dienst des Staates getreten, von demselben vielfach abhängig und zu seinen Zwecken benutzt wurde. Sie unterscheidet sich hierin allerdings von der römischen Inquisition, die stets kirchlich geblieben. Der Versuch Hefele's aber, jene lediglich für eine Staatsanstalt auszugeben, kann vor der Geschichte nicht bestehen. Wichtiger ist indeß die Bemühung dieses Autors, die Verurtheilung der spanischen Inquisition als eines der härtesten, furchtbarsten und grausamsten Tribunale von ihr abzuwenden, sie in ihren Formen und Wirkungen abzumildern, und überhaupt mit den Sitten, Anschauungen und den anderen gerichtlichen Instituten jener Zeiten auf eine völlig gleiche Linie zu stellen. Aber auch diese müssen wir als mißlungen ansehen, wenn auch immerhin zugegeben werden muß, daß Phantasie, Romantik und der in begründeter Weise erregte Haß die Schatten noch dunkler und riesiger ausgemalt haben. Es bleibt noch immer des vergossenen Blutes, der verbrannten Gebeine, der finsteren Kerker und des Jammers vieler Geschlechter genug übrig. Vor Allem muß das Dunkel, in welches die spanische Inquisition sich während ihrer dreihundertjährigen Herrschaft hüllte, und noch bis heute gehüllt ist, jede Vertheidigung oder AbminderuNg verhindern. Lassen sich die Gegner aus muthmaßliche Berechnungen der Opfer und auf vielleicht übertriebene Schilderungen des Verfahrens ein, so sind auch die -Vertheidiger auf nichts Besseres angewiesen, und wir können wohl muthmaßen, daß es nicht so schlimm gewesen, wie von den meisten Schriftstellern berichtet wird, aber mehr vermögen auch Diejenigen nicht, welche die schwere Aufgabe, die spanische Inquisition zu entschuldigen, auf sich nehmen. Hesele selbst geräth alsbald in einen starken Widerspruch mit sich selbst. Er setzt, wie wir schon erwähnt, ausführlich auseinander, wie die Päpste so oft die grausame Härte der spanischen Inquisition verurtheilten, und sich alle Mühe gaben, Maßregeln einzuführen, um dieselbe abzuschwächen, ohne freilich zu diesem Ziele gelangen zu können. Sie verlangten wiederholt, daß die Verurtheilten an die Bischöfe oder doch an den römischen Stuhl appelliren dürften, daß viel mehr Milde geübt werde, so lange noch irgend eine Aussicht auf Reue und Umkehr vorhanden wäre, daß die Confiscation der' Güter nicht soweit durchgefüyri werde, daß die schuldlos Hinterlassenen in's Elend versänken, — aber Alles umsonst. Die Großinquisitoren wollten weder von der päpstlichen Appellation, noch von der päpstlichen *) Im ersten Artikel bitten wir Folgendes zu verbessern: S. 834 SP. 2 Z. 26 v. o. muß es heißen: „Vorausurtheil". S. 835 Sp. 1 Z. 18 v. o. muß das Wort „durch" fehlen. Sp. 2 Z. 16 v. u. muß erstatt „die Letztere" heißen: „sie". Gnade Etwas wissen, Hintertrieben jene, oder ließen die päpstlichen Verordnungen unbeachtet. Es kam soweit, daß selbst der Bann über die Inquisitoren ausgesprochen wurde, wie Dies 1519 von Leo X. über die Inquisitoren zu Toledo geschehen ist. Hefele hat hierbei die Absicht, die Kirche von dem grausamen Verfahren der spanischen Inquisition freizusprechen. Aber er erweist hierdurch doch selbst, daß diese letztere unverantwortlich hart und grausam gewesen, und vereitelt damit seinen eigenen Versuch, Dies zu leugnen. Jeder Ausspruch eines Papstes, jede Maßregel desselben gegen die Furchtbarkeit der spanischen Inquisition ist ein thatsächlicher und unleugbarer Beweis für diese. Man kann doch nicht hervorheben, daß z. B. Leo X. feierlich erklärte, die spanische Inquisition richte sehr großes Unheil an, und einige Seiten später jede Härte dieses Instituts leugnen, und es als das mildeste Tribunal der Zeit beschönigen wollen.- Allerdings haben hir auch oben ein Beispiel des Gegentheils angeführt, und nachdem die Reformation in Deutschland und anderen Ländern sich ausgebreitet, und die Gegenreformation begonnen hatte, verstummen diese päpstlichen Zeugnisse gegen die spanische Inquisition. Es kam darauf an, die Ketzerei jeglicher Art auszurotten, und für die Mittel dazu wurde man gleichgültiger. Aber die früheren Aussagen der Päpste behalten ihre volle Zeugnißkraft. Ein anderer Beweis liegt in dem allgemeinen Schrecken, der vor der spanischen Inquisition herrschte; in dem Widerstand, den ihrer Einführung anfangs die spanischen Provinzen selbst, bis sie überwunden wurden, dauernd und erfolgreich die Sicilianer, Neapolitaner, Mailänder und die Niederlande engegensetzten.*) Obschon diese Staaten der spanischen Herrschaft unterlagen, wollten sie sich doch nicht der Inquisition unterwerfen, die sie als die schrecklichste Geißel betrachteten. Schon hierin liegt der Gegenbeweis wider die Behauptung Hefele's, daß die spanische Inquisition mit den Sitten und Anschauungen der Zeit übereingestimmt habe, vielmehr erscheint sie überall als eine eigenthümliche spanische Schöpfung, welche die übrige Welt verabscheut, der größte Theil der Geistlichkeit nicht ausgenommen. Ebensowenig gelingt es Hesele, die spanische Inquisition dadurch zu rechtfertigen, daß er weitläufig zu erweisen sucht, die Protestanten hätten in völlig gleicher Weise gegen Andersgläubige gehandelt. Sicherlich haben sich auch die Protestanten großer Ausschreitungen schuldig gemacht, aber der Unterschied von 'der spanischen Inquisition ist doch gewaltig. Alle Scheiterhaufen, welche die Protestanten aller Zeiten angezündet, machen noch nicht ein Zehntel derjenigen aus, welche die spanische Inquisition in ihrem ersten Jahre 1481 bestimmten Nachrichten nach *) S. Hesele a. a.O. S. 301. Die Päpste Paul HI. und Pius IV., sowie des letzteren Neffe, der h. Karl Borromcu, unterstützten diesen Widerstand. Hierzu trug bei dem römischen Stuhle allerdings das Moment Lei, daß die spanische Inquisition sich ihm so wenig botmäßig bezeigte.