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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1873-12-23 · Heft 52 (23.12.1873) · p. Seite 860

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
37 (1873)
Issue
Heft 52 (23.12.1873)
Date
1873-12-23
Page
Seite 860 (sequence 12)
Language
German
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860 einen Blick Bertha's yi erhaschen, die mich in diesem Falle stets! auf's Freundlichste grüßte, dann aber schnell vom Fenster verschwand. Endlich begegnete ich einmal Frau Sara auf der Strafte. Sie blieb stehen und redete mich an: „Warum besuchen Sie uns nicht mehr, junger Freund'? Haben Sie uns ganz vergessen'?" Och erröthete nnv antwortete: „Sie haben es nnterkassen, mich dazu anszusordern, und deshalb fürchtete ich, lästig zu fallen." — „Dann liegt der Fehler auf meiner Seite; aber ich hatte geglaubt, es verstände sich von selbst nach der Theilnahme, die Sie uns bewiesen haben. Auch war mein Wunsch nicht ohne Eigennutz, denn in manchem noch verwickelten Geschäfte bedurfte ich des Nathes eines sachverständigen Mannes." — Diese Worte schmeichelten mir, und ich versprach schnell, daß ich kommen werde. Ich lieft nicht lange aus mich warten. Bertha empfing mich mit Herzlichkeit, aber auch mit Zurückhaltung. Bon dieser Zeit an kam ich öfter. Als der Winter herangenaht, brachte ich, soweit es meine Arbeiten nur erlaubten, die Abende daselbst zu, immer vertrauter wurde ich den beiden Frauen, immer enger schloß sich das Band um uns. Es wurde mir bald sichtbar, tvie Bertha auf mein Kommen wartete, und es schmerzlich empfand, wenn ich einmal durch ein unvorhergesehenes Geschäft abgehaltcn worden. Nun, lieber Leser, ein Jahr später war ich mit Bertha verlobt. Bor der allmächtigen Stimme des Herzeus verstummten alle Bedenken; ich machte meine Staatsprüfung und ließ mich als Advokat nieder. Ich fand, das; die Welt au mdhm’ Verbindung durchaus feinen Anstoß nahm. Frau Sara hatte gewußt, sich die Achtung Aller zu erwerben, die sie kannten. Bescheiden und anspruchslos, einfach und zurückgezogen, aber stets mit offener Hand für jeden Hülfebedürftigeu und jedes gemeinnützige Werk, blieben Neid und Tadel von ihr fern, und mau vergaß, was mau doch nur für ihre Person als ein unverschuldetes Geschick ansehen konnte. Ich lebte sehr glücklich mit Bertha, die in Verstand und Gefühl mit mir übereiustimmte, so daß innigster Friede der beständige Gast unseres Hauses war. Nur ein Mal verwundete sie unheilbar mein Herz, als sie nach langer glücklicher Ehe aus dem Leben schied. Da jetzt das Grab Mutter und Tochter umschließt, vermochte ich diese Geschichte nieoerzuschrciben. Geschichtliche Notiz. Wie der Fürstprimas und Erzbischof Carl Theodor Freiherr von Talberg über die Judenfrage gedacht hat. Im Jahre 1S1 (» verfaßte ein Herr Krämer ein Buch, betitelt: „Die Juden und ihre gerechten Ansprüche an die christlichen Staaten. Ein Beitrag zur Milderung der harten Ur- '' theile über die jüdische Nation." Dieses Buch kam auch unserem Dalberg in die Hände, er las cs aufmerksam, und richtete darauf an den Verfasser desselben folgendes Schreiben: „Lieber Herr Krämer! Ich habe mit lebhaftestem Vergnügen Ihre Schrift über die gerechten Ansprüche der Juden in christlichen Staaten gelesen. Dieses Werk gereicht nicht bloß Ihrem Geiste, sondern auch Ihrem Herzen zur Ehre; es ist mit Wahrheitsliebe und Mäßigung geschrieben, vereinigt die Vorzüge der Gründlichkeit und einleuchtender lichter Darstellung. Der göttliche Erlöser hat ras Beispiel der Duldung gegeben; die Pflicht der Menschen, znmalen der menschensreundlichen Christen ist, diesem Beispiele zu folgen. Sie wissen, daß ich Ihnen von jeher eine ausgezeichnete Hochachtung gewidmet habe in Beziehung auf Ihre biedere Rechtschaffenheit und eifriges Bestreben nach Wahrheit. Jede Gelegenheit ist mir erwünscht, in welcher ich Ihnen Beweise meiner fortdauernden Hochachtung geben kann, mit. der ich bin Ihr Verehrer und Freund Carl Dalberg. Regeusburg den 23. August 1816." Diese Gesinnung gereicht sowohl dem Verfasser jenes Buches, dessen Her; und Geist der Wahrheit offen stand, als auch feinem hohen Gönner - rem Fürstprimas, zur höchsten Ehre. Mögen alle Menschen die hohen Ideale: Wahrheit und biedere Rechtschaffenheit, leiten, dann wird bald jede Spur des Rischus verweht sein! Erfurt, im December 1873. Nr. Jaraczewskh. Vermischtes. Cs ist eine bekannte Thatsache, sagt Henry Lmuley in seiner Abhandlung über die jerusalemitische Wasserleitung, daß die Stadt Jerusalem während der zahlreichen Belagerungen, die sic auszuhalten hatte, niemals Wassermangel litt, und man hat daraus reu sehr scheinbaren Schluß gezogen: es müsse innerhalb feiner Ringmauern eine reichliche Fülle von Quelle,: besessen haben. Dennoch ist in der Stadt selbst kein irgend neunenswerther Vorrath an lebendigem Wasser vorhanden — auf welche andere Weife konnte also Jerusalem während der beispiellos grausenhaften und langen Belagerung von Titus mit Wasser versorgt werden? Es bleibt, dünkt mich, nur die Voraussetzung: daß es ein vielverzweigtcs Netz unterirdischer Kanäle, Becken und Gruben zur Aufnahme der von den nächsten Höhen entspringenden Wasser besaß, und daß alle diese in der Tiefe geborgenen Werke eben Glieder Eines großartigen Bewässerungssystems waren. Möglich, daß einzelne Quellen verschüttet oder versiegt sind oder einen andern Lauf gesucht haben; in der Hauptsache dürften die Verhältnisse kaum geändert sein, und jedenfalls ist es eben so wichtig als interessant, jede wieder attsgefundenc Spur jener großartigen Anlage weiter zu verfolgen.

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