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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1873-12-23 · Heft 52 (23.12.1873) · p. Seite 859

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
37 (1873)
Issue
Heft 52 (23.12.1873)
Date
1873-12-23
Page
Seite 859 (sequence 11)
Language
German
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859 Ueberlegt, kurz und bündig waren seine Antworten, unv jede andere Frage und Erkundigung wies er zurück. So wurde er nach der Strafanstalt abgeführt, und starb daselbst nach einigen Jahren. Unterstützungen und Erleichterungen, die ihm, wenn auch auf Umwegen, von den Scinigen zukamen, hat er niemals angenommen. — Man kann sich denken, daß dieser ganze Vorgang das größte Aufsehen im Lande und über dessen Grenzen hinaus gemacht. Daß eine dreißigiahrelang verborgen gebliebene Unthat endlich und in so eigenthnmlicher Weise an den Tag, zu vollständiger Beweisführung und Bestrafung aller Theilnchmer gekommen, erregte die Gemüther sehr, und veranlaßte sie zu vielfachen Betrachtungen. Auf allen Kanzeln wurde darüber gepredigt, mehr oder weniger im Lichte einer lauteren religiösen Anschauung. Auch unser Rabbiner hielt am Bußsabbath eine ergreifende Rede, in welcher er an der Hand von vielen Schriftnnd Talmudstcllen zeigte, wie die Folgen unserer Handlungen niemals ausbleibcn, sowohl in der Verbitterung oder Beglückung unseres Lebens, als auch unmittelbar in Strafe oder Lohn, wenn diese letzteren auch nach der göttlichen Fügung bisweilen erst nach langer Zeit eintresfen. Die Vorsehung und Vergeltung aber schlummere nie, und werde von Zeit zu Zeit auch für das blödeste Auge sichtbar. — Meine Leser werden, obschon hier meine Erzählung zu Ende wäre, doch noch Einiges über die ferneren Schicksale der Personen wissen wollen, die an dieser Katastrophe Theil gehabt. Es soll dies gerechte Verlangen befriedigt werden. Ich war wieder der Erste gewesen, der von dem Bescheid, die Frau Sara frei zu lassen, Kenntniß erhielt, und der Tochter die glückliche Kunde bringen konnte. Auch vorher hatte ich es für Pflicht gehalten, Bertha bisweilen zu besuchen. Sie kam mir stets mit dem Ausdrucke des Dankes entgegen, und konnte nicht aufhören, nach ihrer Mutter zu fragen und über den Ganz der Untersuchung Aufschluß zu verlangen. Die tiefste Wunde ihres Herzens war selbstverständlich ihr Vater, an dessen Schuld sie nicht zweifeln konnte, so gern sie es mochte, und ihr eigenes Leben für seine Schuldlosigkeit hingegeben hätte. Sie fragte nie nach ihn,, lauerte mit peinlicher Angst, daß ich seiner erwähnen werde, was ja gar nicht zu umgehen war, und brach dann jedes Mal in heftiges Weinen ans, bei dem sie ihren schönen Kopf in ihre Hände versenkte. Jetzt konnte ich zu ihr eilen, ihr die Freiheit ihrer Mutter anzukündigen. Wie strahlten ihre Augen, wie leuchtete ihr Angesicht, wie erhob sie dankend ihre Hände zum Himmel ans! Konnte sie sich doch kaum zurückhalten, mir, dem erfreuten Boten ihres Glückes, um den Hals zu fallen. Ich hatte voraussichtlich einen Wagen bestellt, in welchem sie nach dem Gefängnisse fahren und ihre Mutter abholen konnte. Ich begleitete sie nicht dahin. Das Gericht stellte der Frau Sara aus dem Vermögen ihres Mannes die Mittel zu Gebote, sich in einfacher Weise, wie es ihrer Gewohnheit und ihrem Sinne entsprach, häuslich einzurichten. Rach ihrem eigenen Hause wollte sie nickN zurückkehren. Sie hat cs nie wieder betreten, Nachdem daö Unheil über Feitel gefällt war, hatte er auch das Verfugungsrecht über sein Vermögen verloren, und es wurde nach Abzug der beträchtlichen Prozeßkosten der Frau und der Tochter, als den berechtigten Erben, überwiesen. Freilich suchte Feitel noch einen Rachegedanken auSzufnhren. Er meldete sich zum Geständnis; einer Reihe von Wuchergeschäften, um die Benachtheiligten entschädigen zu lassen. Eine Anzahl seiner Angaben wurde, weil sie aus seinen Büchern und Papieren und von den betreffenden Personen nicht nachgcwiesen werden konnten, abgewiesen; der Rest nahm immerhin eine beträchtliche Entschädigungssumme in Anspruch. Sara unterzog sich diesem Verluste mit großer Genugthuung; denn nun erst, meinte sie, könne sie sich dieses Vermögens erfreuen, als der Frucht wirklicher Arbeit und laugen Darbens. Sie ging noch Weiler und .befragte den Rabbi, was sie wohl zu thun habe, um sich für den Genuß dieses ihr früher gänzlich verschlossenen Reichthums zu rechtfertigen? Er verwies sie auf das alte Gebot des Judenthums, den zehnten Theil seines Vermögenfür Hülfsbedürftige zu verwenden. Sie that Dies bereitwillig und sandte die Hälfte der beträchtlichen Summe an die Sladtarmenkasse, die andere stellte sie dem Vorstande der Gemeinte zu Gebote. Sie kaufte sich nun, nachdem sie ihr eigenes Haus mit seinem ganzen Inhalte hatte versteigern lassen, ein kleines Haus und bezog dasselbe mit ihrer Tochter. Sie lebte darin still und zurückgezogen. Als sie ihre frühere Wohnung verliest, richtete sie an mich keine Aufforderung, sie zu besuchen. Sic schien es, da sie mit Herzlichkeit von mir Abschied nahm, mir selbst zu überlassen. Einen Augenblick hatte ich daran gedacht, sie zu befragen, ob ich nicht wieder Wohnung bei ihr nehmen könnte. Ich unterdrückte es aber, theils weil ich sie nicht in die Verlegenheit setzen wollte, mir es abzuschlagen, wie es wahrscheinlich war, theils weil ich mir selbst nicht klar war, welchen Weg ich den beiden Frauen gegenüber einhalten sollte. Ich fühlte wohl, daß mein ganzes Her; an Bertha hing, daß diese traurige Episode ihres jungen Lebens sie mir überaus theuer gemacht. Aber tonnte ich übersehen, daß der Makel an dieser Familie mix zu großem Nachtheile in meiner Earrü-re gereichen würde, die doch bald mein einziges Susistcuzmittel ansmachen werde? Und nicht minder war es mir zuwider, jetzt nul die Hand des Mädchens mich zu bewerben, daö ein nach damaligem Verhättniß großes Vermögen besaß. Sie selbst und ihre Mutter konnten glauben, daß ich es unter den obwaltenden Umständen nur nur dieses Vermögens willen thäte, und die Welt nmßte annehmen, daß ich meine Ehre für dieses Vermögen verkaufte. Ich besuchte sie also jetzt nicht. Toch gestehe ich, daß ich öfter, alö meine Wege es uelhwendig machten, vor ihrem Hause vorüberging. Ich befand ruich nicht selten aus dem Wege dahin, ohne daß ich es beabsichtigte. Bisweilen gelang es mir, 52*

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