Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 37 (1873)
- Issue
- Heft 52 (23.12.1873)
- Date
- 1873-12-23
- Page
- Seite 857 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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857 wurde, und trotz der angestrengten Gegenwehr von Leiten der Polen und der feudalen „Rechtspartei. Herr Mises wurde bereits vom Präsidium des Hauses aufgefordert, seinen Sitz im Neichsrathe einzunehmen. Demnach wird Galizien gegenwärtig durch vier verfassungstreue Abgeordnete jüdischen Glaubens vertreten; denn, wie ich vorausgesagt, geht der fünfte jüdische Abgeordnete aus Galizien, Herr Mcndelsburg aus Krakau, durch Dick und Dünn mir den Nationalen. Bei dieser Gelegenheit ersuche ich Sie, einen Druckfehler, der sich in meine letzte obenerwähnte Correspondenz eingcschlichen, verbessern zu wollen: Es soll nicht heißen Stättegruppe Sambor- Drohobycz-Stoyj» sondern Sambor-Drchobycz-Stryj. Es dürfte Sie vielleicht interessiren, Etwas über die hiesigen jüdischen Schülerverhältnisse zu vernehmen. Indem ich mir aber die Schilderung dieser für ein anderes Mal Vorbehalte, beschränke ich mich hier nur auf die Eonstatirung des erfreulichen Factums, daß die Zahl der in diesem Schuljahre die hiesigen öffentlichen Mittelschulen besuchenden jüdischen Schüler allein 174 beträgt; und zwar besuchen 105 die beiden Gymnasien und 69 die Dberrealschule. Außerdem wird das Lchrerinnenseminar von 17 jüdischen Zöglingen besucht, von denen jedoch die meisten, wegen Mangels anderweitiger höherer Töchterschulen, diese Anstalt nur zum Zwecke höherer Ausbildung sreguentiren, wohingegen das Lehrerseminar keinen einzigen jüdischen Zögling zählt, indem bei den hicrländischen traurigen Eulturverhältnissen, bei dem nahezu gänzlichen Mangel an jüdischen Volksschulen, der jüdische Lehrer leider wenig Aussicht hätte, einen ans fester Basis gegründeten Wirkungskreis, wie auch — sein Brod zu finden. Nr. 8. n— Vukovar (Slavonien), 0. Dec. (Privatmitth.! Auch hier ist das Negierungsjubiläum des Kaisers und Königs Franz Joseph am 2. Dccember im israelitischen Tempel in sehr solenner Weise gefeiert worden, und hat die bei dieser Feier von dem dortigen Comitatsoberrabbiner Herrn David Löwy gehaltene Festrede bei allen Anwesenden, unter welchen sämmtliche Eomitatsbeamten, mit dem Herrn Obcrgespan an der Spitze, sich befanden, sich des wohlverdientesten Beifalles zu erfreuen gehabt. Frankreich. Paris, 15. Docember. (Privatmitth.) Frankreich ist jetzt mehr als je -das Land der Phantasmagorien. Die französische Nation ist seit IS70 aus allen ihren Fugen gerückt, und die Lebhaftigkeit, Leichtigkeit und Leidenschaftlichkeit des Geistes schasst deshalb ein Spiel mit der Wirklichkeit, das in schnellem Wechsel die sonderbarsten Gestalten vorübersührt. So konnte denn auch das bald ablaufende Jahr die einen Augenblick nicht unbegründete Befürchtung bringen, daß im Lande der Gleichstellung aller Eultc diese eines Umsturzes gewärtig sei. Ich sage begründet, theils weil von ultramontaner wie von radikaler Seite sich eine wahre Wüth gegen die Protestanten und noch mehr gegen die Juden äußerte, theils weil eine Zeitlang von RegierungSseite wirklich Schritte geschahen, die einen ganz veränderten Weg in Bezug, auf die beiten Confessionen zu betreten schienen. Aber mit dem Phantom der Lilienherrschaft ist auch dieses Gespenst verschwunden, und mag die Wahl Mac Mähens zum siebenjährigen Präsidenten in politischer Beziehung eine Bedeutung haben, welche sie wolle, für die Gleichstellung erweist sie. das; selbst die Majorität der Nationalversammlung .von solchem retrograden Wesen Nichts wissen wolle. Auch haben seitdem zahlreiche Beförderungen in der Civilwie in der Militair-Hierarchie gezeigt, das; man, auch hinsichtlich der Juden, ans die Eonsessien nicht rücksichtigt, ebenso wie in der Ertheilung der Ehrenlegion. Wir kennen daher mit dem neuen bürgerlichen Jahre jene Beängstigung ganz fahren lassen.-— Mit den Zeichnungen für die neue Gemeindekasse will eS nicht recht vorwärts gehen. Auch hier zeigt es sich, daß unsere Glaubensgenossen mehr thalkrästigen Sinn für coucrcte wohlthätige Zwecke, als für die allgemeineren Bedürfnisse der Religion selbst haben. Einrichtungen und Anstalten, welche die Stärkung und Hebung des religiösen Sinnes, die Kräftigung und Ausdehnung des religiösen Unterrichts bezwecken, finden verhältnißmäßig geringe Unterstützung. Man muß Kante, Blinde, 'Waisen oder sonst Hülssl^dürsüge zum Gegenstände seiner Thätigkeit machen, um offene Hände zu finden. Was darüber hinanSgeht, was die Religion undihre Lehre selbst betrifft, dafür ist man verschlossen. Für den Bestand und die Zukunft des IudenthumS ist Dies weder förderlich'° noch ermulhigend. Man wird sich deshalb nicht wundern, daß sich immer Wenigere dem jüdischen Lehrfache aller Stufen, der Wissenschaft und Literatur des Iudenthums widmen. Rmntiiiit'ii. Bukarest, im Dccember. lPrivatmittheil.) Wir haben in der jüngsten Zeit weniger Veranlassung gehabt, Eorrespondenzen auö nnserm Lande entgegenznnehmen. 'Wir wünschen uns Glück dazu. Vas seit langer Zeit ans hiesigen Lanken zu berichten war, hatte stets einen traurigen Klang. Ta aber Alles in der Welt seine Grenze findet, so geschah Ties auch hier. Tie einzelnen Befolgungen, die man über uns brachte, und die harten Gesetze, die man über uns verhängte, vermochten nicht uns ansznrottcn und verschwinden zu machen. Nachgerade sieht man also ein, daß man mit unS rechnen müsse, daß der bloße Haß und die blinde Wmh uns zwar vielen Jammer bereiten, aber doch wesentlich uns nicht niedcrzutreten vermögen, und dem Lande selbst großen materiellen Schaden bringen, abgesehen von dem üblen Ruse, der dadurch der ganzen Nation und ihrem jungen Staate in der ganzen 'Welt angehängt wird. Man mußte doch einsehen, rast, wenn man uns ganz ausplündert, dennoch Niemand