Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 37 (1873)
- Issue
- Heft 52 (23.12.1873)
- Date
- 1873-12-23
- Page
- Seite 851 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3224737-3226906-3226959--32213-3255174- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Herrschaft einer der beiden Parteien unterwirft. Die Stimmung der Majorität entscheidet. Diese Erkenntnis; ist einfach, und entgeht dennoch der Einsicht Bieter. Dies erweist sich aus den Mitteln und Wegen, welche seitens des Staates in diesem Kampfe gewählt werden. Es käme nämlich für ihn darauf an: zuerst das Volk der Einwirkung des Klerus, und dann den .Klerus, besonders den niederer«, der Herrschaft der Curie und der Bischöfe möglichst zu entziehen. Die preußische Gesetzgebung hat mit dem letzteren, statt mit dem ersteren Momente angefangen, und doch ist es einleuchtent, daß dieses viel schwieriger, zweifelhafter und einer langen Zeit bedürftig ist. Sie will einen auf Gymnasien und Unirersitälen gebildeten, vom Staate geprüften und genehmigten Klerus zur Anstellung bringen; abgesehen von der längeren Zeit, die Dies bedarf, stellen sich Dem die Bischöfe von den Anfängen an (nach der alten Regel |>nncipiis «thsi.-i!, hartnäckig entgegen, und eine unübersehbare Verwirruug ist die Folge. Für den .Klerus hat Dies den Bortheil, daß Dies rem Volke als unmittelbarer Eingrisi in die bisherigen Rechte der Kirche erscheinen muß, daß er als Märtyrer sich darstellen kann, und daß immer mehr katholische Gemeinden ohne Seelsorger bleiben. Ties kommt der Staatsregierung allmählig zum Bewußtsein, und sie sieht sich gezwungen, zu Dem zu schreiten, waS sie, unserer Meinung nach, zuerst hätte lhun sollen, nämlich das Volk rer Herrschaft und Beeinflussung der Kirche zu entziehen. Sie hat zunächst einen Gesetzentwurf über die Eivilehe und die Eivilstandsregister eingebracht, wodurch die Eheschließung von der specisisch-kirchlichen Beherrschung frei wird. Angedeutet ist bereits, daß sie etwas Aehnliches hinsichtlich der Kirchhöfe lhun will. .So wichtig diese Punkte sind, so werden sie doch weit überragt von der Schule, und so lange diese nicht coufessienslos gemacht, und die Beschassuug des Religionsnnlerrichles den Religionsgesellschaften selbst überlassen worden, wird ein wesentlicher Schritt aus dem ganzen Gebiete nicht geschehen sein. Dasselbe gilt von den Bermögensverhältnissen der Kirchengemeinden und den Einkünften des KlernS. Man wird sich fragen, warum die Regierung diesen letzteren Weg nicht zunächst eingeschlagen hat, und sich noch immer sträubt, ihn einzuschlagen? Abgesehen davon, daß er allerdings einen stärkeren Bruch mit der Vergangenheit bedeutet, ist wohl die Hauptursache, weil auf ihm auch die evangelische - Kirche in Mitleidenschaft gezogen würde, tlnd dazu bestimmen sich die tnaßgebenden Persönlichkeiten schwerer. Allein die Verhältnisse sind mächtiger, als alle Persönlichkeiten, und die Politik enthält ebenso wie die Natur eine Rothwendigkeit der Consequenz. Das Volt sagt dafür einfach: Wer A sagt, muß auch B sagen. Dieser außerordentliche Kampf hat im Einzelnen ebenso wie jene wirthschafiliche Krise viel Trauriges, aber für das große Ganze ist er von außerordentlichem Segen. Tie, die Gesellschaft beherrschenden Mächte müssen offen an's Vicht treten, für bestimmte Principien sich erklären, entschiedene Wege einschlagen. DaS Dunkel klärt sich; in Geheimnissen und Himer Schleiern läßt sich nicht mehr wühlen, und die Kreuz- und D.nerzüge müssen aufhören. — Wir haben schon angekemet, daß auch die evangelische Kirche in Mitleidenschaft gezogen wird. Auch in ihr liegen seit langer Zeit Streüelemente genug vor. Sie muß zu einer liberaleren Verfassung gelangen. Aber auch die Synagoge blieb davon nicht verschont. Zwar die bekannten Maigesetze, soweit sie aus die Juden ausgedehnt wurden, haben für sie geringe Bedeutung. Tenn eine Diseiplinargewalt übt die Synagoge nicht ans, und-der freie Austrill ans dem Judenthume widerspricht ihren Interessen in keiner Weise. Allein eie Gelegenheit war zu günstig, als daß nicht bereits länger vorhandene Bestrebungen, die jüdische Gemeindeversassnng zu beseitigen, sich ihrer hätten bemächtigen sotten. Man insinuirle der Staälsregierung, durch ein Gesetz die Gemeindeangehörigleil auszuheben, wodurch für zahlreiche Gemeinden die Auslösung oder doch die Verkümmerung herbeigeführt werden würde. Daraus entsprang eitle starke Bewegung, denn von allen Seilen erhoben die Gemeinden ihre Stimme dagegen. Das Resultat ist noch abznwarlen. — Ein anderer Uebelstand ist, daß die klerikale Partei die Juden überall als ihre Gegner ansieht, und deshalb mit allen Mitteln im Bolle den Haß gegen sie;u schüren sucht. An und für sich sind die Inden an den Zuständen der Kirche nicht betheiligt, vielmehr zu einem unparteiischen Siandpnnlte berufen. Wir können die Machlsülle der Hierarchie nicht billigen, renn wir versagen solche der Synagoge selbst ui jeder Weise. Aber ebensowenig verkennen tvir die Gefahr, aus der Kirche eine Staatsatlftall zu machen, waS die Synagoge, soweit sie es irgend vermochte, ihrerseits stets zu vermeiden suchte. Jndesien süld allerdings die Principien des kathelischen ttirchenrrch-ts und die von der Hierarchie cvftvcbton Ziele der Rechtsstellung der Juden entgegen, was der Sytlabns selbst ausspricht; und die moderne Existenz der Juden beruht aus reu Grundsätzen der modernen Staatsgesellschast. Fasten wir nlls nun über den drillen merkwürdigen Vorgang kurz. Er gehört Frankreich an. Während die fünf Milliarden an Deutschland vollständig gezahlt wurden, und die deutsche Dccnpatioir anfhörke, verstärkte fick' das Spiel der Parteien, durch welche Frankreich zerklüftet ist. Es bestanden drei nronarchische und drei republikanische Parteien, während die Soeialistcn und Eonnnnnarts am Boden liegen. Der eigentliche Schauplatz dieser Parteien und ihrer Kämpfe ist die Rationalversammlnng, die vor drei Jahren zum Abschluß des Friedens gewählt, sich auch die sollveräue Gewalt über die zukünftige Gestaltung res Staates anmaßl. Da vereinigten sich die drei monarchischen Parteien, um die Republik in dem Präsidenten Thiers zu stürzen; die eine derselben, die oileanistische, unterwarf sich der anderen, rer legitimistischen. Eine Zeitlang daher schien es, als ob die Wiederherstellung der Bourbonen gelingen werde. Dies ist gleichbedeutend mit der Herrschaft des Klerus. Derselbe