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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1873-12-23 · Heft 52 (23.12.1873) · p. Seite 850

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
37 (1873)
Issue
Heft 52 (23.12.1873)
Date
1873-12-23
Page
Seite 850 (sequence 2)
Language
German
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feine Capitalien in Papieren auzulegen genöthigt ist, und diese ohne Ausnahme weil im Werth sanken, der zu ausnehmender Höhe hinaufgetrieben war. Die Ursachen dieser vorauSznsehenden, aber dennoch unverhofften Krise waren die Ucberspeculation und die Täuschung, die allzuoft auch zum offenbaren Betrüge wurde, und sich übermäßig in die Ueberspeeulation hineingedräugt hatte. Dies mußte zusammen brechen, so gewiß, wie jedes Bauwerk, ras ohne genügendes Fundament und anS dem schlechtesten Material errichtet ist. Die Folgen waren sür zahllose Individuen traurig, für die Gesammtheit segensreich. Zuerst in sittlicher Beziehung; denn die Gewinnsucht war zu einer allgemeinen, alles gesunde Leben zerfressenden Krankheit geworden, aus dem leichten und überschwänglichen Gewinn erslossen Genußsucht und Luxus in schrankenlosem Maße; gegen die Mittel und Wege und deren sittlichen Charakter wurde man gleichgültig, Geld und Besitz allein wurden hochgeschätzt, Bildung, Wissenschaft, Verdienst und Tugend verloren alle Beachtung. Hätte Dies so längere Zeit fortgedauert, so würde die ganze Generation unterwühlt, und die Gesellschaft wesentlich geschädigt worden sein. Aber auch in wirthschastlicher Hinsicht; denn die solide Industrie hat weniger verloren, und wird sich bald wieder erholen; sie und der. gesunde Geldhandel haben wieder ihre normalen Wege sich zu eröffnen, und dafür freien Spielraum gewonnen, den ihnen die betrügerische Speeulation eingeengt halte. Die Lust ist wieder rein und ruhig geworden, und Jedermann weiß, daß eine solche unentbehrlich sür ein kräftiges Leben ist. Das große Publicum ist gewarnt, und wird durch den Schaden klug genug geworden sein, um wenigstens sür eine längere Zeit ähnlichen Antrieben sich zu verschließen. Bemerken wollen wir noch, daß der eigentliche Schauplatz Deutschland, Oesterreich, Italien und Nordamerika waren, Länder, die, gegen England und Frankreich gehalten, mehr scheinbaren, als wirklichen Reichthum besitzen. Dieser Umstand erklärt das Werden und den Verlaus der Krise. Vom wirthschastlichen Gebiete haben wir zum kirchlich-politischen überzugeheu. Das ablaufeude Jahr verzeichnet den offenen Ansbruch des .Kampfes zwischen dem Staate und der römisch-katholischen Kirche in seine Annalen. Lange vorbereitet, im CntwickelungSgange unvermeidlich, ist er jetzt zum entschiedenen Kriege gekommen, der auch, sei es in kürzerer oder in längercr Zeit, zu einem entschiedenen AuSgange gelangen muß. Das deutsche Reich, die Schwei; und Italien sind die Bühnen, aus welchen die Schlacht sich gegenwärtig abspielt. Aber in Oesterreich besteht nur ein augenblicklicher Waffenstillstand, denn die Streitelemente sind auch dort vollständig vorhanden, und die Waffen geschärft und gezückt; in Frankreich ist der Kamps verdeckt, weil die vorwiegende Regierungspartei mit dem Klerus geht, und die gegenüberstehende republikanische zu sehr politisch zu kämpfen hat, nrrr der klerikalen Bewegung essen cntgegenzutreten. Selbst England ist in Mitleidenschaft gezogen; in Spanien decken sich die politischen Parteien mit den kirchlichen, und gegen einige amerikanische lfrüher spanische) Staaten hatte der Papst in seiner jüngsten Enchclica nicht minder zu donnern. Man sieht hieraus, daß es ein Weltkamps ist, ein Culturkampf eminentester Art, der zugleich um so gefährlicher, als er sich im Innern der Völker selbst aufrollt, überall also ein Bürgerkampf ist. Wir haben schon früher in diesem Blatte auSeinandergesetzt, wie es gekommen, daß die römisch-katholische Kirche seit der Zeit des französischen Convents und der Abschaffung des Kirchenstaates durch Napoleon die Tendenz entschieden annahm, ihre Hierarchie zn einem absolut geleiteten, von kirchlichem Eifer erfüllten und in unbedingter Subordination gehorchenden Körper zu machen, und diesen zu benutzen, daö Volk durch die Beherrschung der Gewissen, der Familie und der Schule zur vollsten Unterwürfigkeit gegen die Kirche zu bringen. In dieser Tendenz ging man Schritt vor Schritt, von der Wiederherstellung des Kirchenstaates und des Jesuitenordens an, vorwärts, und verfolgte ihn conseguent bis zur Proclamirung des Syllabus und der Dogmatisirung der päpstlichen Unfehlbarkeit. Die reactionären europäischen Regierungen beförderten dieses Vorgehen der Kirche in jeder Weise, und waren sich durchaus nicht bewußt, welche Gefahr ihnen selbst dadurch bereitet wurde. Allein die Entwickelung des Geistes und der Gesellschaft ging trotz ihnen nnanshaltsam vorwärts, und die Verhältnisse, wie sie sich mit zwingender Gewalt ergaben, rangen der bisherigen Reaetion die Herrschaft aus der Hand. Es mußte sich da bald zeigen, daß die Kirche in ihrem Machtstreben principiell und factisch der entwickelten Gesellschaft gegenüberstand. Am entschiedensten war Dies der Fall in Italien, wo die Einheit des nationalen Staates mit dem Dasein des Kirchenstaates zu unvermeidlichem Eonflicte zusammeniraf. Mit dem Fall deS letzteren mußte der Kirchenpartei in allen Ländern daö bestimmte politische Object, die Wiederherstellung der weltlichen Herrschaft des Papstes, gegeben sein. Mit diesem Objecte trat die Kirchenpartei in das deutsche Reich ein. Hier abgewiesen, bildete sie eine offen auftretenee politische Partei, und hierdurch wurde die deutsche ReichSregiernng und die Regierungen der einzelnen deutschen Staaten, insbesondere die preußische, auf die Gefahr der kirchlichen Macht, man verzeihe uns den Ausdruck, mit der Rase gestoßen. Nunmehr brach der Kamps offen aus, und zwar auch hier wieder mit dem Borpostengefecht, der'Austreibung der Jesuiten. Was also in rer Schweiz und Italien mehr den einfachen Kampf über die Grenzen deS Staates und der Kirche in ihren Machtbefugnissen bedeutet, Das ist in Deutschland noch viel mehr politischer Natur, nämlich die Ueberwindung einer oppositionellen politischen Partei. Fragt man uns, um was cS sich eigentlich handelt? fo antworten wir: Daö Volk von staatlicher Seite der Herrschaft der Kirche, von kirchlicher Seite der Herrschaft des Staates zu entziehen. Tenn cs ist offenbar, daß die Macht beider eben nur darin beruht, wie west daS Volk sich mehr der

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