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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1873-12-16 · Heft 51 (16.12.1873) · p. Seite 843

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
37 (1873)
Issue
Heft 51 (16.12.1873)
Date
1873-12-16
Page
Seite 843 (sequence 11)
Language
German
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843 sah sich mit Weib unk Kind dem Untergange nahe. Zn kiescr habe er sich an Feitel gewandt. Er hätte imnter neben der Welle auch mit altem Eisen gehandelt, und wußte von tiefem eine Menge Plätze, wo es bei den Bauern unbenutzt aufgehänft lag. Gern sei er zu Feitel nicht gegangen, denn er wußte, daß dieser seine Leute unbarmherzig anSsauge, während Leeser der bravste Mensch und die ehrlichste Seele gewesen. Er kam;n Feitel, und forderte ihn auf, mit ihm Geschäfte zu machen. Ein solches lag eben auf's Lortheilhafteste vor; er müsse dazu aber Geld haben. Feitel wußte ihm geschickt seine ganze Lage abzufragen, und so gestand er ihm die große Noch, in der er Leeser gegenüber sich befand. Kaum aber hatte Feitel den Namen Leeser s gehört, so stieg die Röthe des Ingrimms auf sein Gesicht. Es war eben ein Tag, nachdem Feitel den Korb von der schönen Sara erhalten. Er sagte kurz und barsch: „Sehet zu, wie Ihr den Leeser vom Halse Euch schasset! Wenn Ihr ihn los seid, können wir von Geschäften' reden. So lange Ihr ihn nicht vom Halse habt, mag ich Nichts mit Euch zu thun haben!" Damit, berichtete Fischer, wies er mich fort. — Die Worte Feitel's waren mir schwer in den Sinn gefallen. Ich sollte ihn mir „vom Halse schassen!" Wie sollte DaS geschehen, wenn er mir die Geldmittel dazu versagte, wenigstens den ersten Termin einznhaltcn? Leeser hatte meine Schuldscheine in Händen. Ich hatte Feitel meine ganze Hülflosigkeit geschildert. Was konnten also jene Worte bedeuten? Ich gerieth in große Wuth, und in dieser fiel mir zuerst ein. daß jene fatalen Worte nichts Anderes bereuten könnten, als Leeser ans der Welt zu schaffen. Ein anderer Ausgang war gar nicht möglich. Er, oder ich, — und da ich für meine Person nicht weichen wollte, mußte er es. Dieser Gedanke wich nicht wieder aus meiner Seele. Damals war es, wo ich zum erstenrnale meine Zuflucht zum Branntwein nahm, um mir Muth und Entschlossenheit anzutrinken. Ich überlegte, ich entwarf den Plan. Allein, Das sah ich. konnte ich cs nicht ausführen, selbst, wenn ich Leeser überfiel. Irgend ein kleiner Zufall konnte ihn retten, und dann war ich ganz verloren. Indes;, nach einem Verbündeten brauchte ich nicht lange zu suchen. Ter Wirth des Waldkruges war mir bekannt, ein wüster Geselle, der "Nichts scheute. Es war der verwegenste Schmuggler, und ich hatte ihn dazu oft benutzt. Ihm konnte ich vertrauen, wenn er reichlichen Lohn fände. Ich brauchte bei ihm nicht lange ansznholen, wir verständigten uns: er sollte die Hälfte Dessen erhalten, was wir Leeser abnehmen würden. Daß diese keine kleine Summe sein sollte, dafür wollte ich schon sorgen, und dachte, Leeser'n ein sehr bedeutendes Geschäft vorzuscblagen, und ihn aufzuforden, meine Schuldscheine mitzubringen tind eine Summe von wenigstens fünfhundert Thalern, da so viel erforderlich sein würde! Ich konnte ihm ein Rittergut angeben, von' welchem ich die ganze Wolle erhalten sollte. Aber Knorring ergab sich nicht so schnell. Er meinte, DaS wäre Alles gut. aber eS sei doch möglich, daß der Jude Nichts mitbringe, und obschon er sich kein Gewissen daraus mache, einen solchen ans der Welt zu schassen, so wolle er doch seinen sicheren Prosit davon haben. Er müsse daher wenigstens einhundert Thaler im Voraus haben, die ihm kann wieder von der Beute abgezogen werden konnten. Er ging hiervon nicht ab. Jetzt, wo ich meinen Plan so klüglich ausgesonnen hatte, und des Gelingens ganz sicher war, empfand ich den größten Eifer, ihn durchzusühren. Ich eilte zu Feitel, sagte ihm, daß seine Worte von mirvoüführt werten sollten, theilte ihm meinen Plan mit, und forderte von ihm, mir die Hundert Thaler für Knorring vorzuschießen. Er antwortete keine Silbe, aber ging zu seinem Schranke, und legte die Hundert Thaler in meine Hand." „So ging ich, und bereitete sorgfältig Alles vor.. Wozu nun die Einzelheiten? Sie wissen sie ja selbst. Der Uebcrfall gelang nicht ganz. Leeser fetzte sich zur Wehr und rang mit Knorring, bis dieser ihm das Messer in den Leib stieß, da brach er zusammen. Wir nahmen schnell Alles, was er bei sich hatte. In diesem Augenblicke gewahrte Knorring im "Nebel zwei Gestalten erscheinen, die sich dem Platze näherten. Daß wir sie in dem dichten "Nebel bereits sehen konnten, trieb uns zur höchsten Eile an. Wir warfen den Leichnam in's Wasser, huschten hinter das Gebüsch, und erstiegen im Walde die Höhe, wo wir durch das Unterholz auf pfadlosen Wegen im Umwege nach N. zum Jahrmärkte gingen. Unterwegs theilten wir die Beute, und vernichteten Alles, waS uns verrathen konnte. Die Schuldscheine zerriß ich, und verschluckte die Papierstückchen. An der Stelle der That selbst mußte Knorring das Couvert meines Briefes genommen und sein Messer daran abgewischt haben. Es war später die erste Spur, die zu Feitel und zu mir führte. Ich brachte in der folgenden "Nacht Feitel die Hundert Thaler, unb da verlangte er als einzigen Antheil die Uhrkette, die er auch erhielt. Weiter habe ich Nichts zu sagen." Den letzten Theil seiner Aussage brachte Fischer nur noch mübsam hervor, nicht etwa aus Abscheu gegen seine That und aus Neue darüber, sondern eben, weil seine Kräfte zu schwinden begannen. Als er zu Enke war, brach er fast ohnmächtig zusammen. Der Gerichtsrath ließ ihn in sein Gefängnis; znrückbringeu, und befahl die sofortige Freilassung Sara's, da jetzt die Anklage wider sie vollständig ohne irgend welchen Grund geblieben. Hinsichtlich Fischer's hielt er sein Wort, und der Arzt rieth, ihm täglich eine kleine Ration reinen Branntweins zu reichen, weil sonst seine Lebensgeister schnell schwinden würden, um so mehr, da ihm die frische Lust entzogen bleiben mußte, an die ihn sein vagabundirendes Leben gewöhnt hatte. Er nahm übri» genS auch in späteren Verhören von seiner Aussage Nichts zurück, sondern bestätigte sie iu allen Theilen, und ergänzte sie, wo noch eine Lücke vorhanden schien. sSchluß folgt.) 51*

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