Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1873-12-16 · Heft 51 (16.12.1873) · p. Seite 844

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
37 (1873)
Issue
Heft 51 (16.12.1873)
Date
1873-12-16
Page
Seite 844 (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3226906-3226958--32205-3255165
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

844 Warnungstafel. Es sind uns in der letzteren Zeit von den verschiedensten Seiten Berichte über Vorgänge zugekommen, welche einen betrübenden Eindruck machen, und eine energische Gegenwirkung erfordern. Das Publicum muß einerseits gewarnt, und die Uebelthäter abgeschreckt werden. Es kann Dies vorzugsweise durch die Presse geschehen, welche die Kenutniß solcher Vorgänge und die damit verbundene Warnung und Abschreckung bis in die fernsten Gegenden tragt. Wir haben imnler gemeint , daß es der Beruf der jüdischen Presse nicht bloß sei, die Lichtseiten und die Verdienste seitens unserer Glaubensgenossen bekannt zu geben, sondern auch ungescheut die schwarzen Flecken zu beleuchten, und so aus Besserung, Veredelung, Erhöhung der Sittlichkeit und Religiosität zu wirken. Nur so kann sie auch für das Schotte und Gute, das in unserer Mitte geschieht, die Glaubwürdigkeit und Autorität in Anspruch nehmen. In diesem Sinne führen wir obige Rubrik m unsere Zeitung ein. Es versteht sich, daß hierbei die größte Unparteilichkeit und Vorsicht geübt werden muß, um jedes oft nicht wieder gut zu ntachenoe Unrecht zu vermeiden. Es darf nur mirgethcilt werden, was durch die glaubwürdigsten Zeugen documentirt ist, und wofür die Mittheilcr persönlich ein treten. Auch könne» hierbei rein persönliche Vorkommnisse nicht berücksichtigt werden, wenn sie nicht zugleich einen gewissen allgemeinen Zug, eine gewisse allgemeine Beziehung enthalten. Wir würden uns glücklich schätzen, wenn wir diese Rubrik bald wieder verschrei nden lasset!, oder sie doch nur selten verwenden könne». Die Redaction. 1. Pasewalk, 4. December 1873. Folgendes Ereignis; verdiente wohl, als warnendes Beispiel für jeden Israeliten in die Allgemeine Zeitung des Jtldenthuniö aufgcnomlnen zu werden. Vor «ugesähr acht Wochen kam durch Vermittelung eines CantvrS aus Reu-Brandenburg ein junger Mann zu mir, welcher sich Mendel Lazarus nannte, Eantor aus Demmin war, die beste» Zeugnisse aus Crivitz und Brühl, wo er fünf Jahre Religionslehrer und Schächter gewesen, mit sich führte, und um die Hand meiner Tochter anhielt. Selbiger gab vor, Geschäftsmann werden Pt wollen. Das Fach eines ReligionslehrerS behage ihm nicht mehr. Ich hegte nicht den geringster! Zweifel an seiner Ehrenhasri^eit, denn nach kurzem Zusammensein mit ihm fand ein Iser viele talmudischc Kenntnisse bei ihm; da auch gleichzeitig seine außerordentlich guten Zeugnisse ihn in das DortheilhasMe Lacht stellten, besann ich mich nicht lange, und willigte in die Herrath ein. Der Lazarus schien mir auch klug genug, um bald der Leiter eines kleinen Garderobengeschäftes sein zu könne«, welches ich ihm als Mitgift meiner Tochter geben wollte. Wir feierten Verlobung nach jüdischem Ritus. Es wurden ihm eine goldene Kette, drei goldene Ringe, noch diele andere Sachen von Werth geschenkt. Nach vier Wochen, da sein Contract abgelaufen, sollte er zu uns kommen, wo ihm alsdann Gelegenheit werden sollte, das Geschäft zu erlernen, dann noch einige Wochen später sollte die Hochzeit gefeiert werden. Lazarus kam; trug die größte Frömmigkeit zur Schau, genoß daher unser allseitiges Vertrauen. Ich ließ ihn mit meinen Söhnen mehrere Jahrmärkte besuchen, gab ihm zu diesem Zwecke für noch mehr als 1 oo Thalcr Waare als sein eigen, damit er mit noch mehr Lust und Liebe dem Geschäfte nachgehen sollte. Meine ganze Familie betrachtete ihn als schon ganz zu uns gehörig. Ich halte in der belebtesten Straße unserer Stadt einen Laden nebst Wohnung gemiethet. Die Einrichtung sollte gemacht werden. Ich gab meinem Sohne die Weisung, mit ihm am Montag vor drei Wochen nach Stettin zu reisen, um dort Waare für ihn eiitzukaufen, da an dem darauf folgenden Sonntage sein Geschäft eröffnet werden sollte. . Lazarus reiste mit meinem Sohne nach Stettin. Freundschaftlich schied er von uns Allen. In Stettin angekvmmen, wurden die Einkäufe gemacht. Später bat er meinen Sohn, er möge ihn koch nach seinem Bekannten, einem Herrn M.^seö, bringen, da er sich unwohl fühle, und nicht rnehr im Stande sei, weiterzugehen, und ihn nach einer Stunde wieder abzuholen. Doch als die Stunde verstrichen war, — war Lazarus verschwunden, Niemand konnte angeben, wo er geblieben. Anfangs beruhigte sich mein Sohn, denn er glaubte, Lazarus würde mit dem Rachrnirtagszuge nach Hause gefahren sein. Doch er blieb verschwunden. Am anderen Tage gingen wir nach seiner Wohnung, doch die Schlüssel hatte er mitgenommen; die Stube mußte erbrochen werden. Wer beschreibt unseren Schrecken, als wir auch feinen Koffer nicht mehr vorfanden. Diesen hatte er schon am Abend vor seiner Abreise von zwei Leuten nach der Lahn befördern lassen; dann wurde uns ferner mitgetheilt, daß der Koffer so schwer gewesen, daß eS den beiden Leuten nur mit großer Anstrengung gelang, denselben zur Bahn zu tragen. — Also LazaruS war und blieb fort; mit ihm ein Theil meines saner erworbenen Gutes. Ich bin kein reicher Mann, Vater von acht Kindern, muß mich mit meinen Kindern sehr mühen und quälen, um redlich durchzukommen, Sie können sich daher unseren Kummer leicht verstellen. An baarem Gelde, was ich nur weiß, sind cs circa 50 Thaler, die er unterschlagen. Eine silberne Eigarrenspitze, die er gestohlen, noch inehrere Werthsachen, ein Theil meiner Wäsche, sowie ein Theil von der Waare, welche sich in seinem Laden befand. Aus jegliche Art und Weise hat mich dieser Scheinheilige bestohlen; nur noch ein Paar Wochen in meiner Nähe, ich wäre ein ganz armer Mann ge-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.