Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1873-12-16 · Heft 51 (16.12.1873) · p. Seite 842

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
37 (1873)
Issue
Heft 51 (16.12.1873)
Date
1873-12-16
Page
Seite 842 (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3226906-3226958--32203-3255163
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

842 des Stiefels nicht spitz zulief, sondern ausnehmend breit abgefchnitten fein mußte. Es war hier kaum ein Irrthum möglich. Man hatte jetzt, was damals der eine Polizist gewünscht hatte: DaS, was zwischen Haar und Fuß hineingehörte. Als die Polizisten ihn wieder losgelassen, sprang Knorring auf, und fragte ungestüm, was Liese ganze Procedur denn solle? Haar und Füße habe er, wie jeder andere Mensch, und da könne Jeder kommen, Haar und Füße mit den seinigen zu vergleichen, denn viele Andere hätten auch solche Haare und Füße wie er! „WaS Dies bedeuten soll?" rief ihm jetzt der Gerichtsrath mit schneidender Stimme zu. „Daß Ihr der Mörder Leeser's vor dreißig Jahren am Iudenteiche wäret, Ihr und kein Anderer! ..." Knorring stieß ein Hohngelächter aus. „Und Das wollen Sie aus diesem Plunder beweisen? ... Ich leugne Alles und verwerfe es. Ich weiß Nichts von der .ganzen Geschichte, und war an jenem Tage mit meiner Frau aus dem Iahrinarkte zu N., wie sich der Richter überzeugte, der damals in meinem Hause war. Ich berufe mich auf den." „Das wird Euch wenig helfen", fuhr der Gerichtsrath ruhig fort. „Uebcrzeugt hat sich jener Richter nicht. Ihr und Eure Frau hatten es ihm gesagt, und er hatte damals keine Veranlassung, die Sache zu verfolgen. Jetzt noch Leute darüber-zu befragen, wäre nutzlos; denn nach so langer Zeit kann sich Dessen Niemand erinnern. Auch würde es ganz überflüssig sein, denn' Euer eigener Kopf und Fuß legen vollgültiges Zeugniß wider Euch ab. Sträubet Euch daher nicht. Wollet Ihr Euer.Schicksal mildern, so vermöchtet Ihr Dies nur durch ein offenes, reumülhiges Gestand« iß. Ihr habet lange Zeit genug die Vortheile Eures Verbrechens unbestraft genosien, unterzieht Euch daher jetzt willig seinen Nachtheilen. Gestehet, Knorring, und etz möchte Euch besser ergehen, als Ihr verdient." Trotz diesen Worten überraschte es den Gerichtsrath durchaus nicht, daß sie bei dem verstockten Sünder keinen Eingang fanden. Dieser fuhr vielmehr wüthend auf, erklärte dies Alles für Unsinn; er habe Nichts gethan, wofür er gestraft werden könne; er könne nicht gestehen, wovon er gar Nichts wisse. Der Gerichtsrath antwortete ihm nicht mehr, sondern ließ ihn abführcn. mit dem Gebote, ihn auf's Strengste zu überwachen. — Den Albert Fischer ließ der Gerichtsrath ganz ungestört vier Tage in seiner Zelle. Er hatte sich genau über dessen Persönlichkeit und Beschaffenheit informirt. Der Arzt des GefangenhauseS hatte ihn beobachten müssen, und seinen Rath erlheilt. Der Gefangene erhielt angemessene Kost, aber genau wie das Reglement vorschrieb, keinen Tropfen Branntwein, so viel auch Fischer darum bat, bettelte und weinte. Als er am fünften Tage vorgeführt ward, zeigten sich bereits die Wirkungen dieses Verfahrens. Er war wie zusammengefallen, seine Gestalt gebeugt, seine Glieder schlotterten, feine Augen waren halb geschlossen. Er konnte sich kaum aufrecht erhalten, man mußte ihn sich setzen lassen. Der GerichtSrath redete ihn uiilde an und fragte ihn: Wie es ihm ginge? Er sehe roch schwach und krank aus. Da begann Fischer jämmerlich zu klagen. Der Herr Rath solle ihm doch nur ein wenig Branntwein gewähren; er sei ein alter schwacher Mann, der sich einmal daran gewöhnt, und der ohne solchen nicht leben könnte. Der Rath antwortete: „Das vermag ich nicht, ehe Ihr nicht verhört seit. Das Reglement verbietet es. renn Ihr könntet dadurch so verwirrt werden, daß Euch die Antwort schwer würde. Gesteht nur Alles offen und der Wahrheil gemäß, und ich werte dann sehen, was sich thun läßt." „Wie?" raffte sich Fischer gleichsam aus, „versprechen Sie nur, wenn ich gestanden habe, eine gute Portion Branntwein?" „Versprechen kann ich Euch DieS nicht," erwiderte der Rath, „sonst würdet Ihr ja Eure Aussage unter dem Vorwände widerrufen können, ich hätte Euch dafür einen tüchtigen Trunk verheißen, und darum hättet Ihr ausgesagt. Aber ich werde mit dem Arzte sprechen, und wenn dieser meint, daß zur Erhaltung Eures Lebens und Eurer Gesundheit eine kleine Portion nothwendig ist-, so werde ich Euch dieselbe täglich verabreichen lassen." Dem Gefangenen leuchtete die Freude über, diese Aussicht aus dem fahlen, verfallenen Gesicht. „Ach, waS braucht's dazu den Arzt? Sie können cS mir ja vom Gesichte abfeheu. Und eine kleine Portion, Herr Gerichtsrath? die macht es nicht. Es gehört schon viel dazu." Er schüttelte wehmülhig mit dem Kopfe. „Run, Das wird sich finden. Ich verspreche Euch Nichts, aber werde sehen, was sich thun läßt." „Ach, Sie scheinen mir ein guter Herr, und so will ich Alles sagen, was ich weiß. Es hilft mir doch 'Nichts niehr, ich bin verloren und des Lebens überdrüssig, noch dazu, wenn ich so weiter leben soll, wie dieser Tage in der engen Zolle, ohne den geringsten Schluck. Ich will Alles sagen." Und nun begann er zu erzählen. Seil vielen Jahren habe er mit Leeser in Geschäftsverkehr gestanden. Derselbe habe ihm Vorschüsse gemacht, um Wolle einznkaufen. Da letztere nicht immer in der Höhe der crfteren gewesen, sei er nach und nach in dessen Schuld gerathen. Leeser, er müsse cs gestehen, habe sehr brav gegen ihn gehandelt, und die Verbindung mit ihm nicht abgebrochen, selbst als seine Feinde Leeser gegen ihn umzustimmen versuchten. Endlich habe ihm dieser erklärt, daß er ihm Nichts niehr vorschießen, nur gegen Waare zahlen werde, und die Rückzahlung der auf mehr als zwölfhundert Thaler angewachsenen Schuld, sei eS auch nur allmälig, aber entschieden verlange. Er, Fischer, habe ihm bestimmte Termine aubcraumt, und der erste derselben sei herangerückt, ohne daß er die geringsten Mittel, ihn einzuhalten, besessen. Er wußte sich nicht mehr zu helfen. Sein Haus war schon übermäßig belastet, und er

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.