Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 37 (1873)
- Issue
- Heft 50 (9.12.1873)
- Date
- 1873-12-09
- Page
- Seite 828 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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828 kann Euch Dies nicht schwer werden, denn Ihr seid an das Herunilnngern und Bettelngehen längst gewöhn:, und kennt alle Schlupfwinkel nach allen vier Himmelsgegenden." „Das habe ich selbst gedacht. Ich muß mich aus der schlinge ziehen, damit sie sich nicht um meinen Hals zusammenzieht. Aber sehet, der Bortheil davon ist doch zumeist aus Eurer -.Leite. Tenn, wenn ich fehle, so fehlt das Mittelglied zwischen Feitel und Euch, und Ihr seid sicher, und könnt in Eurem trockenen Hause bleiben. Ich kann doch aber nicht so fort. Ich habe leinen Pfennig Geld, und darf mich unterwegs nicht aufhallen, bis ich weit, weit von hier weg bin. Also, Ihr müßt mir Geld geben!" „Geld!" rief entrüstet der Wirth. „Daß ich ein Rarr wäre! Damit Ihr in rer tiächstert Kneipe eö vertrinkt, und dann liegen bleibt, bis die GenSdarmen kommen mit Euch holen!" „dlücht doch, Knorring; für waö für einen Thoren hallet Ihr mich! Diesmal gilt es Ernst, jetzt handelt es sich um meinen und Euren Hals, und da werde ich nicht stille stehen, als bis ich weit, weit vom Schuß bin. So viel Berlrauen auf den Berstand von Albert Fischer werdet Ihr doch wohl haben." Dabei richtete er sich steif auf, so weit er Dies noch vermochte, und sah den Wirth fast stolz, und doch mit blinzelnden Augen an. Dieser schüttelte verdrießlich den Kopf, griff aber doch in die Tasche und warf Jenem eine Anzahl Silberftücke zu. „Run macht aber, daß Ihr fortkommt! Gleich auf der Stelle!" Fischer langte gierig nach dem Gclde, und steckte es in die Hosentasche. Dann stand er auf, stülpte den zerknitterten Hut auf den Kopf, nahm seinen Knotenstöck, und wandte sich nach der Thüre, die zur Hausflur führte. Mitten im Zimmer blieb er stehen, drehte sich noch einmal zum Wirth herum, holte ein Geldstück aus der Tasche, und sprach gravitätisch: „Wirth, gebt mir ein Glas, ein großes, und vom Besten. Hier ist das Geld!" Knorring sah ihn entrüstet an, hob die furchtbare Faust und sprach zornig: „Willst Du gehen, Tu Lump! Srer ich schlage Dir die Knochen entzwei! . . ." Fischer zuckle zusammen, und wollte sich entfernen. In diesen: Augenblicke offnere sich die Thüre und ein Gensdarm erschien in derselben. Einen Augenblick standen Knorring und Fischer wie versteint; rann eilte der letztere um Knorring herum und nach einer anderen Thüre, welche in eine Kammer, und von da in den Hof und über riesen in den Wald führte. „Halt da." rief der Gcnsdarm, „oder ich sch'.eße'." Mit diesen Worten riß er die Flinte von der Schulter und legte an. Nasch trat Knorring dicht vor ihn hin, und drängte ihm dabei die Flinte zur Seite. „Wen sucht Ihr?" rief er Jenem zu. — "Den da, den Albert Fischer; macht Platz, oder. . ." Dabei suhrtc er einen gewichtigen Stoß gegen Kitorring. Dieser jedoch, dem Alles daran lag, daß Fischer einen Borsprung erhalle, faßte seinerseits den GenSdarmen, indem er ries: „Das ist ja der Fischer gar nicht, das ist der alte Peter aus Walpitz!" Der Gensdarm hieb noch einmal ans Knorring, und dieser, in Wmh gesetzt, begann mit seinem Gegner zu ringen, und brachte ihm einen Schlag auf den Kopf bei, daß er taumelte, und um Hülfe schrie. Unterdeß war Fischer entkommen, und rannte über den Hof, um den Saum des Waldes zu erreichen, wo er sich so gut wie geborgen wußte. Eben aber rannte er durch die Hosthürc, als ein anderer Gensdarm ihn: den Weg vertrat, der nach der Verabredung mit seinem Kameraden den Krug von der Rückseite betrat. Er erkannte seinen Vogel sogleich, faßte ihn, und holte Eisen ans der Tasche, mit denen er den Wehrlosen und Zitternden schloß, und ihn vor sich her stieß. In diesem Augenblick vernahm er auch den Hnlferus seines Kameraden, schnell band er' mit einen: Strick seinen Gefangenen fest an einen Pfosten, zog sein Seitengewehr, und eilte durch die Thnren, die Fischer offen gelassen, in die Gaststube. Zwar wandte sich jetzt Knorring auch gegen Diesen. Aber ein Säbelhieb über den rechten Arm machte ihn fast kampfunfähig, und der andere Gensdarm hatte sich schnell erholt, überwältigte ihn von: Rücken her. Bald war Knorring ebenfalls gefesselt, und einige derbe Kolbenstoße belehrten ihn, daß er hier gehorsam sein müsse. 'Rach kurzer Besprechung beschlossen die beiden Wächter des Gesetzes, auch den Herrn Knorring nach der Stadt mitzunehlnen, da er sich jedenfalls grober Widersetzlichkeit und des Versuches, einen Verdächtigen entschlüpfen zu lassen, schuldig gemacht. So lieferten sie statt eines, zwei Gefangene ab.- Der Gerichtsrath hatte seine Arten gut studirt, und als ihm jene Erklärung des Albert Fischer unter den Papieren Feitel's in die Hände gefallen, erinnerte er sich sofort, daß bei der ersten Untersuchung der eigentliche Verdacht auf diesem Fischer rnhete, und daß dieser feine Anwesenheit auf dem Jahrmärkte in N. zur Zeit, da das Verbrechen geschah, nur mangelhaft hatte erweisen können. Das Gravirendste für Fischer war sein Leugnen gewesen, an Leeser eine bedeutende Schuld gehabt zu haben, die bei den: Mangel an juridischer Beweiskraft aus Leeser'ö Buch ersichtlich, aber nicht erweisbar gewesen! Er setzte daher voraus, daß das in jenem Schriftstücke erwähnte Geheininiß mit den: Morde in Verbindung stehe, und davon brachte ihn die Aussage Feitel's am wenigsten ab. Da nun selbst nach dieser ein grobes Vergehen vorlag, so stand er keinen Augenblick an, einen Verhaftsbefehl gegen Fischer anszuferligen, und übergab ihn den zwei tüchtigsten Gcnsdamen zur Ausführung. Letztere war aber nicht leicht. Fischer war in: Laufe der Jahre immer tiefer gesunken. Seine Frau war in: Elend gestorben, seine Kinder waren verschollen, er selbst zun: Trunkenbolde geworden. Er vagabondirte im Lande Hern»:, und hatte keine Heimstätte mehr. Als die Genödarmen ihn in E. nicht trafen, vernahmen sie, daß