Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 37 (1873)
- Issue
- Heft 50 (9.12.1873)
- Date
- 1873-12-09
- Page
- Seite 827 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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827 gehabt; die Wände waren getüncht. Tische und Bänke weniger gebrechlich, und eine große schwarzwälder Uhr zeigte den Gasten die Zeit ihres Kommens und Gehens an, wenn sie diese berücksichtigen wollten. Der Gast verrieth in seinem Aenßcren Armuth und Verkommenheit. Er mochte die Sechszig überschritten haben, sah aber viel älter aus. Sein Gesicht trug unverkennbar die Spuren des allzureichen Genusses von Spirituosen, und die ursprüngliche Schlauheit und Tücke, die sich in dieses Gesicht eingegraben hatte, war von dem blöden Sinne, den die oftmalige Trunkenheit mit der Zeit hervorbringt, wie verschleiert. „Nun, Knorring," sprach er mit süßlicher bettelnder Stimme, „gebt mir vor Allem ein Gläschen! Ich habe Euch Wichtiges mitzutheilen." „Habt Ähr Geld," lautete die mürrische Antwort, „so sollt Ihr den Schnaps haben. Ihr wisset, Ähr bekommet, wie wir es abgemacht haben, alle vier Wochen einmal freien Branntwein bei mir, sonst aber nicht einen Tropfen. Ich würde Euch sonst jeden Tag hier sitzen, und bei Gelegenheit auch liegen haben. Nun sind es erst vier Tage, daß Ähr Euch an diesem Tische vollgetrunken. Es giebt also heute keinen Tropfen, und Ihr thätet am besten, Fischer, Ihr machtet Euch gleich wieder auf den Weg!" Bei diesen Worten wollte der Wirth sich entfernen und die Ctnbe verlassen. „Halt!" kreischte ihm der Andere nach. „Bleibt hier, es geht Euch so gut, wie mich-an, eS ist Gefahr im Verzüge, und Ähr werdet es bereuen, wenn Ähr mich nicht, angehört habt." Der Wirth stutzte, und wandte sich seinem Gaste wieder zu. „So sprecht, und wenn cs der Mühe werth war, so sollt Ihr hinterdrein ein Glas haben." „Wein, nein; ich kann nicht eher sprechen, meine fast verdorrte Zunge bringt Nichts heraus, wenn sie nicht vorher angefeuchtet worden." „So sollt Ä.hr ihn haben; betrügt Ähr mich aber, Fischer, so ziehe ich ihn Euch das nächste Mal doppelt ab." Der Wirth brachte ein Glas Fusel, und der verlumpte Fischer, der ehemalige Kaufmann in C., stürzte es mit einem Male herunter, schnalzte mit der Zunge, und hob dann an: „Habt Ähr noch nicht gehört, Knorring, daß der Jude, der Ascher Feitel, vor einigen Tagen in's Gefängniß gebracht worden?" „Nun," antwortete der Wirth gleichgültig, „was geht Das mich an, eS wird wohl eines der Wuchergeschäfte sein, die der Kerl so eifrig, wie schlau betreibt. Der Krug geht so lange zu Wasser, bis er bricht."; „Ähr seid im Jrrthnm; eS handelt sich um etwas Anderes. Seine Frau hat ihn wegen jener fatalen Geschichte am Äudentciche, Ähr wißt, angegeben, und eS wird auf ihn als den Mörder Leefer'S inqnirirt." Diesmal erschrak der Wirth, trat dichter an den Tisch, und sprach leiser und ängstlicher: „Donnerwetter. Ähr glaubt doch nicht, daß der Mensch sich und nnS verrathen wird? DaS wäre, nachdem dreißig Jahre verflossen, und die Sache längst vergessen ist. Doch nein! Was kann die Frau wissen? Er kann doch nicht geplaudert haben. Wieso ist denn Das gekommen?" „Sic hat bei dem dummen Menschen die Uhrkette gefunden, die er sich damals von uns geben ließ; sie erkannte sie, und bei einer der häufigen Zänkereien, die zwischen ihnen stattfanden, hat sie es auSgeschrieen." Der Wirth schlug mit seiner großen schweren Faust auf den Tisch. „Wie konnte der schlaue Feitel so aberwitzig sein, die lumpige Schnur bei sich aufzuhcben!" Doch fügte er nach kurzer Zeit hinzu: „Nun, wir brauchen Nichts zu fürchten. Der Mensch ist zu klug, um sich zu verrathen, und wird dem Richter schon eine Nase zu drehen wissen, wie wir sie damals jenem Lassen drehten, der Euch in der Nacht überfiel. Feitel hat zu viel zu verlieren, um auch nur ein überftüssiges Wörtchen zu sprechen." „Ich bin Dessen nicht so sicher," erwiderte der Andere. „Die Sache kann sehr gefährlich ablaufen. Er hat, wie Augenzeugen erzählten, den bedauerlichen Kunstgriff angcwendet, die Anklage auf seine Frau znrückzuwerscn, und sie der That anznschnldigen. Da muß denn schon das Gericht tiefer in die Sache cingehen, und Beweise fordern, die er nicht geben kann, wodurch denn der Verdacht gegen ihn nur wächst. Auch haben sich die Dinge sehr geändert; ich habe eS an mir selbst genugsam erfahren. Daö Gericht da drüben ist nicht mehr so lässig, wie zu unserer Väterzeit und in unserer Äugend, und läßt die Dinge nicht mehr so laufen, wie sie gehen wollen. Der Mann, der jetzt die Untersuchung führt, ist erfahren und streng, und schließt nicht ab, bevor er nicht daö letzte Mitte! versucht hat. Darum, Knorring, fühle ich eine große Angst, und fürchte, was Du eben vom Kruge gesagt, wird nicht bloß vom Feitel, sondern auch von uns gelten." Der Wirth war sehr nachdenklich geworden. Es war, wie wie wir schon früher bemerkt, eine große kräftige Gestalt, die in jeder Muskel eine außergewöhnliche Stärke verrieth. Er hatte wohl dasselbe Alter wie Fischer, aber Nichts zeugte an ihm von Verfall und Gebrechlichkeit. Selbst in seinem wüsten Haupthaar und Baarte drängten sich kaum einige graue Haarstränge hervor. Wildheit und Verstocktheit machten sich aus seinem starkknochigen Gesichte erkennbar. Nach einigem Nachsinnen sprach er kurz und entschlossen: „Ähr müßt fort von hier, Fischer! Ähr müßt Euch einige Zeit über die Grenze dort irgendwo versteckt halten, bis die Sache vorüber ist. Tenn von Euch, wenn einmal die Fährte nach Euch wieder beschritten ist, haben wir Alle am meisten zu fürchten. Ähr seid klug und listig, aber habt Euch so an das Glas gewöhnt, daß Ähr, wenn es Euch vorcnthalten wird, leicht zum Geständnis; kommt, wenn Ihr nicht schon in der Trunkenheit schwatzt. Also fort mit Euch! Es 50*