Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 37 (1873)
- Issue
- Heft 50 (9.12.1873)
- Date
- 1873-12-09
- Page
- Seite 826 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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826 sozusagen vor der Thüre steht, so dürste beim besten Willen die Negierung jetzt in dieser Sache Nichts thun können. Die Mission würde also ganz wahrscheinlich fruchtlos bleiben, was jedenfalls bedauerlich, aber recht begreiflich ist. Rußland. St. Petersburg, 21. November. (Privatmitth.) Ihre Zeitung brachte in Nr. 15 :>. . . den traurigen Borfall einer Kirchenschändung in Odessa seitens eines Juden. Der Thäter ist am 2. d. M. bereits geurtheilt und verurthcilt worden. Ter Golos von gestern bringt darüber eine prägnante Correspondenz, die wir ihrer Naivität wegen hier dein Sinne nach getreu wicdcrgeben. „Odessa, ll. Nov. — Gestern wurde über den Juden, der am i. Oktober in der St. Nikolaskirche die Kirchenschändung begangen, Gericht gehalten. Der Proccß wurde, ohne daß an ihm die Reihe wäre, wahrscheinlich nur deshalb so schnell vorgcnonnnen, um die aufgeregte öffentliche Meinung ditrch Bestrafung des MisfethäterS zu beschwichtigen. Die Behandlung ging bei geschlossenen Thüren vor. Die Experte, deren es sechs waren, erklärten den Angeklagten bei gesundem Berstandc. Nr. D. nannte ihn zwar einen Fanatiker, konnte aber auf die Frage des Vorsitzenden nicfjt genug klar machen, was er mit diesem Namen bezeichnen wollte. I)r. Czatzkin meinte, einen Fall von mania religiös» vor sich zu haben, die aber nicht momentan, sondern erst durch längere Beobachtnng zu constatiren wäre. Die anderen Aerzte hingegen behaupteten , daß der Delinquent völlig gesund sei. Die Geschworenen sprachen ihn schuldig. Ter Angeklagte verhielt sich während deS Processcö ganz ruhig, äußerte nur einige Ungeduld, als sein Bernunflvermögen in Zweifel gestellt würde. Auf eine Frage des Vorsitzenden gab er die Erklärung ab: er hege gegen Christen weder Haß noch Verachtung. Cr be¬ Jeuil Der JnLeuleich. Eine Crimmalgeschichte erzählt von?. Scbr. IX. In einer. Nachmittagsstunde des folgenden Tages saß im Waldkruge ein ältlicher Mann hinter einem der Tische, welche an zwei Seilen der Schenkstube entlang liefen, und ihm gegenüber stand der Wirth, im eifrigen Gespräch mit jenem begriffen. Der Walvkrug sah von außen noch ebenso aus, wie vor dreißig Jahren; zwar waren einige Stützen angebracht, um das alte Gemäuer vor dem Einfallen zu Mützen, hier und da wohl auch klagt und bedauert sie nur vom Herzen, da sie durch ihre Religion sehr unglücklich, viel unglücklicher als die Juden seien. Die Christen verstehen zumal den Geist ihres Propheten (Christus) nicht, indem sie blutdürstig und unliebsam sind, — wovon die ewigen Kriege und der Mangel an öffentlichem Wohlthätigkeitssinn die besten Beweise liefern. Der Christusnanre diene ihnen nur zum Deckmantel, die crassesten Motive und Thaten zu bedecken." In dieser etwas problematisch gehaltenen Miltheilung ist das Charakteristischste, daß solche Blasphemien und dem Christenthurn in's Gesicht geworfenen Rügen von den Aerzten nicht ,:o ij*so als Belege des Wahnsinns oder auch Religionswahnsinns betrachtet, sondern einem völlig gesunden Menschenverstände zngeschrieben wurden. Die Absicht des Golos ist offenbar, durch diese neue Mittheilung seine frühere, in Betreff des odessaer Vorfalls ausgesprochene Ansicht zu bekräftigen: die von dem odessaer Bilderstürmer auf der Anklagebank über Christen geäußerte Meinung gehöre nicht dem Wahnsinn, nicht dem Fanatismus, sondern dem völlig gesunden Verstände eines jüdischen Individuums an, und. ist soinit als die gangbare Meinung sämmtlicher Juden zu betrachten. Was uns betrifft, so dient uns dieser sehr prägnante Vorfall zum Beweis der Lage unserer Brüder in Odessa, und deren Stimmung über die ungerechten und ungeahndeten Unbillen und Verfolgungen seitens der odessaer Christenheit. Nur unter solchen Umständen und in Folge einer lange unterdrückten Wulh und unbefriedigten Nachegefühls, könnte sich der gespannte Unwille eines sonst doch vernünftig zu sprechen scheinenden Menschen bis zur Selbstaufopferung und zum Märtyrerthum steigern. Unsere Alltagsmenschen werden natürlich über gewöhnlichen Christenhaß schreien; sie sollten aber einen tieferen psychologischen Blick auf diesen Vorfall und in den Kopf des unglücklichen Verurtheilten werfen, und wenn möglich zur Einsicht kommen, wie unpraktisch bei unS bis jetzt die Vorfälle zu Odessa 1871, über die kein Laut zur Oesfentlichkeit kommen durfte, behandelt wurden. i t i 0 tt. einiges Mauerwcrk erneuert oder ergänzt; Dies trug aber nur noch mehr dazu bei, dem ganzen Gebäu das Aussehen des Verfalls zu bewahren. In der Thal batte sich die ganze Gegend in 'Nichts verändert. Selbst die Waldungen waren um Nichts mehr gelichtet, was in den meisten Gegenden Deutschlands nicht immer zur Verbesserung der Forsten der Fall war. Eine Chaussöe war zwar durch die vom Staate vernachlässigte Landschaft endlich geführt worden; aber sie lief mehrere Stunden abwärts von diesem Orte, so daß dieser von dem vermehrten Verkehre nicht berührt worden. Dagegen hatte der Wirth offenbar etwas mehr Fürsorge für die inneren Räume seines Hauses