Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 37 (1873)
- Issue
- Heft 49 (1.12.1873)
- Date
- 1873-12-01
- Page
- Seite 811 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3226906-3226956--32170-3255128- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Sil nen, die er bis jetzt zur Schau getragen. Der Richter antwortete eine Zeitlang nicht, sondern schien sich mit der Aufnahme des Protocolles zu beschäftigen, dann wandte er sich wieder zu Feitel, und sagte barsch: „Gut, Sie haben Ihre Aussagen gemacht. ES versteht sich, daß diese Thalsachen weiter verfolgt werden. Vielleicht weiß es Herr Albert Fischer anders." DaS Protccoll wurde verlesen, und Feitel unterschrieb cs. Diesmal unterschrieb er mit deutschen Lettern. Auch in meiner Vaterstadt hatte sich während dieser dreißig Jahre Vieles geändert, man nannte die Kinder nicht mehr Ascher und Sara, sondern Anselm und. Bertha. Feitel hatte deutsch schreiben gelernt, sowie die doppelte Buchhaltung. Seine Handschrift war deutlich und fest; nur etwas klein, das Papier war theuer.- Am Tage daraus stellte ich mich bei dem Untersuchungsrichter ein, und fragte ihn, ob es jetzt möglich sei, der Tochter wenigstens bei der Mutter Zutritt zu gewähren, indem ich ihm die schmerzlichen Empfindungen schilderte, welche an dem Herzen der beiden Frauen nagen mußten, und für die die einzige Erleichterung eine Zusammenkunft bieten würde. Der GerichtSrath lächelte abermals über meinen Eifer, und gab mir die erbetene Erlaubniß. Habe man doch nunmehr von der Mutter Alles erfahren, was man von ihr vernehmen könnte. Ich eilte zu dem Hause des Rabbiners. Ich fand Bertha verändert. Das Gericht hatte bei der Untersuchung des Hauses, der Schränke und Papiere des Änhaftirten gefunden, daß er mindestens ein Vermögen von Vierzigtausend Thalern besäße. Es hatte, was cö vorhanden fand, mit Beschlag belegt, und daraus vor Altem eine genügende Summe zu einem anständigen Unterhalte für das Mädchen und die Mutier ausgefetzt. Die Frau des Rabbiners, welche Bertha bei sich zu behalten gegen Zahlung eines mäßigen Monatsgeldes erklärt hatte, drang sofort auf Bertha ein, anständige Kleider für sie anschasfen zu dürfen, und diese hatte trotz ihres Kummers eingewilligt, weil die Frau ihr deutlich machte, daß ihr Haus, welches von so vielen Leuten besucht ward, Dies unumgänglich fordere. So erschien jetzt Bertha in einer ganz anderen Gestalt, ohne daß ich sagen könnte, sie hätte mir darum bester gefallen als vorher. Als ich ihr mittheilte, daß ich die Erlaubniß für sie erlangt, ihre Mutter zu besuchen, und daß ich bereit wäre, sic zu iwju führen, — welche Freude breitete sich über ihr Antlitz, wie strahlten ihre Augen! Atter Schmerz schien verschwunden, und im nächsten Augenblicke war sie bereit, mit mir zu gehen. Mir bangte es sehr vor dem betrübenden Eindruck, den daö düstere Gefängniß auf das Her; des armen Mädchens niachen werde. Aber ich hatte mich geirrt. Tie Freude, ihre Mutter Wiedersehen, in ihre Arme schließen und mit ihren Küsten bedecken zu können, ließ Bertha alles Andere übersehen. Auch fanden wir cs besser, als ich gefürchtet. Der Gerichtsrath hatte, nachdem Sara ein so offenes Gcständniß abgegeben, ihr ein freundliches kleines Zimmer anweiscn und dafür sorgen lasten, daß die Frau ihre tägliche Kost von einem Juten geliefert erhielt, da sie sich in den ersten Tagen standhaft geweigert, Etwa« zu sich zu nehmen, was nicht nach dem Gesetze bereitet werden. Wie die Begegnung zwischen Mutter und Tochter stattgefuneen, was sie mit einander gesprochen und gethan, weiß ich nicht; denn ich verblieb im Bureau des Juspectors. Ich mußte aber lange Zeit warten, ehe Bertha wiederkam; sie hatte die ihr bewilligte Stunde weit überschritten. Sic kehrte mit Ihränengerötheten Angcn zurück, aber Herzensbcfriedignng lag in ihren Zügen ausgesprochen. Jetzt erst auf dem Heimwege fand sie Worte, mir zu danken. So süß, so innig, daß mein Herz davon berauscht ward. Ich antwortete nur stammelnd, und faßte ihre Hand und drückte sic. (Fortsetzung folgt.) Vermischtes. Im November 1527 reiste Heinrich Heine von Hamburg über Castel und Frankfurt am Main nach München. In Frankfurt fesselte ihn der Umgang mit Ludwig Börne mehrere Tage. Es heißt hierüber in A. Strodtmaun's „H. Heine's Leben und Werke" Bd.!l. S. 103: „Die politischen Ansichten Heine's und Börne's begegneten sich 1527 in einem unbestimmten Liberalismus, der sich ans kein festes Parteiprogramm verpflichtet hatte; und wenn Letzterer in das reiche Lob, das er Ersterem spendete, auch damals schon den leisen Tadel einsiießeil ließ, daß der Verfaster der „Reisebilder" vom lieben HERR GOTT mit zu wenig Reverenz, von Napoleon aber mit zu großer Ehrfurcht gesprochen, so stimmten Beide desto eininüthigcr in dem Haste gegen die Unterdrücker ihrer jüdischen Stammgenossen, und in der Sympathie für die Abneigung Derselben gegen die Taufe überein." (Es war Dies eine eigenthümliche Situation. Veite waren „Gegner gegen die Taufe"; aber Beide waren getauft, Beide hatten sich taufen lassen, um ein Staatsamt erlangen zn können; Beide hatten keines erlangt; Beide paßten auch schwerlich dazu. Jndeß muß man bemerken,, daß Börne auf's Nachdrücklichste für die bürgerliche Gleichstellung seiner Stammesutib früheren Glaubensgenossen zu kämpfen fertsi.h,, und sicher nicht wenig dazu beitrug, die Stimmung dafür zu verbreiten. Seine mit scharfer Ironie verbundene Logik zerschlug einen Grundstein der Ungerechtigkeit und des Vorurtheils nach dem anderen. Heine dagegen fuhr fort, über Juden und Judenthum zu witzeln und sie zu verhöhnen, und ihnen dadurch mehr Schaden zu verursachen, als durch seine persönliche Taufe. Man kann sagen: Börne blieb seiner Fahne getreu, wenn er ihr auch nicht mehr zngehörte, und kämpfte für sie, — Heine dagegen war fahnenflüchtig im vollen Sinne, wenn er auch dann und wann noch einige Sympathien für die uralte Fahne, die so viele Jahrhunderte und schwere Kämpfe bestanden hatte, empfand,