Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 37 (1873)
- Issue
- Heft 49 (1.12.1873)
- Date
- 1873-12-01
- Page
- Seite 810 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3226906-3226956--32169-3255127- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
810 und Lebende, was weiß ich. Vielleicht hatte sie auch das unglückselige Ding ganz und gar vergessen." „Welche Gründe aber konnten Ihre Frau veranlassen, ein solches Verbrechen an Dem zu begehen, dem sie ihre Treue gelobt hatte?" Auch aus diese Frage schien Feitel gefaßt, und er antwortete ohne Zögern: „Es ist eigentlich nicht meine, sondern des Gerichtes Sache, derartige Gründe zu erforschen. Auch kenne ich die Weiber zu wenig, um den Schleichwegen ihrer Herzen nachzugehen. Allein es sind doch einige Thatsachen vorhanden, die Licht darüber verbreiten. Sara hatte ihre Liebe mir zugewendet, aber ich war nicht so freigebig wie der Lecser, und Sara'S Mutter, die nur auf ihren eigenen Vortheil, und was sie später von ihrem Schwiegersohn zu erwarten hätte, sah, wandte alle Künste auf, um Sara zu bestimmen, den Leeser zu hcirathen. Eie hatte ihm ihr Wort gegeben; aber nach kurzer Zeit wurde ihr derselbe unerträglich. Er hatte Eigenschaften, die ihn unausstehlich machten, daher entschloß sie sich, seiner ledig zu werden. -Ich hatte natürlich keine Ahnung davon, bewarb mich wieder um sie, als sie frei geworden , und fand sie' und ihre Mutter nunmehr scl^r williig, meinen Wünschen zu entsprechen." Selbst die'Ruhe, die eisige Kält?, mit welcher Feitel alles Dies verbrachte, imponirte dem Richter nicht, und mit hartem Tone erwiderte er: „Alles, was Sie da ausgesagt, entspricht der Wahrheit nicht, und läßt sich ebensogut'gegen Sie selbst anwenden. Daß Sie Ihre Frau des Geizes und der Habgier beschuldigen, ist. erwiesen falsch. Diese Laster sind Ihre eigenen, und hiermit' fällt das Fundament Ohres ganzen Gebäudes zusammen. Ihre Behauptung, daß Sara Sie geliebt, und aus Liebe zu Ihnen das Verbrechen begangen, ist entschieden unwahr, und die Beweise des Gegentheiles liegen schon in den Acten mrzwcifelhaft vor. Der Weg, den Sie betreten haben, wird Sie nicht zum Ziele führen." Der niederschmetternde Eindruck, den die einfachen, aber überaus entschiedenen Worte auf den Beschuldigten machen mußten. währte bei Feitel nicht lauge. Er richtete sich steif auf und schleuderte siechende Blicke auf den Richter. Daun sagte er mit einem Anfluge von Ironie: „Es betrübt mich sehr, Sie, Herr Richter, in einer solchen Meinung befangen zu sehen. Ich tröste mich damit, daß Sie diese Meinung nur so hart äußern, um mich zu verwirren. Aber es handelt sich nicht um eine Meinung, selbst nicht um die Ihrige, so schwer diese wiegt, sondern um Beweise, und Beweise sind es, die ich fordere, und die zu fordern ich das Recht habe, da mau mich so schwer anklagt." Tern Richter war eine solche Festigkeit ein Gegenstand deö Staunens, aber auch er kam nicht aus der Fassung, und sagte: „Sie wollen Beweise? Sie haben daS Recht, solche zu fordern, vielleicht finden wir sie hierin." Er nahm ein Papier von einem Haufen dalicgender, und wies es Feite! hin. „Hier ist ein Brief, rer sich unter Ihren etwas älteren Papieren gesunden hat. Er ist unterschrieben von einem gewissen Albert Fischer in C. Darin verlangt er von Ihnen Einhundert Thatcr, denken Sie, von Ihnen eine Summe von Einhundert Thalern, und zwar für die Bewahrung eines Geheimnisses, daS er mit Ihnen theile. Nun, Sie könnten sagen, Das war ein Erpressungsversuch eines schlechten heruntergekommenen Menschen, obwohl dann auch irgend Etwas zu Grunde liegen müßte, weil solch' ein Versuch nicht ans der Luft gegriffen sein konnte. Aber Sie haben dein Manne wirklich Einhundert Thaler gezahlt, denken Sie, Einhundert Thaler. Denn auf der zweiten Seite deö Briefes befindet sich eine Art Quittung und Erklärung desselben ehrenwerthcn Albert Fischer, worin er kund und zu wissen giebt, daß die auf der vorigen Seite enthaltene Androhung, daS Geheimniß zu offenbaren, gar keinen Grund gehabt, zwischen ihm und Ihnen gar kein Geheimniß vorhanden, und Alles nichts als eine Erfindung gewesen, um Einhundert Thaler von Ihnen zu erhalten. Sie werden zngeben, daß ein Mensch, wie Albert Fischer, so Etwas nicht schreibt, ohne die Einhundert Thaler empfangen zu haben. Er erklärt ferner im Voraus, daß, wenn er irgend einmal eine Aussage wircr Sie mache, Dies eine niederträchtige Lüge sein werde, Sie selbst müssen doch zugestehen, daß Dies Niemand erklärt, wenn er nicht einen Lohn eingestrichen hat. Erkennen Sie diesen Brief an?" Dies war allerdings ein neues Factum, das schwerwiegend auf dem Schauplätze des geheimnißvollen Vorganges anftrat. Es wirkte zuerst wie ein Donnerschlag ans Feitel, der an dieses Papier nnd die Bedeutung, die cs gewinnen könnte, nicht gedacht hatte. Mit zitternden Händen langte er nach dem Papiere, wandte es hin und her, las es wiederholt, wie um sich Gewißheit zu verschaffen, in der That aber, um zu erwägen, wie er sich darüber äußern solle. Endlich sagte er: „Den Brief erkenne ich au. Haben Sie ihn doch unter meinen Papieren gefunden; cs wird mir auch nicht leicht, über den Gegenstand desselben auszusageu, denn er unterzieht mich einer anderen Anklage. Das Geheimniß, das ich mit diesem Menschen theilte, war einfach, daß ich einige Zeit vorher mit ihm ein Schmnggelgeschäst betrieben. Fischer schmuggelte eine ziemlich bedeutende Masse Maaren über die Grenze, — denn unser Land war damals noch nicht in den Zollverein eingetreten. Ich hatte ihm hierzu daS Geld vorgeschossen, und nahm die Maare ihm ab. Dies war unser Geheimniß, imb er konnte mich durch seine Anzeige in große Verlegenheiten und bedeutende Strafgelder bringen. Der Mensch war damals schon so heruntergekommen und in so verzweifelter Lage, — wie Sie aus dem Briefe selbst ersehen können — daß ich Alles von ihm fürchten mußte. Ich gab ihm deshalb das geforderte Geld, und er mir seine Erklärung. Heber diese Thatsachen kann ich den Beweis an meinen Büchern führen." Während er diese Worte sprach, war er immer ruhiger und fester geworden, und zuletzt hatte er die Sicherheit wiedergewon-