Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 37 (1873)
- Issue
- Heft 49 (1.12.1873)
- Date
- 1873-12-01
- Page
- Seite 812 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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812 und in feiner Seele feine eigene Fahnenflucht verurteilte und haßte. Daraus entsprang auch das Folgende. Die Red actio n.) Slrodtinann fährt fort: „Eine Wanderung durch das Judenquartier regte namentlich Börne zu den bittersten Bemerkungen über dieses Thema an. „Betrachten Sie diese Gaffe," sprach er seufzend, als die schwarzen Häuser ihre finsteren Schalten in sein Gemüth warfen, „und rühmen Sie mir alsdann das Mittelalter! Die Menschen sind todt, die hier gelebt und geweint haben, und können nicht widersprechen, wenn unsere verrückten Poeten und noch verrückteren Historiker, wenn Starren und Schälke von der alten Herrlichkeit ihre Entzückungen drucken lassen; aber wo die todten Menschen schweigen, da sprechen desto lauter die Steine." Die jüdische Bevölkerung feierte in den Tagen, als Heine in Frankfurt verweilte, das achttägige Chanukkahsest zum Andenken 'an die Siege der Makkabäer über die Heere des Antiochus EpiphaneS, und an die Wiedereinweihung des Tempels durch Judas Makkabäus. . „Sehen Sie," .sagte Börne, als die Straße, welche bei Tage einen so düstern Anblick' bot, Abends auf's Fröhlichste von Jlluminationslampen erhellt war , „Das ist der 18. Setober der Juden, nur daß dieser maklabäische 18. Setober mehr als zwei Jahrtausende alt ist, und noch immer gefeiert wird, statt daß der Leipziger 18. Setober noch nicht das fünfzehnte Jahr erreicht hat, und bereits in Vergessenheit gerathen. Die Deutschen sollten bei der alten Madame Rothschild in die Schule gehen, um Patriotismus zu lernen. Sehen Sie, hier in diesem Hause wohnt die alte Frau, die Lälilia, die so viele Finanz-Bonapartes geboren hat, die große Mutter aller Anleihen, die aber trotz der Weltherrschaft ihrer königlichen Söhne noch immer ihr kleines Stannuschlößchen in der Judengasse nicht verlassen will, und heute wegen des großen Frelldensestes ihre Fenster mit weißen Vorhängen geziert hat. Wie vergnügt funkeln die Lämpchen, die sie mit eigenen Händen anzündete, um jenen Siegestag zu feiern, wo Judas Malkabäus und seine Brüder ebenso tapfer und heldenmüthig das Vaterland befreiten, wie in unseren Tagen Friedrich Wilhelm, Alexander und Franz II." Als die Julirevolution (1820) ihre Erschütterungen auch in Deutschland verspürbar machte, und besonders in Braunschweig und Eassel zu entscheidenden Ereignissen führte, äußerte sie sich bekanntlich in Hamburg in einer Bolksemente gegen die Juden. Strodtmann erzählt Dies im 11. Bande von „Heine's Leben und Werke" S. 207 folgendermaßen: „Gegen Ende August nach Hamburg zurückgekehrt, erlebte Heine dort alsbald die rohen Exceffe der Jutenkrawalle, mit denen der Hamburger vornehme und geringe Pöbel feine Nachfeier ter Jnlirevolution beging. Hier galt es nicht, wie in Braunschweig, das Beispiel der Franzosen durch Fortjagung eines verhaßten, Siecht und Gesetz verhöhnenden Stegenten nachzuahmen, sondern an einer harmlosen Elasse von Mitbürgern sein tolles Müthchen zu kühlen. Das mittelalterliche Vorunheil gegen die Juden, welches den Letzteren in Hamburg nicht blos, wie in den übrigen deutschen Landern, den Zutritt zu Staatsämtern, Advocatnrgeschästcn, Innungen und Zünften verwehrte, sondern ihnen auch die gesellschaftliche Gleichstellung mißgönnte, wollte sein Spser haben. Aus getroffene Verabredung beschloß man, an einem Septemberabend mit dem Glockenschlage neun Alles, was eine jüdische Physiognomie trug, aus den öffentlichen Loealen der Stadt, vorzugsweise aus den Alster- und Elbpavillons, hinauszuwersen. Stur den getauften Söhnen Israels wurde gestattet, sich durch Herbeiholung ihres Taufscheins zu legitimiren. Am folgenden Tage wiederholten sich die schändlichen Demonstrationen; kein Bekenner des mosaischen Glaubens durfte sich ohne Lebensgefahr aus rer Straße blicken lasten, oder Licht in seiner Wohnung anzünden, als der Pöbel durch die Gasten raste; viele Judenhäuser wurden demolirt, und selbst das stattliche Hans Salomon Heine's am Jungfernstieg elttging, trotz der Popularität, deren sich der Millionär bei allen Schichten der Bevölkerung erfreute, mit genauer Stvth dem Steinhagel, der feine Fensterscheiben bedrohte. Vergebens suchte die Polizei dem Unfug zu steuern, die Tumultanlen zogen mit lärmendem Geschrei vor das Stadthaus, und warfen auch dort alle Scheiben ein. Man ließ dem Volke sein Spiel, und am anderen Morgen in aller Frühe waren die Scheiben wieder eingesetzt. Ter Senat publieirte jetzt das Tnmultmandat, das hanseatische Kontingent und die Bürgerwehr wurden aufgeboten, und ohne einen Schwertstreich gelang es, die Ordnung herzustellen.. Wienbarg erzählt ein Witzwort, das Heine bei dieser Gelegenheit sprach. Beiderlei Truppen erhielten, während sie auf der Straße campiren mußten, eine Stärkung an Brot, Käse :c. Heine behauptete, die Hanseaten hätten Schweizerkäse, die Bürgersoldaten holländischen bekommen." Süchteln. Dieser Tage wurde von den noch rüstigen Eheleuten Abraham Lisges die diamantene Hochzeit gefeiert, an welcher die Bürgerschaft sich außerordentlich zahlreich betheiligte. Das Geschenk der Königin Wittwe, eine hebräische Bibel, wurde dem Jubelpaare nach der kirchlichen Feier in der Synagoge vom Bürgermeister unter einer Ansprache überreicht. Der Gemeinrerath verehrte einen silbernen Pokal, und vcrschieoene Gesellschaften haben Geschenke dargebracht. Tie Straßen der Stadt waren reich mit Flaggen verziert. In Hegenheim (Elsaß) wurde jüngst der Grundstein zu einem jüdischen Armenasyl gelegt. Die Kosten sind aus 3o,000 Francs und die jährlichen Unterhaltungskosten auf 6000 Francs veranschlagt.