Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 37 (1873)
- Issue
- Heft 49 (1.12.1873)
- Date
- 1873-12-01
- Page
- Seite 809 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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S09 I e u i l l e t o n. Der Iudenteich. Eine Crimiualgeschichtr erzählt von L. Schr. VIII. Der Richter vernahm zunächst eine nicht unbedeutende Zahl von Zengen, Nachbaren und sonstige glaubwürdige Personen, um über den Charakter der beiden Angeklagten und das Leben in ihrem Hause, Geschäftsfreunde Feitel's, um über seine Handlungsweise Aufschluß zu erhalten, schließlich auch mich. Sie stimmten in ihren Aussagen so gut wie überein, und zwar zu Gunsten der Frau, während sie für Feitel nur Worte des Tadels hatten. Zwar stellten sie auch Sara als menschenscheu und verschlossen dar, die mit Niemandem umging und sich Niemandem mittheilte. Aber Jedermann erklärte Dies aus der Behandlung, die sie von ihrem Manne erfuhr, aus den Sorgen und Kränkungen, mit denen ihr Herz immerwährend belastet war. Sie bewunderten sie vielmehr über die Standhaftigkeit, mit der sie Alles ertrug, und außer dem Hause niemals eine Klage über ihre Lippen kommen ließ. Alle aber verachteten Feitel um der Habgier und des grenzenlosen Geizes willen, die ihn beherrschten. Nicht allein, daß er sich und den Seinigen allen Lebensgenuß versagte, daß er keinen Hülfsbedürftigen über seine Schwelle ließ, sondern er hatte nicht einmal so viel Ehre im Leibe, daß er in der Gemeinde für einen ordentlichen Baalboß gelten wollte; kein wohlthätiger Verein erhielt jemals einen Pfennig, keine Spende vor der Thora, was sich doch der Dürftigste nicht nehmen läßt. Eine solche Hartherzigkeit wäre noch niemals gesehen worden. In seinem Waarengcschäfte konnte Feitel nichts Böses nachgcsagt werden; er hielt da streng auf solide Waare und angemessene Preise, weshalb er hierin großes Vertrauen besaß; desto schlimmer stand es um seine Geldgeschäfte, die er seit' längerer Zeit eifrig betrieb. Wenn nicht seine seltene Schlauheit und Erfahrung alle Gefahren sorgfältig zu vermeiden gewußt hätte, würde er schon längst vor den Schranken des Gerichts haben erscheinen müssen. Ich galt für einen Hauptzeugen, so unlieb mir Ties auch war, da ich seit Monaten ihr Hausgenosse, und bei der Schlußseene zugegen gewesen. Ich gab eine genau.' und umständliche Schilderung, entging einem Lächeln des Richters nicht, als ich mich wohl ein wenig mehr als nöthig über die Vorzüge der Tochter ausließ. Als am anderen Morgen Feitel vor dem Untersuchungsrichter erschien mit festem, raschem Schritte, mit entschlossener Haltung, ja uüt einem gewissen Feuer in den Augen, als ob er sich freue auf das Treffen, das jetzt zwischen ihm und dein Richter stattfinden solle, machte er auf diesen einen sehr ungünstigen Eindruck. Ter erfahrene Mann sah sofort, daß cs hier einen schweren Kampf kosten werde. um der Wahrheit auf die Spur zu kommen und das Verbrechen zu entlarven. Von Schonung und Nachsicht, von Mahnung und Aufruf an ein besseres Gefühl, wie gegen Sara, konnte hier keine Rede fein. Streng in seiner Haltung, knapp in seinem Ausdruck,, wollte er dem Inqnisiten sofort fühlbar machen, daß er sich von Ausflüchten und Umwegen nicht werde beirren lassen. Er richtete daher alsbald die Frage an den Gefangenen: „Sie sind des Mordes an Leeser augeschnldigt, was haben Sie darauf zu antworten?" „Das Gericht hat in seinen Acten den vollgültigen Beweis meines Alibi, und da Sie gewiß eine Haussuchung gehalten, werden Sie nichts Verdächtiges vorgefunden haben. Wo sind also die Gründe, eine solche Anklage gegen mich aufrcchlzuerhallen?" „Ihre eigene Frau klagt Sie an, und sie war es, die in einem geheimen Fache Ihres Schrankes die Uhrkette des Ermordeten gefunden hat." ..Das ist eine Schlechtigkeit und Lüge dieser Frau, die damit ihre eigene Unthat verbergen will. Meine Frau hat mich bestohlen um Hunderte, die allmälig zu Tausenden anwuchseu. Sie ist geizig und hartherzig, und hat das Geld für sich aufgesammelt. Jetzt will sie ihre Verbrechen auf solche Weise verdecken, daß sie mich Dessen auklagt, waö sie selbst begangen.- Als ich über ihre Diebstähle nicht mehr ungewiß sein tonnte, suchte ich in ihrer Truhe nach dem Gelte, und fand dabei die unselige Haarkette, die ich wohl kannte, die aber niemals in tueiuem Besitze gewesen. Ich hielt es ihr vor, und sie lieferte mir dafür den Nachschlüssel zu meinem Schranke aus. Aber sie hatte noch einen anderen, und konnte von ihrer Leidenschaft nicht lassen. Ich vermißte abermals eine bedeutende Summe, und da gerielh ich in einen solchen Zorn, daß ich sie mißhandelte. Die Folge davon war, daß sie mich öffentlich einer Thal beschuldigte, die sie selbst begangen, und die ich ans Mitleid für mein >tiud bis dahin verheimlicht hatte." Man sieht, das System war gut ausgedachl, und schloß in allen Gliedern zusammen. Der Richter fuhr fort: „Aus welche Weise hat Ihre Frau den Mord jenes Unglücklichen veranlaßt, denn selbst hat sie ihn doch nicht vollbracht'?" „Das weiß ich nicht; ich hatte keine Lust, Dem nachzuspüren; es waren schon viele Jahre darüber verflossen, und ich hatte genug an Dem, waS ich zu meinem Entsetzen entdeckt hatte." „Warum bewahrte aber Ihre Frau die verrälherische Uhrkette auf?" „Auch Das weiß ich nicht; nur daß meine Frau sehr abergläubisch ist, und vielleicht irgend einen Wahn, wie er bei den unwissenden Leuten im Schwange ist. damit verband, wie der Glaube au Glück und langes Leben, au Herrschaft über Todle