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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1873-12-01 · Heft 49 (1.12.1873) · p. Seite 807

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
37 (1873)
Issue
Heft 49 (1.12.1873)
Date
1873-12-01
Page
Seite 807 (sequence 11)
Language
German
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807 anderen Welt, war weder von Romantik angekränkelt, noch von Unduldsamkeit umdüstert; sie ließ noch genügsamen breiten Raum für den Freund der Aufklärung, den Priester der Humanität, den Bekämpfer lächerlicher Usanzen. Co lebte dieser Mann bis in ein Patriarchenaller hinein, mit Unrecht vergessen von der Zeit, die so manches von dem frischen Greise hätte lernen können. Geboren war er zu Bruchhausen im Paderborn'schen. — Eine Wittwe und eine Tochter betrauern den auch am Familienherde liebenswürdigen und echt menschlichen Mann. — Dem Unterzeichneten ward die traurige Auszeichnung, am offenen Grabe zu sprechen. — Seiner Ruhe werde Ehre: .TD3 inmsw 'ttn Dr. H. Zirndorf. Seminardirector. Coburg, im November. (Privatm.) Bei den religiösen Wirren der Gegenwart, bei der Unduldsamkeit und Bcrfolgungssucht, welche die Zeloten aller Eoufessioncn zur Schau tragen, ist es um so erfreulicher, von einem Acte berichten zu können, der als eine That der reinsten Humanität und Toleranz mustergültig dasteht. In hiesiger Statt wohnten bis vor wenigen Jahren nur 3 jüdische Familien. Durch Zuzug von außen hat sich ihre Anzahl auf 25 erhöht. Tie meisten Familien traten vor etwa einem Jahre zu einer Gemeinde zusammen, und sorgten zunächst durch Anstellung eines Lehrers für-die Befriedigung ihrer religiösen Bedürfnisse. Aber es fehlte an einem geeigneten Locale zur Abhaltung des öffentlichen Gottesdienstes. Da wandte sich denn die junge Gemeinde an den Magistrat mit der Bitte, ihr die Nikolaikirche sstädtischcs Eigenthnmh welche wenig benutzt wird, zu diesem Zweck zu überlassen. Was wohl nur Wenige gehofft hatten, Das geschah. Der Magistrat überließ in wahrhaft hochherziger Weise der jüdischen Gemeinde die genannte Kirche zum alleinigen und ewigen Gebrauche. Die Freude über Liesen, von der edelsten reinsten Liebe eingegcbenen Beschluß vermag meine Feder nicht zn schildern. Sofort machte sich die jüdische Gemeinde an die Arbeit, die ihr überwiesene Kirche zu restauriren und dein Zwecke gemäß cinzurichten, so daß dieselbe bereits am Sabbath vor dem Neujahrsfeste eingeweiht, und ihrem nunmehrigen Zwecke übergeben werden konnte. Tie Einweihung selbst wurde von dem Unterzeichneten Lehrer der Gemeinde vollzogen. Zu derselben waren die Spitzen der Behörden, das Ministerium, der Magistrat, die Stadtverordneten und die Geistlichkeit geladen und erschienen. Zunächst hieß Herr Friedmann die Behörden rc. im Namen der Gemeinde willkommen, und sprach zugleich den Wunsch aus, daß die wenigen Familien, welche der Gemeinde sich noch nicht angeschlossen, doch bald ihren Beitritt erklären möchten.*) *) Es besieht nämlich in Coburg Gotha kein Religiouszwaug. sowie überhaupt kein Gesetz für die Juden, so daß die Gemeinden sich mir ans freiwilliger Bereinigung bilden können. Alsdann hielt Unterzeichneter nach vorhcrgegangener Liturgie die Weiheredc mit Zugrundelegung des Textes: „Mein Haus ist ein Haus der Andacht, für alle Belker." Möge nun anch die Gemeinde sich rer ihr erwiesenen Wehlthat würdig zeigen, dadurch, daß sie in ihrem eigenen Schooße Frieden und Einigkeit zu erhalten sich bestrebt, sowie daß sie Hnmanität und Toleranz als die würdigsten Ziele ihres Strebens betrachtet. Schließlich sei noch erwähnt, daß der jüdischen Gemeinde auch ein Theil des städtischen Begräbnißplatzes zu ihrem ausschließliclren Gebrauche von dem Magistrat überwiesen worden ist. S. Oppenheim, Lehrer. Ochn-mchisch - ungarisch,' M Anarchie. Wien, l7. November. Für den Borstand der wiener Eultusgemeindc ist die Wahl von 7 Mitgliedern zn treffen. Bor- . gestern Abend fand eine Wählerversammlnng statt, in welcher die Eandidaten in Borschlag gebracht wurden. Bevor zur Anhörung derselben geschritten wird, meldet sich .ein Wähler zu einer Interpellation. Er entpuppt sich als Orthodoxer und erklärt, daß viele Mitglieder der israelitischen EultuSgemeinde mit dem gegenwärtigen Borstande nicht zufrieden seien, daß ihren Wünschen und Beschwerden kein Gehör geschenkt werde, und sie. nur aus Zwang die Stenern zu dieser Gemeinde zahlen. Das Mitglied der orthodoxen Partei betont ferner, daß im Punkte religiöser Uebcrzeugnngcn die Majorität niemals entscheiden könne. Ter Borsitzende verwahrt sich dagegen, daß der-Borstand jemals die Gewissensfreiheit beeinträchtigt und einen Zwang ausgeübt hätte. Er habe sich stets zu dem Grundsätze, daß jeder nach seiner Faqon selig werden möge, bekannt. Wenn diese Partei mit dem Borstaude nicht zufrieden sei, so sollte gerade sie sich an den Wahlen sehr emsig beiheiligen. Das Mitglied der orthodoxen Partei, das sich vereinzelt in der Versammlung befindet, erklärt nochmals, daß in religiösen Dingen Majorität oder Minorität Nichts entscheiden könne, und verläßt, nachdem Negierungsrath Weil die Enthaltung dieser Partei von den Wahlen als Ezechenpolitik bezeichnet, demonstrativ den Saal. Die Versammlung schreitet hieraus zur Anhörung der Eandidaten, und es empfehlen sich in kurzen Ansprachen rem Bertranen der Wähler die Herren Baumgarten, Michael Biach und Hieldburghäusser. Tie Eaudidatur des Ritters v. Ephrussi wird von Herrn Julinö 9t. v. Goldschmidt bestens empfohlen. Die Eandidatnr Neuhefer wird von Wilhelm Frankl unterstützt. Nachdem noch die Herren l)r. Gustav Freund und Jacques Brandeis caneidirt worden, nimmt Herr Moritz Pollak daö Wort, um unter lebhafter Zustimmung der Versammlung ein auf 9tegelung der Liturgie, der Schul- und Armenverhältnisse bezugnehmendes Programm für die künftige Refornuhäligkeit deö Vorstandes darzulegen. Bei -19*

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