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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1873-12-01 · Heft 49 (1.12.1873) · p. Seite 806

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
37 (1873)
Issue
Heft 49 (1.12.1873)
Date
1873-12-01
Page
Seite 806 (sequence 10)
Language
German
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806 noch andere Beweise von Anerkennung wurden dem Jubilare an jenem Tage zu Theik. Abgesehen von zahlreichen Glückwünschen, die er in Telegrammen und Briefen von auswärtigen Schülern, Gelehrten und Freunden empfing, erhielt er auch ein Schreiben von der Verwallungscoiiimifsien der BilkungSanstalt, in welchem feine bisherige Wirksamkeit nach allen Seiten hin gewürdigt, ihm eine Gratifikation von 250 Thlrn. bewilligt, und die Hoffnung ausgesprochen wird, daß ihm im nächsten Jahre eine entsprechende Gehaltszulage werke ertheilt .verden können. Außerdem überreichte ihm noch die Tircction des hiesigen israelitischen Wohlthätigkeitsvcreins eine Adresse, in welcher er zum Ehremnitgliede dieses Vereins ernannt wurde. Zur Nachfeier vereinigte am folgenden Tage ein in Spaniers Hütel veranstaltetes Solipcr sammtliche Lehrer und einige Bekannte des Jubilars. Bon den mannigfachen Beeinflussungen, welche ultramontanerscits bei den jüngsten Wahlen stattgefnnren haben, giebt der Umstand Zeugnis;, daß in Duderstadt mehrere israelitische Geschäftsleute, welche für Liberale zu stimmen erklärten, durch Drohungen gezwungen wurden, sich der Wahl zu enthalten. Bor Kurzem feierte der Kaufmann Philipp Amram in Echte das seltene Fest seiner diamantenen Hochzeit. Den Jubilaren wurde, außer vielen anderen werthvollen Ehrengaben, auch eine von der verwittweten Königin Elisabeth geschenkte hebräische Prachtbibel mit dem Stahlstich der Geberin nebst Derselben eigenhändigem Gratulationsschreibcn überreicht. Beite Jubilare erfreuen sich der besten Gesundheit und einer seltenen Geistesfrische, und wurde das Fest unter großer Theiluahme auch christlicher Einwohner von Echte, welche dllrch Verehrung eines hübschen Sessels ihrer Hochachtung Ausdruck gaben, in recht heiterer Weise gefeiert. In Osnabrück ist die Zahl der Israeliten während der Zeit vom 3. Deccmber 1 SCI bis zum t. December 1871 von 1» auf 174 gestiegen. Münster, 16. Nov. (Nekrolog.) Ich habe Ihnen den Verlust eines Mannes zu melden, testen Wirken beinahe zwei Menschenalter hindurch in der Geschichte der jüdischen Humauitätsbeslrcbnngen ehrenvoll verzeichnet stand. Am 1 o. d. M. in der Morgenstunde ward der eruenlirte Oberlehrer an der Marks- Haindors'schcn Stiftung, Bär S. Cohen, durch den sanften Tod der Grciscnschwäche feiner Familie und seinen zahlreichen Freunden cntristen. An, 12. Ab dieses JahreS hatte er das 88. Lebensjahr vollendet, allein seine geistige Frische und Regsamkeit erst seit wenigen Monaten der allmäligcn Erstarrung deS Alters Platz gemacht. Bierunrvierzrg Jahre hindurch, — ein ünponirender ChkluS, — von 1825, am GründungSjahre unserer Etistung, bis 1869, — wirkte dieser treffliche Lehrer an der Anstalt, welche sich um Jugend- und Volksbildung in den israelitischcn Gemeinden Brsivhatens eirr so glänzendes Verdienst erworben hat. Mit ihm ist ein bewährter Zeuge der Haindorf'schen Zeit, jener Epoche voll srischgährenden Jugendlebens und Aufschwunges, ein wackerer Mitstrebender des unvergeßlichen Haindorf selbst, von uns geschieden. Eine unabsehbare Reihe von Schülern ward durch ihn für die verschiedenartigsten Stände und Berufszweigc herangebildet, darunter eine nicht geringe Zahl von christlichen Zöglingen aus den besten Familien; denn in jener besseren und duldendcrcn Zeit ward die Vereinsschule mit Vorliebe von der nichtjüdischen Jugend der höheren Stände frequentirt. Außerdem machte ihn sein eminentes Lchrtalent, sowie sein liebenswürdig einnehmendes Wesen zum bevorzugten Privatlehrer in den Kreisen des ArelS und der Beamtenwelt. Den Schwerpunkt seines Wirkens jedoch mag die Ausbildung einer großen Anzahl wackerer und gesinnungStüchtiger jüdischer Lehrer und Jugenderzicher gebildet haben, die nun schon seit mehr als einem Menschenalter in den Schwesterprovinzen Westphalen und Rheinland segensreich wirken, und die empfangene Lehre weitcrpflanzen. Cohen war Autodidakt im edleren Sinne dieses Wortes: die stete Angeregtheit und das lebhafte Bilrungsbedürfniß des selbstgemachten Mannes war noch dem Greise in einem Grade eigen, wovon unser btasirtes und die Tinge schnell generalisirendes Zeitalter keine Ahnung hat. — Selbstständige Schriften von seiner Feder sind mir, außer einer deutschen Sprachlehre nach praktischen Principien einer damals giltigen Methode, nicht bekannt geworden; allein wenn es galt, große und heilige Dinge in frischer, lebendiger Rede zu vertreten, da konnte man auf den schon alternden Mann mit dem ewig warmen Jugendherzen sicher zählen. Bescheiden bis zur Selbstverleugnung, dabei anspruchslos und entsagend, wie ein Tana der Mischnazeit und wie ein Charakter des Orients, hat er stets nur seinem Berufe und seinen Schülern gelebt. Bon den Stichwörtern der Neuzeit, rer lohn- und brodlosen Undankbarkeit des Lehramtes, wußte er Nichts; ihm war Lehren, Mittheilen mit Athmen gleichbedeutend; und Bielen hat er durch unentgeltlichen Unterricht ein kostbares Geschenk und eine geistige Zukunft gegeben. Mit einer seltenen Belesenheit im Talmud, mit einer umfassenden Keumniß der jüdischen Literatur verband er die stilvollste Handhabung des hebräischen Ausdrucks: in all' Diesem dem seligen Oberrabbincr Sutro ein würdiger Zeitgenosse. Dabei aber wurzelte der alte Cohen tief in dem Boden moderner Bildung und Sitte, und wärmte sein empfängliches Gemüth fortwährend an allem Schönen und Edlen. Ein Kenner und ausdauernder Freund, hatte er das Glück Freunde zu siuden, die seiner werth: der ticfdcnkende und poetische St ein he im, der culturstistende Deutsch-Amerikaner Isaak Le es er, begleiteten als treue Jugendgcnosscn mit fernem Antheil seine Lebensreife, bis sie vor ihm in die Gruft stiegen. Der Letztere hat ihm auch eine seiner Publikationen gewidmet. Seine Frömmigkeit, rein und gotteStren wie eine Erscheinung aus einer

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