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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1873-12-01 · Heft 49 (1.12.1873) · p. Seite 802

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
37 (1873)
Issue
Heft 49 (1.12.1873)
Date
1873-12-01
Page
Seite 802 (sequence 6)
Language
German
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802 Literarischer Wochenbericht. Bonn, 11. Nov. Bor Kurzem erschien in London bei Trübener die deutsche Uebersetzung zweier Essais von Bernard Erackos t, übertragen von Ludwig K l a u s n c r. Uns intercffirt nur der zweite, der betitelt ist: „Geschichte der -Juden im westlichen Europa." Es ist keine eigentliche genaue und in's Detail gehende Geschichte, sondern nur eine übersichtliche Schilderung der Lage der Juden und ihrer Tendenzen in Spanien, Portugal, Frankreich und Großbritannien bis auf die neueste Zeit, zu welchem Zwecke die charakteristischesten Züge gewählt und gezeichnet werden. Diesem Zwecke genügt aber diese Abhandlung in ausgezeichneter Weise, und wir wünschten wohl, daß wir nach ähnlicher Anlage eine Geschichte der Juden seit ihrer Zerstreuung besäßen: sie würde für die -Jugend und das größere Publikum bedeutendere Wirksamkeit üben, als die großen Geschichtswerke, die selbstverständlich nothwcndig sind, um jene schreiben zu können, und ihren anderweitigen großen Nutzen besitzen. Statt der Fluth von „biblischen Geschichten" mit höchstens einem dürftigen Anhang über die weitere Geschichte der Juden, wäre ein solches Werk, allerdings von einer dazu geeigneten geistreichen Feder, die nicht nach der Schablone arbeitet, ein großes Bedürfnis;. Denn wir sagen es noch einmal: die biblischen Geschichten sind, wie es sich von selbst versteht, .für een Religionsunterricht eines der ersten Erfordernisse; aber es ist ganz verkehrt, bei ihnen stehen zu bleiben, und die Jugend und das Publicum mit dem weiteren Verkaufe unserer Geschichte bis zur (Gegenwart unbekannt zu lasten. Alterthum und Gegenwart bleiben so ganz unvermittelt, während cs für das aufwachsende Geschlecht nichts Nothwendigeres giebt, als zu wissen, wie sich unsere so ganz veränderte Gegenwart aus der Vergangenheit herausgerungen, und welche großartige Widerstandskraft und Entwickelungsfähigkeit die früheren Generationen seit dem Falle Jerusalems erwiesen haben. Gerade in diesem letzteren Sinne faßt der Berfastcr des vorliegenden Essais die Geschichte der Juden in den angeführten Ländern auf. Man kann nicht sagen, daß er für die Juden parteiisch eingenommen sei; denn er giebt hier und da ein Urtheil ab, das von dem Uebersetzer in hinzugefügten Anmerkungen bekämpft und eingeschränkt wird; aber er ist doch von wohlwollendster Gesinnung, und empört über die Mißhandlungen, die diesem Stamme geworden, welchen man erst in die äußersten Beschränkungen gewaltsam hineingezwungen, und dann für diese verantwortlich gemacht hat. Seine religiösen Ansichten sind freisinnig, und er sieht die Wurzel des Nebels in dem Grundsatz, daß der Glaube zur Seligkeit führe. Ebenso sind seine politischen Meinungen beschaffen, und er geht von denr Principe der Gleichberechtigung aller Staatsbürger auS. Am meisten hält er sich beiden spanischen Juden auf, deren Vorzüge er mit besonderem Gefallen schildert. Der Essay ist auch in England noch von wesentlichem Nutzen. — Die Geschichte Israels für die israelitische Jugend. Bearbeitet von l)r. G. Wolf, Neligionslehrer der israel. Cultnsgemeinde in Wien. Vierte vermehrte und verbesserte Auflage. (Wien, Braumüller, 1873.) Wir l-abcn schon bei reu früheren Auflagen über die Tüchtigkeit dieser Schrift uns ausgesprochen, und sie für ihren Zweck dringend empfohlen. Den besten Beweis liefert dafür, daß diese neue Auflage bereits nach driltehalb Jahren nothwcndig geworden. Auch läßt der Verfasser seine Schrift niemals aus den Augen, um ihr angemessene Verbesserungen angedeihen zu lasten. 2oed:itacji 6ll<XCl Deutschland. Leipzig, im Novbr. (Privatmitth.) Während der letzten Messe hat in der hiesigen Gcmeiudesyrragoge eine eigenthümliche Versammlung stattgcfnnden: der meßbesucheuden jüdischen Kleinhändler zur Abschaffung deS widerlichen, Rischns verursachenden -lenses „Was zu handeln?" Tie Versammlung war durch Herrn Gemeindevorsteher Stadtrath M. Kohncr einbernsen, und bestand ans ca. 100 Personen. In seiner Ansprache führte Herr Kohner, bezugnehmend auf den heiligen Ort, an dem man sich befinde. Folgendes anS: Der redliche Erwerb fei eine heilige Sache; aber heilig fei auch die Pflicht des z'2r> 'r-,':r--Lerineidens. Durch den erwähnten Ruf werde aber stets von Neuem dem Gesxötte und der Verachtung gegen das Jnrenthnm und gegen unsere Glaubensgenosten "Nahrung gegeben. Nachdem das staatliche und gesellschaftliche Mittelalter gottlob vorüber, müßten wir auch an die Beseitigung deö Mittelalters in unserer eigenen Mitte denken. Zu den traurigen Uebcrresten einer Zeit der verwahrlosten Zustände, des Druckes und des Elends gehören die Wanderbettelei und ras Rusen durch die Gasten „was zu handeln?" Die Beseitigung jener strebe der Gemeindebnnd an; dieses werde für die Felge wohl von selbst unterbleiben, wenn die Versammelten sich vergegenwärtigen, was jeder Jude seiner GlaubenSgenostenschaft schulde. Es sei ja ersichtlich, daß der 9iuf entstanden, als Dem Inden die Häuser der christlichen Bevölkerung hermetisch verschlossen waren; heute bedürfe eS jenes unmelidiösen Geschreies nicht mehr, um Diejenigen, die sich ihrer alten Kleider entaußern wollten, auf diesem Wege zum Verkaufe anzuregen. Schließlich bemerkte der Redner, daß, falls die Versammlung sich seinen Vorschlägen anschließe, die hiesige Gemeinde gern erbötig sei, einer zu gründenden Kranken- und HülfScasse für meßbesuchende jüdische Kleinhändler allen möglichen Vorschub zu leisten.. —

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