Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 37 (1873)
- Issue
- Heft 48 (25.11.1873)
- Date
- 1873-11-25
- Page
- Seite 792 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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792 ein kleines goldenes, sonderbar geformte- Schlößchen, das ihre Mutter ihr zu diesem Zwecke geschenkt hatte: es war ras einzige Erbstück, das diese noch von ihrer Mutter besaß. Entsetzen lähmte ihre Glieder, und dennoch vermochte sie von der verhängnisvollen Schnur nicht wegzublicken. So mußte ihr Mann an dem Tode Testen, dem sie so sehr zugethan gewesen, Theil gehabt, wenn ihn nicht ganz verursacht haben; er kannte die Mörder; er war mit ihnen verbunden; er theilte den Raub mit ihnen . . . Und diesen Mann hatte sie geehelicht, er war dermaler ihres Kindes! . . . Ein Schauer übcrlief ihre Glieder, sie zitterte, wie von Fiebersrost; sie glaubte eine bleiche, blutige, zürnende Gestalt aus dem Dunkel herschreiten zu sehen; der Sturm flog rasend um das Haus . . . sie fühlte sich einer Ohnmacht nahe, in plötzlichem Schrecken schlug sie die Fächer und den Schrank zu, löschte das Licht, und warf sich auf ihr Lager. Der Schlaf floh sie. Halte sie nicht die Pflicht, anzuzeigen, was sie gefunden, daß der noch ungesühnte Mord endlich gebüßt, und das verbrecherische Geheimniß an den Tag gebracht werde? Aber war es nicht dennoch ihr Mann? war er nicht der Vater ihrer Tochter, auf welche die Schmach ihres Vaters fallen mußte, ihr ganzes, noch so junges Leben vergiftend?. .. Dieser letzte Gedanke war für sie entscheidend; sie mußte das Geheimniß in den tiefsten Winkel ihrer Seele hinunterdrücken, daß es niemals zum Vorschein komme; selbst ihrem Manne durfte sie nicht sagen, was sie entdeckt, damit das Leben im Hause nicht noch unerträglicher werde. In den nächsten Tagen ging sie umher, so betäubt, so zerrissenen Herzens, daß sie kaum wußte, was sie that, und was um sie vorging. Wenn ihr Mann sie anredete, schrak sie zusammen, denn sie glaubte, die Stimme eines Mordruses zu vernehmen; wenn er ihr nahe kam, erbebte sie, denn sie glaubte, Blutflecken an seiner Hand zu gewahren . . . Mit der Zeit legte sich Dies, und sie ward ruhiger. Welche Last vermag nicht der Mensch ertragen zu lernen, wenn sie dauernd auf seinen Schultern liegt? Aber dem unseligen Schranke kam sie nicht wieder nahe. Kam eö ihr doch vor, wenn eS dunkel wurde, als ob da drinnen eine glühende Kohle läge, die immer weiter um sich zünde, daß die Flamme durch die Bretter dringen und das ganze Haus verzehren werde! Nein, sie wollte demselben Nichts wieder entnehmen, sie war genugsam dafür bestraft. Und doch, wie sie heilig versicherte, hatte sie bis dahin in der ganzen Zeit zusammen kaum zwanzig Thaler genommen, ein Tropfen aus dem vollen Eimer, und doch versagte der Geiz ihres hartherzigen Mannes diesen Tropfen dem Durste seines WeibeS und seines Kindes ... Unglücklicherweise hatte aber doch Feitel unterdeß Verdacht geschöpft; er wußte zu genau, was ihm fehlte, und selbst die geriugsügigen Anschaffungen seiner Frau konnten sich ihm nicht verbergen, und er berechnete, daß sie durch den Erlös aus den spärlichen Lumpen nicht gedeckt werden könnten. Eines Tages sagte er ihr auf den Kopf zu, daß sie ihn bestehle, und forderte mit wüthenden Geberden den Nachschlüssel, den sie sich verschafft haben müsse. Es gab eine furchtbare Scene, wobei er sie mit den entehrendsten Schimpfworten belegte; die Folge war die, daß sie ihm den Schlüssel an den Kopf schleuderte, ihm aber auch vorwarf, was sie entdeckt hatte. Er erbleichte; aber nach kurzer Zeit hatte er sich gefaßt, und mit seiner gewohnten Ironie erwiderte er: „Geh doch hin und zeige mich an, sag' aber auch gleich, daß Du Deinen Mann bestohlen hast, ausgeplündert und das Geld vergeudet. DaS Zcugniß einer Diebin gilt bei dem Richter viel, mehr als das eines ehrlichen Mannes. Daß ich an der That nicht beiheiligt war, weiß das Gericht; in seinen Acten ist es niedergeschricben und bezeugt. Als ich am Tage nach dem Ereigniß, wie Hunderte thaten, hinausging, die Stelle zu besehen, fand ich im Schilfe die Haarschnur; damals war ich noch ein verliebter Narr, und ich sah die Schnur als ein Pfand an, daß Du doch noch mein werdest. Darum nahm ich sic mit und legte sie in den Schrank. Was ich gehofft, wurde erfüllt. Unterdeß hatte ich aber der armseligen Schnur vergessen, und wußte gar nicht mehr, daß sie noch in dem geheimen Schubfach liege, welches ich nicht gebrauchte. Wärest Du nicht so sehr dumm und voll Hasses gegen mich, müßtest Du Dir doch sagen, daß, wenn ich Schuld hätte an dem Tode jenes Mannes, ich die Schnur alsbald vernichtet, nicht aber zum Zeugniß wider mich aufbewahrt hätte." Dann fuhr er fort: „In der ersten Zeit hatte ich wohl auch den Gedanken, bei Gelegenheit Dir die Schnur zu zeigen, und daß i ch im Besitz deS Siegeszeichens sei, das Du einst meinem verhaßten Nebenbuhler, dem Liebling Deines Herzens, überreicht hattest, und Dich zugleich besäße, was ich freilich jetzt längst verwünsche und verabscheue!" Sara erzählte" weiter, daß sie keinen Augenblick den Worten ihres Mannes Glauben geschenkt; sein Aussehen, si'in verzerrtes Gesicht, feine knirschenden Zähne, seine vor zurttckgehaltener Wuth zitternden Glieder verriethen nur zu sehr, daß ihr Vorwurf ihn in seiner innersten Seele getroffen habe. Doch sie hätte ihm nicht antworten können. Ihr Dasein war seitdem eine wahre Hölle, denn sie mußte sich sagen, daß auch ihre Tochter, das einzige Wesen, an dem sie noch hing, und mit der ganzen Gluth mütterlicher Liebe, irre werden müsse an ihrem Benehmen gegen den Vater, und ihr insgeheim keinen kleinen Theil Schuld an dem Zwiespalt im Hause zuschreiben.werde. Doch die Zeit rollte weiter. Da brachte Feitel einen jungen Mann in's Haus, um Wohnung und Kost bei ihnen zu nehmen. Sie beschrieb mich, — den Schreiber Dieses, — mit Ausdrücken, die ich hier nicht wiederholen darf; sie lobte besonders mein achtungsvolles Benehmen mit Zurückhaltung gepaart. Da hätte sie es nicht mehr ertragen können, daß ihre Tochter, ihr schönes Kind, das doch so viele Ansprüche machen durste, vor den Augen dieses jungen Mannes, der aus der besten Familie des Ortes stammle, in so armseliger Kleidung erscheine, wie kein Bettelkind. Sie kämpfte