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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1873-11-25 · Heft 48 (25.11.1873) · p. Seite 791

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
37 (1873)
Issue
Heft 48 (25.11.1873)
Date
1873-11-25
Page
Seite 791 (sequence 11)
Language
German
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791 Mannes wieder zurückzunehmen, und für den unbedachten und unbeabsichtigten Ausbruch des Zornes über die Mißhandlungen, die sie erfahren, auszugeben. Aber dieser Versuch gelang ihr schlecht. Ihre Anklage war zu bestimmt sormulirt gewesen, als daß der Zorn allein Schimpfworten eine selche (Gestalt gegeben hätte. Man nennt wohl einen Angreifer im Streite „Mörder", giebt aber Namen und Zeit nicht so genau an. Der Züchter führte Dies der tiefgebeugten Sara zu Gemüthe, und forderte sie nachdrücklich auf, der Wahrheit die volle Ehre zu geben; er machte sie aufmerksam, daß, da ihr Mann die Anklage ganz und gar auf sie zurückwerfe und gegen sie gewandt habe, sie im vollsten Nachtheile sein würde, wenn sie durch Verheimlichung und Verdrehung der Wahrheit die Aussagen ihres Mannes gegen sie unterstützen würde. Wie die Dinge unter den Eheleuten lägen, könnte sich das llrtheil nur zu Gunsten Dessen wenden, der die unumwundensten Geständnisse machte. Auf diese Mahnung gerieth Sara in ein heftiges Weinen. Ter Richter ließ ihr Zeit, sich zu fassen. Dann sprach sie: „Ach ja, so hat eS ja einmal kommen niüssen ... Es konnte keinen anderen Ausgang nehmen ... und darum will ich getrost vor Ihnen, Herr Richter, wie vor Gott, mein ganzes Herz ausschütten. Ich will Ihnen Nichts verhehlen , will die ganze Wahrheit sagen." Sie erzählte ungefähr mit felgenden Worten. Es waren einige Monate nach dem unglücklichen Ende Leeser's vergangen, als sich Feitel wieder in dem Hause ihrer Mutter einstellte, und seine Bewerbungen um ihre Hand wieder ansing. Sie trauerte ihrem verstorbenen Bräutigam von ganzem Herzen nach, und Feitel mit seinen Besuchen war ihr sehr zuwider. Aber nach und nach drang ihre Mutter auf sie ein, und die bittere Armnth, in der sie lebten, und die bei der Kränklichkeit der Mutter immer drückender wurde, zwang es ihr allmälig auf, seiner Bewerbung sich zuzuwenden. Es blieb ihr kein Ausweg übrig, und nach einem Jahre fand die Hcirath statt. Da sie der Entbehrungen gewohnt war, und Feitel seine Vermögensverhältnisse als äußerst geringfügig darstellte. auch daß sie die äußerste Sparsamkeit anwcnden müßten, damit er sein Geld ans das Geschäft verwenden kenne, so empfand sie die Dürftigkeit nicht atlzuhart, die auch Feitel in seinem Hause mit aller Strenge walten ließ. Ihre Ehe blieb lange Zeit ungesegnet, bis sie ungefähr vor siebenzehn Jahren eines Töchlerchens genas. Feitel war überglücklich und gewahrte ihr in seiner Freude genügend Alles, dessen sie und das Kind bedurften. Das dauerte aber nur kurze Zeit, und seine alte Leidenschaft des Geizes gewann wieder die Oberhand. Jetzt aber machte sich ihr Ties doppelt fühlbar. Denn einerseits hatte es ihr ja auf die Länge nicht verborgen bleiben können, daß ihr Mann viel Geld besaß und sehr große Geschäfte machte, wobei es sich um Tausende handelte, so viele Kniffe er auch anwandte, ihr Dies zu verbergen und die Gelder als das Eigenthum Anderer anszugeben. Andererseits schnitt ihr der Mangel tief in'ö Herz, dem sie ihr Kind fortwährend anssctzen mußte. Sie ertrug es aber, da sie eS nicht ändern konnte, lange Zeit ruhig, und wandte alle Mittel an, um die Gesinnung ihres Mannes zu ändern, und durch die Liebe zum Kinde ihn umznstimmeu. Aber eS half nichts, auch nicht, als sie ihn zu verachten und von sich abzuweisen begann; vielmehr war nur die Folge, daß zu allem Leite sich auch der Unfriede in ihrem Hanse einstellie und immer mehr überhand nahm. Die Jahre vergingen in Sorge, Gram und Streit, und es war nur zu verwundern, daß das Kind ungeknickt in seiner Blükhe heranwuchs. Nun aber, als das Märchen den Kinderschuhen entwachsen und aus der Schule gekommen war, hob für die unglückliche Mutter erst reckst die Zeit des schwersten Kummers an. Ihr Mann gewährte ihr kaum die Mittel, das Mädchen auf's Nothdürsrigstc zu kleiden. Wenn sie am Sabbath und an den Festtagen in die Synagoge gingen, erschienen sie unter den Armen als die Aermsten. Alle Eltern, und waren sie noch so bedürftig, suchten Etwas zu erschwingen, um ihre Töchter herauSzuputzen, sie mit einigen Kleinigkeiten zu schmücken. Ihr aber war Dies säst ganz versagt. Da trat die Versuchung an sie heran , und ihr Mutterherz leistete keinen Widerstand. Sic verschaffte sich einen Nachschlüssel zu dem Schranke ihres Mannes, so schwer ihr Ties auch ward, da er den Schlüssel stets an einer Schnur auf der Brust trug. In der Abwesenheit ihres Mannes machte sie von dem Nachschlüssel Gebrauch, und nahm einige wenige Geldstücke heraus, indem sie glaubte, daß bei den großen Summen, die sich versanden. Feitel diese gar nicht vermissen würde. Eine Zeit lang ging es auch so, und um eine Rechtfertigung für die Ausbesserung der Kleider ihrer Tochter, für das kleine seidene Halstuch, oder die Schleife, die sie ihr anschasfte, zu haben, gab sie vor, die Lumpen und Abschnitzel sorfältig zu sammeln und sie zu verkaufen. Feitel schien sich dabei zu beruhigen. Da war es eines Tages, wo sie das Schrecklichste erleben mußte in ihrem doch so kummerreichen Leben. Ihr Mann war über Land gereist, und sollte erst am ankern Tage zurückkehren. Abends, — es war eine dunkele, stürmische Nacht, und der Wind heulte in dem Schornstein, und rüttelte an den Fensterläden und Thüren, — ihre Tochter war zu Bett gegangen; sie schlich zu dem Schranke ihres Mannes, und öffnete ihn. Sie konnte sich diesmal einige Zeit lassen, und sie schob daher die Kästen und Schubladen nacheinander auf, um sich doch einmal über den ganzen Umfang Dessen zu unterrichten, was dieser Schrank an Schätzen verschloß. Da mußte sie wohl unbewußt an den Knopf eines geheimen Schubfaches gestoßen haben, — eS sprang auf, und, — c, namenloser Schrecken? -- vor ihr lag eine Haarschnnr . . . sie erkannte sie sofort, — cs war die Haarschnur, die sie einst ans ihrem eigenen Haare geflochten, die sie Leeser als Zeichen ihrer Zuneigung geschenkt, die er als Uhrkette am Tage seiner Ermordung getragen, und die mit Allem, was er bei sich hatte, von der Lerche geraubt worden. Sie konnte keinen Augenblick zweifeln, denn an derselben befand sich Id*

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