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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1873-11-25 · Heft 48 (25.11.1873) · p. Seite 790

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
37 (1873)
Issue
Heft 48 (25.11.1873)
Date
1873-11-25
Page
Seite 790 (sequence 10)
Language
German
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790 Warschauer, der 51S Stimmen erhielt, haben nur die Pelen gestimmt, während die Juden sich der Wahl enthielten. I). D—z. Frankreich. Paris, 15. November. (Privalmitth.) Ueber die behufs der Gründung einer Gemeindecaffe vom pariser Konsistorium berufene und am 23. October stattgefundene Bersatnmlung, über welche bereits in Nr. -10 dieser Zeitung berichtet worden, hat daö Eonsistorium einen Bericht veröffentlicht. Aus dem von Herrn Leven abgestatteten Rapport wird auch für die deutschen Glaubensgenossen folgende Stelle von Interesse sein: „Tie Gemeinde von Paris, welche verhältnißmäßig jung ist, und die in wenigen Jahren eine so große Entwickelung gewonnen, verdankt diesem Umstande selbst, noch nicht die Einheit und den Zusammenhang erlangt zu haben, die gewöhnlich die Frucht langsamer und während einer langen Folge von Generationen fortgesetzter Arbeit ist. Cie befestigt sich ohne Zweifel und nicht ohne Glanz, durch alle die schönen Institutionen, welche in ihrem Echooße, Dank der individuellen Fürsorge und der Unterstützung Aller, gegründet worden; aber sie ist noch weit davon entfernt, zu jener imposanten Gesammtheit geworden zu sein, welche alte Glieder einer und derselben Evnfession, die dieselbe Stadt bewohnen, dieselben Bedürfnisse und Interessen haben, umschließen sollte. Wohlan, meine Herren, wir suchen gerade ein mächtiges und dauerndes Band zu schaffen für alle Israeliten, die Paris bewohnen, indem wir Ihnen eine feierliche Gelegenheit bieten, Ihre Anhänglichkeit an unserem Cnltus zu manifestiren." Es wäre wohl sehr gut, wenn die deutschen Juden diese Worte zu Herzen nähmen. Diese besitzen seit Jahrhunderten solche Bereinigung in jeder einzelnen Gemeinde, sei sie groß oder klein, schwelle sie noch so sehr an, oder nehme sie ab. Jetzt aber will man die Einheit der Gemeinde in Deutschland sprengen, während man .sie in Paris schmerzlich vermißt und aufsucht! Man sieht übrigens hieraus auch, daß die Tragung der Cultuskosten durch den Staat ein sehr schwaches Ersatzmittel ist, da der Staat doch nur eine dürftige Aushülfe giebt, und darüber der wahre Gemeingeist in zahllosen Individuen verloren geht. — Sehr anerkenuenswerth war auch die Rede des Vorsitzenden, des Barons Gustav von Rothschild, der, wie schon berichtet, nachdem die Debatte vorüber, und die Anträge genehmigt waren, der neuen Caffe ein Geschenk von 100,000 Francs anwics. Uebrigens waren nicht 150 Personen, sondern nur 85 gegenwärtig. Die Sache bedarf also einer eifrigen Propaganda, die dann aber auch einen außerordentlichen Erfolg haben könnte. Schließlich will ich denn doch noch als höchst rühmlich hervorheben, daß man gerade jetzt, in der Zeit eines, selbst in dem stets bewegten Frankreich noch nie dagewescnen politischen Wirrwarrs und großer sinancietler Krisen, an die Schöpfung eines solchen religiösen Instituts zu gehen, Muth und edlen Eifer besitzt! I e u i l Der Äudcnleich. Eine Criminalgcschichte erzählt von L. Schr. VII. Ich selbst befand mich in großer Aufregung. Konnte ich in einer Zeit so schwerer Heimsuchung, so erdrückenden Trübsals das unglückliche Mädchen verlassen? mußte ich ihr nicht die Theilnahine und den Beistand gewähren, dessen sie so sehr bedurfte, auch auf jede Gefahr hin? War es nicht eine Feigheit, deren ich mich schuldig machen würde, so daß ich Denen gliche, welche einen Unterschied machen, ob das Unglück in pelzverbrämtem Eammet, oder im unscheinbaren Kattunklcide einhergeht? Und doch, ich, der in kurzer Zeit alle seine Mittel aufgezehrt, und noch immer keine sicheren Aussichten für seine Zukunft hatte, wie konnte ich es wagen, inich in ein Bcrhältniß cinzulassen, das mir vielleicht bald die bestimmtesten Pflichten auferlegen könnte? Dennoch folgte ich schon am andern Morgen Dein, was mein Herz von mir forderte. Ich ging nach dem Hause deö RabbinerS, um mich nach dem Befinden Bertha'S zu erkundigen, ihr meine Theilnahme zu bezeugen und meine Dienste anzubieten. Sie hatte in der Nacht die Thränen wiedergefunden. Als lch cintrat, eilte sie mir entgegen, ergriff meinen Arm, und ries l e t o n. aus: „Was wisien Sie von meinen Eltern? Bringen Sie mir Nachricht von ihnen? Ich darf sie doch besuchen, und Sie führen mich zu ihnen. . ." Sie machte eine Bewegung, wie um sofort sich anzuschicken, mit mir zu gehen. Eö war mir schmerzlich, ihr antworten zu muffen, daß Dies für jetzt nicht anginge, daß, so lange die Untersuchung dauere, Niemand, auch nicht einmal ein Nechtsbeistand, zu ihren Eltern kommen dürfe; daß ich aber auf den Zeitpunkt, in welchem jene zu Ende sein würde, sorgfältig aufmerken, und ihr dann sofort den Zutritt zu ihren Eltern verschaffen würde. Sie sah mich, während ich sprach, mit ihren großen, gramerfülltcn Augen an; als ich geendet, ließ sie meinen Arm los, sank in die Ecke des Sophas zurück, ließ ihr Gesicht in ihre Hände fallen, und gewahrte Nichts mehr, was um sie her vorging. Tic Frau des Rabbiners winkte mir, und ich verließ das Zimmer, da meine Gegenwart ihr doch nichts nützen konnte. — Unterreß hatte auch bereits das Verhör der beiden Gefangenen begonnen. Der Richter ließ zuerst die Frau vorführen. Die Stunden, die sie schon im Gefängniß verbracht, mochten sie doch schon in Etwas zur Ruhe und zur Erwägung Dessen, was aus dem Geschehenen erfolgen werde, gebracht haben. Zum Beginne des Verhörs versuchte sie daher, ihre Beschuldigung ihres

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