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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1873-11-25 · Heft 48 (25.11.1873) · p. Seite 787

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
37 (1873)
Issue
Heft 48 (25.11.1873)
Date
1873-11-25
Page
Seite 787 (sequence 7)
Language
German
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787 ^cituii acßttcßtm. Dentschland. Bonn, 17. Nov. Soeben erhalten wir die langerwartete Denkschrift der Gemeinde Berlin. Dieselbe ist den Herren Ministern der geistlichen p. p. Angelegenheiten nnd des Innern überreicht, und an die Gemeinden versandt worden. Sie schließt sich in ihren Anträgen durchaus an unsere Petition an das Ministerium an, und so enipfehlcn wir sie auch unsererseits den sänuntlichen Gemeinden, sich ihr durch eine deöfallsige Erklärung bei den Herren Ministern anzuschließen. In nächster Nummer werden wir des Weiteren über sie berichten. Berlin, 5. November. lPrivatmitth.» Nach den bis jetzt eingelaufenen Wahlberichten werden wir diesmal im preußischen Abgeordnetenhause nur einen Abgeordneten jüdischen Bekenntnisses, Herrn lw. Laster, sehen. Es ist Dies immerhin eine bemerkenswerthe Erscheinung, da nach den Bevölkcrungsverhältniffen ungefähr sechs Juden unter den -130 Deputirten der Monarchie sich besinden sollten. In Oesterreich dagegen treten in den jetzt gewählten Reichsrath für die cisleithanischen Länder 12 Abgeordnete jüdischen Bekenntniffes ein, was ein wenig mehr, als nach dem Bevölkerungßverhältniß ist. Vergleichen wir hiermit Italien, so ergiebt sich für dieses Land ein ungleich günstigeres Resultat. Nach der Population käme kaum ein Abgeordneter auf die Juden, während 7 in der Deputirtenkamnrer sich besinden. Kehren wir zu Preußen zurück, so haben wir aus der oben angegebenen Sachlage wenigstens den vortheilhaften Schluß zu ziehen, daß jene Befürchtung und Behauptung der Gegner unserer bürgerlichen Gleichstellung, daß die Juden alle Bahnen des Staats- und gesellschaftlichen Lebens vermöge ihrer „Zudringlichkeit" überschwemmen würden, sich als völlig unbegründet herausstellt. Ebenso lächerlich und unwahr erscheint der von reactionärer und ultramontaner Seite noch heute so oft gehörte Borwurf, daß der liberale Staat und die liberale Partei ganz unter der Herrschaft der Juden ständen. Wenn in dem gesetzgeberischen Körper nicht einmal so viele Juden sitzen, wie auf ihr Bevölkerungsverhältniß käme, fügen wir hinzu, wenn in der ganzen höheren Regierungs- und Berwaltnngssphäre kein einziger Jude sich bcsinrct, und in der Armee kaum einige Juden cs bis znul Lieutenant haben bringen dürfen: so kann wohl von einem factischen Einfluß der Juden nicht die Rede sein. Fragen wir nun nach der Ursache, so kann dieselbe in Preußen weder in der Intoleranz der Bevölkerung, noch in dem Mangel an Befähigung von jüdischer Seite' gelegen sein. Denn die zahlreichen Wahlen, welche in überaus vielen Städen auf Juden in die Stadtverordnetenversammlungen zu fallen pflegen, sowie die der vielen Wahlmänner jütischen Bekenntniffes bei den eben stattgefundenen Wahlen, erweisen das Gegenlheil. Es wurde jüngst in diesem Blatte hcrvorgehoben, daß die Juden in zn kleinen Gruppen zusammen wohnen, »m etwa, wie Dies in Galizien geschieht, die Wahl eines Juden zum Deputirten durch sich selbst ermöglichen zu können. Wir halten Dies nicht für ganz stichhaltig. Denn in Galizien sind die Juden hierzu durch die feindselige Haltung der Polen geradezu gezwungen. Sonst aber zeigen zahlreiche Erfahrungen, daß die Inden selbst ungern einen Juden wählen, nnd ist Dies in Preußen auch da nachzuwekfen, wo die Inden durch ihre Zahl immerhin auf die Wahl iusiuiren können. Die Solidarität, die man den Juden von gegnerischer Seite so oft znschreibt, besteht gegenwärtig in der That nur noch in der Solidarität des Schnorrens und Beschnorrtwordens. Sondern die Ursache kann nur darin liegen, das; gegenwärtig zu wenig Juden sich zur Depntirtenwahl bestimmen, und die dazu nöthigen Schritte thun. DaS preußische Volk ist durchaus nicht intoleranter als das italienische, und wenn man sich eine große Zahl der gewählten Abgeordneten ansieht, so kann man, ohne ihnen;u nahe zu treten, dreist behaupten, daß sich ihnen viele Juden an die Seite stellen könnten. Erwägt man z. B., wie groß die Zahl der Beamten in dem Abgeordnetenhanse ist, so erkennt man darin, wie gering die Neigung im preußischen Bolke überhaupt ist, sich den Lasten dieses Berufes zu unterziehen. Denn die Beamten können ohne Weiteres ihr Amt -verlassen, weil die Negierung für Stellvertretung zu sorgen hat. und sich doch iuunerhin einige Aussichten für die Bearnten durch ihre Stellung als Abgeordnete eröffnen. Unter den preußischen Beamten befindet sich aber noch heute eine äußerst geringe Zahl von Juden. Es fehlt also an jüdischen Bewerbern, doch nicht aus Mangel an Befähigung. — Herr Iw. LaSker ist übrigens zweimal gewählt, in Magdeburg, seinem bisherigen Wahlkreise, und in Frankfurt am Main. Hierbei fällt es ans, tvie gerade in dieser, ehemals so judenfeindkichen Stadt immer wieder Juden gewählt werden, von Rothschild, Sonnemann, und nun Laster. Es lieg: darin der Beweis, daß cs nicht die Bevölkerung, sondern die Patricier waren, welche bis 1518 diesen Judenhaß gehegt und gepflegt haben. Mit dem Ende ihrer Herrschaft verschnoanb auch jener. — Ich habe oben der galizischen Juden erwähnt, und so gestatten Sie mir noch eine kurze Bemerkung. Während der Wahlkampf in den galizischen Städten noch andaucrte, und daselbst die Juden alle Schreckmittel, Drehungen, Beschiinpfungen, selbst Mißhandlungen verachteten, um ihre politische Selbstständigkeit zu erhärten, fand in Eonilantine ein Zusammenstoß zwischen der jüdischen und arabischen Bevölkerung statt, ein blutiger Zrffammenstoß, ein Kampf, der nicht zum Bortheil der Araber ausstel. Ich verabscherre gewiß solche Erneuten. Dennoch kann ich es nicht übersehen, daß hier die Inden ue schimpflichen Beleidigungen von arabischer Seite nicht demüthig Hinnahmen, sondern ihnen die Fäuste zeigten. Es erweist Tics immer ein erwachtes Selbstgefühl, das also den Juden nicht

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