Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 37 (1873)
- Issue
- Heft 47 (18.11.1873)
- Date
- 1873-11-18
- Page
- Seite 776 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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776 möglich die mir gebotenen Speisen verzehrte, und mich wieder entfernte. Doch minderte sich Dies ein wenig in den nächsten Tagen, da Feitel mit mir ein Gespräch gewöhnlich über irgend einen Nechtsfall, der schwebte, orer den er erlebt hatte, und er besaß eine reiche Erfahrung darin, begann. Ich war dann froh, das Eis wenigstens etwas brechen zu können, und ging munter darauf ein. Ein andermal hob Frau Sara an, von irgend einem Vorgang in der Stadt, und ich unterhielt mich mit ihr, dann schwieg Feitel vollständig, wie Dies die Frau that, sobald er das Gespräch cröffnete. Dieses unangenehme Verhältnis;, sammt der Unzulänglichkeit der Kost, hätte mich schnell aus diesem Hause getrieben, wenn nicht etwas Anderes mich gefesselt hätte. Ich will es offen gestehen: Es war das junge Mädchen, dessen sanftes, trauriges, aber unendlich liebliches Gesicht mit den sprechenden Augen und den anmuthigen Zügen um den rosigen Mund, und dessen schlanke Gestalt-einen ungewöhnlichen Reiz auf mich ausübten. Sie verhielt sich sehr still, kaum daß ich dann unfc wann ihre silberhelle Stimme vernahm. Doch war sie sehr geschäftig und stets bereit, den Wünschen ihrer Eltern und auch den meinigen zuvorzukommen, wenn cs galt, irgend Etwas zu reichen oder herbciznholen. Auch glaubte ich zu bemerken, daß.sie, so zurückhaltend ihr Benehmen war, mir doch ihre Aufmerksamkeit zuwandte, ihre Mienen sich etwas erheiterten, wenn ich eintrat, sie mir gespannt zuhörte, wenn ich sprach. Ein Gegenstand der Beobachtung war für mich ihr Betragen gegen ihre Eltern. Man konnte es nicht verkennen, ihre Augen voll tiefsten Mitleids ruhten stets auf ihrer Mutter, und schienen sie immerfort zu bitten, sich zu beherrschen und dem Vater nichts allzusehr zu zürnen. Aber.auch gegen diesen war sie voll Ehrerbietung, und schien ihm die hingebendsie Nachsicht und Schonung entgegenzutragen. Man konnte daraus schließen, welch' bitteres Veto dieses junge unschuldige Herz über den Zwiespalt ihrer Eltern, die sie. mit so vieler Liebe umfaßte, in sich trug und vor Jederniann verschwiegen hielt. Wie gesagt, dieses Wesen hielt mich in dem widerwärtigen Hause fest, dem ich sonst sofort entflohen wäre. Aber ich kam lieber meinem jugendlichen Appetite auswärts, wenn es Noch that, zur Hülse, und kümmerte mich um die griesgrämigen Eltern wenig, um diese aumuthige Erscheinung täglich vor meinen Augen zu Halen. Dennoch war mein Verstand scharfblickend und gebietend in mir genug, um jeder Versuchung, mich dem Mädchen mit Blick oder Wort zu nähern, zu widerstehen. Uebcrlief eS mich doch eiskalt im Rücken, wenn ich nur dachte, jemals mir diesen Menschen in eine nähere Verbindung treten zu können. Tenn ich vermochte mich nicht des Gefühles zu erwehren, daß es hier früher oder später ein Ende mit Schrecken nehmen müßte. Und ich sollte mich nicht geirrt haben. Einige Monate waren vergangen, die Spannung zwischen den Eheleuten hatte eher zugenommen, als sich gemindert: da ereignete sich eine Scene, welche das furchtbarste Geschick über diese unselige Familie bringen sollte. Ich kam gegen Mittag vom Bureau nach Hanse. In die Nähe desselben gekommen, hörte ich ein lautes Geschrei, Hülseruf, Schimpfen und Toben. Als ich die Thür geöffnet, stürzte mir die Tochter entgegen, und rief mir in herzzerreißenden Iammertönen zu: ihrer Mutter zu Hülfe zu kommen, ihr Vater schlage sie zu Boden. Ich eilte hinein, und sah das gräßlichste Schauspiel: Feitet hatte sein armes Weib an dem noch immer reichen und schwarzen Haare gefaßt, schleppte sie durch das Zimmer und hieb dabei erbarmungslos mit seinen knochigen Fäusten auf sie loö. Er schrie dabei: „Gieb mir mein Geld heraus, Du Diebin! Gieb' cs her, oder ich schlage Dich tobt!" . . . Sofort stürzte ich dazwischen, riß die Beiden auseinander, und stieß den wülhenden Mann zurück. Kaum suhlte sich die Frau frei, als sie ihrerseits zu schreien begann: „Du Schuft, jetzt sollst Du es hören! Du bist ein Mörder,— Du hast den armen Leeser getödtet! Du weißt, daß ich es weiß, aber nun schweig' ich nicht länger! Du bist der Mörder, ich habe das Zeugniß dafür, — an den Galgen sollst Du kommen, wohin Du gehörst seit dreißig Jahren! . . Ich war wie entsetzt. Der Mann stand da, bleich, zitternd, aber nur einen Augenblick. Dann ergriff er einen Knotenstock, und stürzte sich abermals auf die Frau, die er mit einem Schlage nicdcrschmettern wollte. Ich sah's, sprang rechtzeitig hinzu, ergriff seinen erhobenen Arm, entrang ihm den Stock und schleuderte den Mann in die Ecke. Da schrie er und brüllte: „Du lügst. Du selbst bist es, Du hast ihn gemordet. Du sollst es büßen! . . ." Ich wußte kaum, was ich that. Da stand in der anderen Ecke das arme Kind dieser fürchterlichen Menschen; nein, stand nicht, sie war in die Knie gesunken, die Hände erhoben, bleich und starr wie der Tod, mit thränenlosen stieren Blicken, aufgelösten Haaren, — der Anblick brachte mich außer mir. Doch faßte ich mich bald, wandte mich zu den Beiden, und rief ihnen zu: „Haltet Ruhe! Schweigt! Ihr stürzt Euch in's Unglück! Bedenkt doch Euer Kind! Die Raserei des Zornes spricht aus Euch! . . Unterdeß hatte sich aber bereits die Hausflur mit den Nachbaren gefüllt, die Thüre des Zimmers stand offen, und die Leute drängten sich herein. Ich wandte mich zu diesen, denn ich begriff sofort die Gefahr, und sprach: „Es ist hier Alles wieder in Ruhe, nichts als ein Zank zwischen Eheleuten, die nicht wissen in ihrem Grinnne, was sie thun und sprechen, gehet nach Hause, hier hat Niemand Etwas zu suchen . . Aber ich hatte mich geirrt, wenn ich glaubte, daß die Leute mir Folge leisten, und auf mein Ansehen Etwas geben würden. Ein Zischeln und Murnieln wurde lautbar, und bald sprach ein Mann: „So geht es nicht, junger Herr! Diese Menschen haben gegenseitig eine Anklage ausgesprochen, die untersucht werden muß, Sie sind selbst ein Mann vom Gericht, und dürfen so Etwas nicht vertuschen wollen! Die Polizei muß kommen, die Leut?