Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 37 (1873)
- Issue
- Heft 47 (18.11.1873)
- Date
- 1873-11-18
- Page
- Seite 775 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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775 öfters in das Bureau. Ich hatte bisweilen mit ihm zu verhandeln, und wenn mich auch seine äußere Erscheinung wenig ansprach, und seine Geschäftsführung, wie sie aus seinen Processen mir erkennbar wurde, nicht immer als die redlichste, am wenigsten als eine humane erschien, so weckte doch seine Klugheit oder Schlauheit, mit welcher er immer wieder ein Auskunfts- Mittel fand, in mir eine gewisse Bewunderung. Eines Tages, da ich wieder mit ihm zu thun hatte, fragte ich ihn daher: „Hören Sie, Herr Feitel, können Sie mir wohl ein hübsches Stübchen in einer jüdischen Familie Nachweisen, wo ich zugleich meine Kost finden könnte? Bei dem Fleischer N., wo ich jetzt wohne, ist Alles so unreinlich, daß es mich schon ekelt. Etwas zu genießen. Mein Suchen war bis jetzt umsonst, und möchte ich mich so ungern entschließen.müssen, trefa zu essen, — aber ich stehe dicht vor diesem Muß, wenn ich mir meine Gesundheit bewahren will." Ueber das Gesicht des Herrn Feitel flog eine Art freundlichen Lächelns, und er antwortete nach einigem Besinnen, — denn er sprach stets nur nach einer kleinen Pause des Nachdenkens : — „Da könnte ich Ihnen helfen; in meinem eigenen Hause habe ich ein artiges Zimmer frei, und wenn Sie mit mäßiger Kost, — denn ich bin kein bemittelter Mann, und muß cs mir sauer werden lassen um das tägliche Brod, — vorlieb nehmen wollen, können Sie auch diese an meinem Tische haben. Kommen Sie heute Nachmittag zu mir, daö Zimmer zu besehen, und wenn es Ihnen zusagt, werden wir über den Preis bald einig werden. Sie brauchen sich ja nicht auf lange Zeit zu verpflichten." Darin erkannte ich nun meinen Mann wieder; denn nach den Summen, um welche es sich in seincn Processen handelte, mußte er ein reicher Mann sein. Aber er stand im Ruse eines argen Geizes, und diese Leidenschaft wächst mit dem Alter. Er mochte jetzt fast an die Sechszig reichen. Dies hinderte mich jedoch nicht, von seinem Anerbieten Gebrauch zu machen. Ich fand ein hübsches, geräumiges Zimmer, eine Treppe hoch, nach dem Hofe zu, vor dessen Fenstern aber ein prachtvoller alter Nußbaum seine Aeste und sein duftendes Laub auöbreilete. DaS Meublement war allerdings von der dürftigsten Art; dagegen herrschte in dem ganzen Hause eine so peinliche Sauberkeit, daß es mich außerordentlich ansprach, und konnte ich doch, waS an dem crsteren fehlte oder mir mißfiel, aus eigenen Mitteln ersetzen. Ich schloß also mit Feitel ab, aber versuchsweise erst aus einen Monat. Als ich nach meinem Bureau zurückkehrte, da siel mir erst ein, ich weiß nicht wieso, denn ich halte die Sache längst vergessen, daß dieser Ascher Feitel bei jenem traurigen Ereigniß, das dem verrufenen Iudenteiche seinen Namen gegeben, hatte, mitgenannt worden war. Als ich daher für meinen Principal nach dem Gerichtshause zu gehen hatte, ließ ich mir von dem Gerichtssecretär die Untersuchungsacten jenes Vorganges hervorholcn. Es geschah mit einiger Mühe, und ich durchblätterte die schon vergilbten Acten des Assessors K., der seitdem längst aus dem Dienste meines Vaterlandes getreten, und in dem großen 'Nachbarstaate eine rasche und glänzende Earriöre in der Verwaltung gemacht hatte. So wurde ich mit dem damaligen Stande jener traurigen Angelegenheit genau bekannt, konnte jedoch daraus einen Grund, den mit Feitel eingegangenen Vertrag zu bereuen, nicht ziehen. Erschien es auch doch mir zu abenteuerlich, diesen Mann wegen einer solchen Missethat auS Gründen der Eifersucht um ein unbemitteltes Mädchen in Verdacht zu ziehen! Die Jahre halten denn auch ihre Wirkung gehabt. Die Eltern deö unglücklichen Leeser hatten ihre Ruhestätte längst unter dem Rasen gefunden, nachdem sie noch Jahre der Dürftigkeit verlebt hatten, denn nur wenig war aus der Hinterlassenschaft ihres Sohnes gerettet worden. Ein Jahr nach der That heirathete Sara den Ascher Feitel. Wie sehr hatte sie sich aber verändert! Die fünfzigjährige Frau, abgemagcrt, vergrämt , mit schon etwas gekrümmtem Rücken, hatte keine Spur ihrer ehemaligen Schönheit noch an sich. Ihre Ehe mit Feitel war eine längere Zeit ungesegnet geblieben, bis sie eines TöchterchenS genas, das jetzt noch nicht siebenzehn Jahre zählen mußte. Ich zog also-ein, und kam zu Tisch. Wie gesagt, eine peinliche Sauberkeit herrschte in dem ganzen Hause und auch bei Tisch. Dagegen sagte mir denn doch die Kärglichkeit der dargebotenen Speisen, selbst bei meinen mäßigen Ansprüchen, nicht zu. Die Dürftigkeit führte in diesem Hauswesen ihr unerbittliches Sceptcr, obschon, wie die ganze Welt und auch ich wußte, diese Räume' einen bedeutenden, aber verheimlichte» Rcichthmn bargen. Wie dürftig war nicht bloS die Ausstattung der Zimmer, sondern selbst die Kleidung der Frau und der Tochter! Jene mußte eine bewunderungswürdige Geschicklichkeit und Ausdauer besitzen, um zu bewirken, daß diese Lappen noch zusammenhicltcn und nicht geradezu skandalös wurden. Hiermit stimmte denn auch die Traurigkeit überein, welche sich so tief in die Züge des armen Weibes eingegraben hatte, daß diese Jeder und aller Zeit von dem einst so bewunderten Gesichte, — hatte doch selbst der nüchterne Untersuchungsrichter sein Erstaunen über dieselbe in den Acten nicht unterdrücken können, — ablesen mußte. Hlldcß bald gewahrte ich, daß hier noch eine Stimmung vorwaltetc, die gar nicht zu verkennen war, nämlich die Zwietracht zwischen dem Manne und der Frau. Sie beherrschten sich zwar in meiner Gegenwart vollständig; aber sie sahen sich so wenig wie möglich an, und noch weniger sprachen sie miteinander. Sahen sie sich aber an, so waren es, besonders von Seiten der Frau, Blicke des tiefsten und unverlöschlichften Hasses und der unumwundensten Verachtung, die sie wechselten, und jedes Wort, das zwischen ihnen auögetauschr wurde, ward kurz, scharf und wie mit bitterem Tone ausgesprochen. Das war keine angenehme Situation, und machte, daß auch ich so schnell wie 47*