Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 37 (1873)
- Issue
- Heft 47 (18.11.1873)
- Date
- 1873-11-18
- Page
- Seite 771 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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771 eingegebenen Worte: „So lange meine Augen offen stehen, soll kein Jude, nicht einmal ein getaufter, in Bremen wohnen'/' Da blieb ihnen denn nichts Anderes übrig, als zu wandern. Doch das Jahr 1548 kam, und mit ihm der gewaltige Umschwung der Dinge; auch in Bremen mußte die alte Verfassung einer neuen, von-milderem, liberalem Geiste durchwehten, weichen, und Smidt mußte sich und seine oben angeführten Worte Lügen strafen, indem er 1819 einem Juden den Staatsbürgereid abnahm und ihn zum bremer Bürger machte. -p-Q o'n* n:*OD. Trier, 29. October. (Privatm.) Als Curiosum theile ich Ihnen mit, daß 3 katholischen Geistlichen, von welchen der eine wegen Majcstätsbeleidigung, der andere wegen Uebertretung der Kanzelparagraphen, und der dritte wegen Beleidigung der Altkatholiken und Freimaurer kürzlich vor das hiesige Zuchtpolizeigericht geladen wurden, den Advocatanwalt Herrn Salomon Rothschild zu ihrem Vertheidigcr nahmen. Dieses Vertrauen der katholischen Geistlichen zu einem jüdischen Anwalt läßt sich aber nur durch die allgemein anerkannte Tüchtigkeit und Rechtlichkeit des Herrn Rothschild, sowie durch die große Achtung, in welcher derselbe steht, erklären. Die Geistlichen sind aber auch in ihrem Vertrauen zu dem jüdischen Anwalt nicht getäuscht worden; denn eS ist demselben gelungen, für alle drei ein freifprechendeS Urtheil zu erwirken, und sogar für den einen derselben in zweiter Instanz, welcher in der ersten zu mehrmonatlicher Gefängnißstrafe schon verurtheilt war. An einem Leichenbegängnisse eines israelitischen Schülers der hiesigen höheren Bürger- und Gewerbschule in voriger Woche, betheiligten sich alle Lehrer, auch die den Religionsunterricht ertheilenden Geistlichen beider christlichen Confcssionen und sämmtliche Schüler derselben, und richtete der Herr Director der Gewerbschule herzliche und theilnehmende Worte an den tiesbetrnbten Vater, welche auf denselben ihre tröstende Wirkung nicht verfehlten. Diese Schule besuchten in dem verflossenen Schuljahr 33. jüdische Schüler, und dennoch ist kein jüdischer Rcligionslehrer an derselben angestellt. Der hiesige Vorstand beabsichtigt deshalb, bei dem hiesigen Stadtrath zu petilioniren, und ist bei den humanen Gesinnungen deffelben zu erwarten, daß diesem gerechten Verlangen bereitwillig entsprochen werden wird. Wenn Sie, geehrter Herr Redacteur, etwa in einer Anmerkung die Städte bezeichnen wollten, an deren höheren Schulen jüdische Rcligionslehrer angestellt sind, so wäre solches für die hiesige jüdische Gemeinde, wie auch für noch manche andere sehr vortheilhast, um sich darauf beziehen zu können. In unserer Gemeinde geht alles seinen ruhigen, friedlichen Gang auf dein Wege des noch sehr gemäßigten Fortschrittes. Seit einem halben Jahre sind die lästigen und unanständigen ^-122 "12 gänzlich abgeschasft, und auch das Betteln der herumziehenden Schnorrer beseitigt. ■ Durch nicht unbedeutende, freiwillige Beiträge von Seiten aller Gcmeindegliedcr wurde eine Casse zur Abfertigung dieser Bettler gebildet, und sind wir hierdurch von dieser HauSplage befreit. Seit dieser Einrichtung kommen in der That nicht mehr so viele Schnorrer wie früher, da das Schuorrgeschäft nicht mehr so einträglich ist. * i Außerdem bestehen hier viele wohlthatige Vereine zur Unterstützung der Hausarmen, und werden jeden Winter noch besondere freiwillige Gaben für dieselben gespendet, so daß sie keine Roth leiden. Höchst erfreulich ist eS übrigens, daß die Zahl der Armen hier in neuerer Zeit bedeutend ab-, die der Wohlhabenden dagegen zunimmt. Stargard (Pommern), im November. Der N. St. Z. schreibt man: Ein jüdisches Mädchen von hier, das seinen Eltern durch Anknüpfung unziemlicher Liebschaften schon mehrfach Kummer bereitet, wurde zu Verwandten gebracht. Eines TagcS erhielten die Eltern die telegraphische Nachricht, ihre Tochter sei unter Zurücklassung ihrer Sachen spurlos verschwunden. Bald stellte sich jedoch heraus, daß eine , mit dein Verwandten des Mädchens in demselben Hanse wohnende pielistrsche KürschnerSsrau, Namens Ganzerl, die junge Dame mit Tractätchen versehen und in ihre Conventilel mitgenommen, und als die Verwandten sie deswegen bestraft, bei Nacht und Nebel entführt, und zu Herrn Pastor Brandt, dem Vorstcher der Dkaconissenanstalt zu Neu Torney bei Stettin, gebracht, welcher sie in einer Herberge, Elifabethstraße 9, eingemiethcl hat. Hier ist sic von einem sörnckichen Spionicrfystem umgeben, ans Schritt und Tritt bewacht, und nicht einmal den Eltern, die in Verzweistung sind, ungestörte Zusammenkunft mit ihrer Tochter gestattet. Herr Pastor Brandt, den die Eltern sprechen wollten, läßt sich conscqnent verleugnen, nud bei seiner letzten Anwesenheit in Stettin hat der ohnehin leidende Vater des Mädchens drei Tage dort krank gelegen, ohne daß die angeblich nach der Taufe zur Dia» conissin bestimmte Tochter an das Krankenlager des Vaters gelassen wurde. Das Mädchen ist vollkommen unwissend m religiösen Dingen, kannte nach dem eigenen Geständnisse des Pastors Brandt in einem Briefe, der mir zur Einsicht Vorgelegen, weder die israelitische noch die christliche Geschichte, und es wird mindestens ein halbes Jahr nöthig sein, um sie zu untervichten, und zu prüfen, ob sie überhaupt aus Ucberzcugmrg die Religion wechseln will. Ta der Herr Pastor, wie er sagt, selbst keine Zeit dazu hat, so wird er das Manchen nach Berlin zu Freunden schicken, welche sich damit befassen, verirrten oder ungläubigen *) Da wir die Einrichtung solcher Easien stetS eindringlich «mpfchtcn, so machen wir nur daraus auimerkiam, daß cs zum Bestände und zur Wirksamkeit derselben durchaus crsorderlich ist. daß die demiu,geachtet von Haus zu Haus Bettelnden standbast mt auf die Cane venviescu werden. Sonst schleickN sich di« Bettelei wieder ei«, und daun wird schließlich auch die Taste wieder ausgegeben. diedactioll.