Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 37 (1873)
- Issue
- Heft 47 (18.11.1873)
- Date
- 1873-11-18
- Page
- Seite 770 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3226906-3226954--32127-3255083- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
770 waren, so fungirten sie als solche, nicht aber als Priester, und saßen dabei neben den gleichberechtigten Laien; in den Sanhedrin hatten sie nicht als Priester einzutreten, sondern nur, wenn sie sich, wie alle anderen Mitglieder, durch Gelehrsamkeit dazu befähigt hatten; cs heißt im Talmud: „ein gelehrter Bastard steht über einem ungelehrten Hohenpriester." Die Geschichte zeigt nnr ein Beispiel, daß die Priesterschaft mit den Leviten einen politischen Act ausübten, nämlich, als durch sie die usurpatorische Mene vom Haupte der grausamen Athalja geriffen ward; die Makkabäer erlangten ihre Stellung als Krieger und Befreier des Vaterlandes, nicht als Priester. In der Ziegel schloffen sich die Priester an die herrschende Partei, und vergaßen darüber selbst ihre Standeswürde und ihre Standesvortheile um der augenblicklichen und persönlichen Jntereffen willen. In ganz außerordentlichen Fällen übte der Hohepriester, aber nur wenn er befragt wurde, durch die Urim und Thnmim einen Einfluß auf die Handlungen des Volkes und seiner Führer aus; aber auch dieser hörte mit dem Falle des ersten Tempels auf, denn im zweiten Tempel wurden die Urim und Thumim nicht wieder hergestellt. Eine politische Herr-schaft lag also außerhalb der gesetzlichen Bestimmung des jüdischen Priesterthums. 8) lieber Lehre und Gesetz hatten die jüdischen Priester gar keine Macht; eö war ihnen nicht gestattet, irgend eine Veränderung vorzunehmen, oder eine Bestinunung zu treffen. Es war ihnen ursprünglich zwar aufgegeben, daS Volk zu belehren, namentlich in Fragen über Rein und Unrein, und besonders in Fällen des Aussatzes zu entscheiden; hiermit war ihnen aber durchaus keine Autorität über Glaubens- und Sittenlehre, über Lehre und Gesetz überhaupt gegeben. Selbst die Durcharbeitung des Gesetzes in der sg. Tradition war durchaus nicht ihre Sache, sondern die der Gelehrten des gesammten Volkes, 0) Das Amt und Recht „zu lösen und zu binden", stand den jüdischen Priestern tiicht zu, uni so weniger, als ein solcher Begriff im Indenthnme gar nicht vorhanden war. Auch bei Sühnopfern halten die Priester Nichts weiter zu thun, als daS bctr. Opfer nach Vorschrift zu vollziehen. 10) Besondere Acte, wie Trauung, Eonsirmation, Firmelung, Ohrenbeichte, Einsegnung der Leichen u. dgl. waren bei den Juden theils nicht vorhanden, theils, wie die Trauung, keine pricstcrliche Function. — Ohne weitere Bemerkungen haben wir wohl hiermit genugsam erwiesen, das; das jüdische Priesterthmn nüt dem katholischen gar keine Aehnlichkeit hak, und fügen mir noch hinzu, daß, wenn sie, so lange der Opfercnltus bestand, diesen zu vollziehen hatten, sic dagegen, sowie der Gebetcultus entstand, in diesem keine Stelle hatten, außer der Ertheilnng des Priestersegens, der jedoch, wenn kein Abkömmling der ahronilischen Familie zur Stelle ist, ebensogut. von jedem beliebigen Vorbeter gesprochen wird. Bonn, äl. October. <Privatmitth.) Es kommen uns von den verschiedensten Orten Berichte zu, welche erweisen, wie bei den am 28. d. stattgesundenen Urwahlen für das preußische Abgeordnetenhaus in vielen Städten 'die Wahl von Wahlmännern auf eine verhältnißmäßig sehr große Zahl von Juden gefallen ist. Es versteht sich, daß Dies nur da geschehen ist, wo der Sieg nicht auf Seiten der Ultramontanen verblieben ist. Es ist Ties ein Beweis, welchen regen Antheil unsere Glaubensgenossen an der politischen Bewegung nehmen, und in welcher Schätzung sie bei ihren, Mitbürgern stehen. Wir können hier auf solche Details nicht eingehen, und heben nur als Beispiel die hiesige Stadt hervor, wo erst der fünfzigste Mensch der jüdischen Religion angehört, so daß auf die 86 Wahlmänner nicht einmal ganz zwei Juden kommen sollten: es sind aber deren acht zu Wahlmännern gewählt worden. Königsberg, im October. Der „Jüdische Grenzbote" schreibt von hier: Bei der Auslösung der hiesigen Privatbank stellte sich heraus, daß 11,800 Thaler in Banknoten nicht zur Einwechselung gekommen, und wahrscheinlich verloren gegangen sind. Diese Summe wurde vorige Woche durch den Geheimen Eommercienrath, Herrn Moritz Simon, als Aufsichtsrath der Bank an sännntliche wohlthätige Vereine der hiesigen Stadt vertheilt, und wurde auch die hier bestehende israelitische WaisenerziehungSanstalt mit '.»00 Thalern, und der israelitische Studimnbcsörderungsverein mit 600 Thalern von diesen Geldern bedacht. — Die cingewandenen Polen, welche eine besondere Gemeinschaft bilden und ihre eigene Synagoge besitzen, haben sich einen Rabbiner, den Herrn Moritz Lewinsohn, der früher in Georgenburg fungirtc, berufen, und für ihn einen Iahresgehalt von 600 Thalern zusammengebracht. Bremen, 30. Oct. (Privatmitth.) Am nächsten 5. November sind eö hundert Jahre, daß der auch in weiteren Kreisen durch Gründung von Bremerhafen bekannte Bürgermeister von Bremen, Smidt, geboren wurde. Unsere Stadt wird diesen Tag festlich begehen. Für die hiesigen Inden ist derselbe insofern von Bedeutung, als sich an die Zeit der Wirksamkeit Smidts die traurige Erinnerung an ihre AklStreibung aus Bremen und des Verbotes, ans bremischem Gebiete zu wohnen, knüpft. Smidt war ein Judenfeind vom reinsten Wasser. Als im Jahre 1820 Senat und Bürgerschaft die Austreibung der in der französischen Zeit nach Bremen gekommenen Juden beschloffen hatte, begab sich eine Deputation nach Frankfurt a. M., wo Smidt als Bundestagsmitglied weilte, um ihn zu bitten, ihre einzureichende Petition um Aushebung des harten Beschlusses zu befürworten. Er entließ die Petenten mit einigen Versprechungen, die aber, wie sich bald zeigen sollte, nichtig waren. Am 21. October! 820 sollten die Inden Bremen und sein Gebiet geräumt haben; nur drei Familien, die vor der französischen Zeit schon in dem nahen Hastedt, das damals zu Hannover gehörte, später aber an Bremen karn, gewohnt hatten, wurde es erlaubt, dorthin wieder znrückzukehren. Die Juden erinnerten Smidt, der inzwischen Bürgermeister geworden war, an seine Versprechungen; als Antwort erhielten sie die vom Geiste der höchsten Intoleranz