Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 37 (1873)
- Issue
- Heft 47 (18.11.1873)
- Date
- 1873-11-18
- Page
- Seite 766 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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766 miletik von selbst verbindet. Wir werden sofort das Nähere hierüber besprechen. In praktischer Beziehung müßten die Zöglinge zuerst zur Entwersung von Dispositionen angeleitet werden, wobei sie zum Ausziehen der Dispositionen und des Gedankenganges aus Musterpredigten, oder zum Gegensatz auch aus mangelhaften Predigten veranlaßt würden, woran sich sehr fruchtbringende Besprechungen knüpften; alsdann zur Ausarbeitung von Predigten, theils über gegebene oder selbst gesuchte Texte, theils über bestimmte Themata und für besondere Gelegenheiten, welche Ausarbeitungen der Correctur und Besprechung Seitens des Lehrers unterzogen werden; und endlich zum Halten von Predigten, wozu als eine Vorübung das Borlesen von Predigten, Seitens der Schüler, angewendct werden kann. Vorausgesetzt wird selbstverständlich hierbei, daß der Lehrer selbst ein tüchtiger und gewiegter Kanzelredtwr sei, dessen Borbild lebendig auf seine Schüler wirkt. Wünschenswerth wäre es, daß eine solche Schule in einer Universitätsstadt entstände, wo die Zöglinge auch die Gelegenheit haben, einige angemessene Borlesungen zu besuchen, und bedeutende profane Redner zu hören. Denn es ist von großem Nutzen für angehende Kanzelredner, daß sie auch andere Redner hören, um vor dem einseitigen Kanzelton und sonstigen .KanzelManieren bewahrt zu werden. Kommen wir zu dem theoretischen Theile noch einmal zurück. Die jüdische Homiletik hat, was den Stofs betrifft, einen großen Vorzug. Die Quellen, aus denen sie zu schöpfen hat, sind viel reichhaltiger, als dem christlichen Kanzelredner offen stehen. Dieser ist beschränkt auf das Alte und Neue Testament, und zwar katholischerseits auf die Vulgata, der protestantische auf die luthersche Ueberfctzung. Ter jüdische Kanzelredner ist an eine bestimmte Ueberfctzung nicht gebunden, weil es für ihn keine autorisirte Ueberfctzung der h. Schrift giebt, er also den Text selbst übertragen kann, was ihm für seine jeweilige Behandlung deö Textes einen nützlichen Spielraum gicbr, wobei er natürlich dem Texte keine Gewalt anthun darf. Der jüdische Kanzelredner kann aber auch aus den unerschöpflichen Duellen des Talmud uud des Midrasch, selbst aus späteren Schriften von entschiedener Autorität, ans dem Gebetbuch? u. dgl. sein Material holen. Ebenso bietet ihm stofflich die große Geschickte des Iudenthnms und des jüdischen Stammes eine reiche Fundgrube, und nicht minder daS ganze Ceremcnialgesetz, dasselbe geistig zu durchdringen, und als Anknüpfungspunkt für religiöse und sittliche Gedanken zu benutzen. Es ist Dies von unschätzbaren! Berthe für ihn. Denn nicht zu verkennen ist, daß die Kanzelrede sich nur innerhalb eines begrenzten Ideenkreiscs bewegen kann. So reichhaltig dieser Kreis an sich ist, so sehr er sich zu vcrmannigfaltigen und zu vertiefen vermag, so kann er doch über die Gegenstände der Religion und der Sittlichkeit nicht hinausgehen, Und selbst jedes ferner liegende Qbject, das herangezogen werden könnte, muß unter diesem Lichte der Religion und Sittlichkeit betrachtet werden. Es kommt daher Alles daraus an, daß der Kanzelredner den Gegenständen dieser Ideenkreise eine immer wechselnde Beziehung, Entwickelung und Darstellung, einen immer anderen Ausgangs- und Endpunkt zu geben verstehe, um anziehend, belebend, ergreifend, hinreißend zu wirken, und hierzu giebt ihm die Mannigfaltigkeit der Texte, der angezogenen Stellen, der ihm dargebotenen Gleichnisie, Bilder u. s. w., mit einem Worte der Reichlhum der Quellen und des Stoffes die beste Handhabe. Was nänilich die Predigt abzeichnet, ist besonders, daß sie sich auf eine fundamentale Autorität stützt und hieran die eigene, zeitliche und individuelle Ausführung anlehnt. Dadurch gewinnt sie auch die Autorität für das von ihr gegebene Eigenthümliche. Daß also die Predigt einen Text an ihrer Spitze stellt, und aus diesem ihre Gedankenreihen entwickelt, ist nicht blos Herköln mliche Form, sondern gehört zum Wesen und Charakter der Predigt. Gerade deshalb ist der Kanzelvortrag auch geschichtlich eine jüdische Schöpfung, die . sich aus den, an die Vorlesung der Thora sich anknüpsendcn Erklärungen, Auslegungen und Vorträgen in ältester Zeit naturgemäß entwickelte. Wenn also die Predigt int großen Ganzen diesen Charakter bewahren muß, die Texte als Haupt- oder Nebentexte nicht blos auS der h. Schrift, sondern aus den autoritativen Schriftwerken aller Zeiten genommen werden können, so wird dem jüdischen Kanzelredner für die Behandlung seiner Gegenstände nicht blos eine überaus reiche Mannigfaltigkeit geboten, sondern er durchquickt seine Vorträge auch mit deni Geiste des Iudenthums aus allen Zeiten desselben. Sie durchziehen sich ihlu mit dem Geiste der Geschichte, wodurch sie eben den großen Vortheil schassen, sich mit Sicherheit auf die Ergebnisse der ganzen Vergangenheit zu stützen, was dem gegenwärtigen Geschlechte so sehr Noth lhut. Wenn, wie wir bereits gesagt haben, die Homiletik eine Schöpfung des Iudenthums ist, und in keiner Zeit aus den jüdischen Gottes- und Lehrhäusern gewichen war, so müssen wir doch zugestehen, daß die Predigt, wie sie gegenwärtig auch auf unseren Kanzeln gehalten wird, von der christlichen Kanzel entlehnt worden. Die synagogalen Vorträge waren, wie wir ebenfalls schon bemerkten, gänzlich heruntergekommen. - Erwachte also mit der eiugetretenen Eultur das Bedürfniß nach geordneter Kanzelrede, so war es natürlich, daß man sich an die bestehende christliche Vortragsweise anlehnte, von ihr Vorbild und Anweisung entnahm. Es geschah Dieö um so leichter, als damals in der protestantischen Kirche die rationalistische Richtung vorherrschte, die aus der Kanzel über die kirchlichen Dogrnen hinwegging und vorzugsweise mit der Moral sich beschäftigte. Dasielbe thaten nun auch die ersten jüdischen Prediger. Si.e ahmten die Form der protestantischen Predigt, die nicht selten an Steifheit litt, nach, und bewegten sich fast ausschließlich im Moralisiren, wie es jene auch thaten. Zum Beweise diene z. B. eine sonst treffliche Predigtsarumlung eines unserer verdientesten Kanzelredner, die fortlaufend das Leben Moses behandelte, und in der vom Leben, von rer Lehre, von dem Berufe Moses fast kein Wort vorkam.