Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 37 (1873)
- Issue
- Heft 46 (11.11.1873)
- Date
- 1873-11-11
- Page
- Seite 759 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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759 Augen! tiefliegend, halb verschleiert, stechende Blicke auS dem Winkel hervorfchießeud, und doch zumeist nach innen gewandt. Sv trat er mit raschem, entschlossenem Schritte vor den Untersuchungsrichter. Ter receptive, noch junge Assessor empfand ein unheimliches Gefühl, und er glaubte, wie einen Modergeruch, der von dem Manne ausginge, zu verspüren. Aber charaktervoll, und selbst nicht ohne eine gewisse Anziehungskraft erschien er ihm, nachdem eaö erste Gefühl überwunden war. Während Feitel die vorgelegteu Generalfragen beantwortete, und Dies niedergeschrieben ward, erwog unser jf., ob es nicht am angemessensten sei, bei diesem Manne sofort auf die Sache selbst einzugehen, um ihn vielleicht zu überraschen und zu verwirren. Gr stellte ihm daher die Frage: „Wo waren Sie während res Bormittags, an welchem der Mord des Lecser geschah?" Der Angcredete erschrak sichtlich; Blässe bedeckte sein sonst schon bleiches Angesicht, und dann stieg eine flammende Rothe auf, die sich auf'Wangen und Stirn bemerkltch machte. Der Assessor beobachtete ihn scharf und ntit strengem Gesichtsausdruck/ Nach einiger Zeit erwiderte er mit etwas heiserem Tone, — wir lassen die Färbung des jüdischell Zargons hinweg —: „Ihre Frage, Herr Assessor, überrascht mich. Das sieht ja aus, wie wenn Sie mich in Verdacht hätten?" „Wie es aussiehl, Das ist gleichgültig. Antworten Sie Ter Befragte schien sich unterdes; gesammelt zu haben, und mit dem Ausdruck einer gewissen Sicherheit, sagte er: „Wenn ich Dessen mich nun nicht mehr ganz besänne, oder wenn ich allein gewesen und keinen Zeugen Hane?" „Sie haben hier Nichts zu fragen, sondern nur zu antworten," erwiderte rer Assessor, „roch will rch Ihnen bemerken, das; Tics sehr schltmm für Sie wäre. Gs ist erwiesen, das; Sic, als die Sara Meyer Ihre Bewerbung um des Lecsel's willen zurückgewiesen, gegen Diesen die furchtbarsten Drohungen ausgestoßen haben, und diese Ihre Drohungen sind jetzt in Grsülluug gegangen. Auch ist das Feld, sich um die Sara zu bewerben, nuci) den geschehenen Mord wieder frei für Sie. Sie haben also das nächste Interesse an dem Tode des Unglücklichen. Also antworten Sie." Feitel schien von diesen Worten sehr ergriffen. Sein Gcmüth war ossenear in leidenschasiltcher Bewegung; er knirschte um den Zähnen. Aber schnell ging Dies vorüber, und nach wenigen Augenblicken erhob er sein Gesicht wie mit einer triumphirenden Miene, und den Richter geradeaus anblickend, sagte er: „Drehungen gelten Nichts, sie siltt keine THatsache. Ausgestoßen in le>censchasilicher Stunde, werden sie bet kaltem Blute selten ausgejührt. Ich habe Unrecht geihan, solche ausznstoßeu, obgleich ich Ursach' genug halte, Den Menschen zu hassen. Dafür büße ich jetzt, daß Sie mich, einen friedfertigen, unbescholtenen Mann, so fragen. Doch Das ist alles Nebensache. Ich kann Ihnen genau angeben, wo ick an dem Vormittage war, und habe auch Zeugen genug dafür. Ich ging schon vor 7 Uhr in die Synagoge zum Frühgottesdienste, und war da mit dem Nüster und Borbeter zuerst ganz allein, dann mit einer ziemlichen Zahl von Männern aus der Gemeinde, von denen ich auch mit einigen gesprochen. Ich will sie Ihnen neuneu. ,Gr nannte ein halbes Dutzend.» Ben da auö ging ich nach S Uhr nach meinem Hause und blieb daselbst fast den ganzen Tag. Kaum dort augelaugt, erschienen N'undcu, die mit mir Geschäfte machten, und Dies währte mit kurzen Zwischenräumen den ganzen Vorminag. Auch davon kann ich Ihnen einige nennen. Dies wird wohl genügen, um mein, — wie nennen Sie es doch? — ja mein Alibi, zu erweisen." Gr schien sich einige Zeit zu besinnen, und nannte dann eine Anzahl Leute. Der Assessor war von dieser Bestimmtheit, die gar keinen Zweifel mehr zuließ, doch etwas betroffen; es schien ihm darin selbst etwas Absichtliches, Borausbedachles zu liegen. Ties war aber eine Boraussetzung, die gegen die Thalsache keinen Werth halle. Gr bemerkte nur: „Nun, Sie haben ein gutes Getächtniß." „Das habe ich," antwortete ruhig Feitel, „und muß es im Geschäfte auch haben. Da aber nicht alle Leute ein solches haben, muß ich Sie ersuchen, Herr Assessor, die von mir genannten Menschen recht bald zu vernehmen, damit keiner es vergessen habe, bei mir gewesen zu sein." Gs war nun gegenwärtig Nichts mehr zu thun. Der Assessor ließ ras Protokoll schließen, und forderte Feitel auf, es zu unterschreiben. Dieser behauptete, deutsch nicht schreiben zu können, und unterschrieb seinen Namen mit jütischen Lettern. Ties zeugte wiederum für Fcitel's Unschuld. Gr tonnte den Brief nicht geschrieben haben, dessen blutiges Gouvert theilweise bei den Acten lag. Auch das rolhe Haar stimmte nicht mit dem braunen Büschel, der in der Hand des Gemordeten gesunden worden. Borausgesetzt, die angegebenen Zeugen bekundeten die Anwesenheit Feitel's in rer Synagoge und in seinem Hause.— uns diese Voraussetzung erfüllte sich im Laufe des Tages bei der sorgfältigen Bernehmung der völlig unverdächtigen Zeugen, — so war erwiesen, daß Feitel in Person an dem Morde Leeser'S unbetheiligt war, unv er mttßle als von jedem Berrachte gereinigt erscheiueu. Hierdurch war der Assessor um so mehr gedrängt, entschieden gegen Albert Fischer vorzugehen. In der folgenden Nacht fuhr er mit einer Anzahl Polizisten und Geustarmen nach G. Bevor der Morgen graule, ließ er das Haus Fischer'ö umstellen, weckte diesen aus dem Schlafe, und unterzog sich selbst der genauesten Haussuchung. Gs wurde Nichts gesunden, was Verdacht erregen konnte. Man fand auch die Niederlage völlig leer. Gr ging hierauf auf das Berher mit Fischer ein. Gs war dies eul mittelgroßer, hagerer und wüst ausseheucer Mann, eine Persönlichkeit, der man irgend Unthalen zittrauen konnte. Nach den