Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 37 (1873)
- Issue
- Heft 46 (11.11.1873)
- Date
- 1873-11-11
- Page
- Seite 755 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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755 So viel wir wissen, ist das Material, von dem man spricht,, bis jetzt nur'von Einzelnen ausgegangen, und die Gemeinden selbst haben noch gar nicht gesprochen, weil sic immer noch auf das Elaborat der berliner Gemeinde warten. Diese hat mit ihrem Vorgehen eine große Verantwortlichkeit auf sich genommen, und eS ist hohe Zeit, daß sie dieselbe endlich löse. Die Gemeinden mögen sich also durch jene von den Gegnern stammende Bemerkung nicht täuschen lassen, unv baldmöglichst der Staatsregierung ihre Ansichten und Wünsche vortragen. Im großen Ganzen kann inan nicht anders sagen, als daß die jüdischen Gemeinden in Preußen ihre Interessen mit großer Schlaffheit wahrnehmen. Sonst hätten längst in Bezirken oder Provinzen Versammlungen stattgefunten, um sich über Das, waö noth thut, zu berathen und schlüssig zu machen. Welches Leben dagegen auf anderen GebietenWie eifrig zeigen sich die Katholiken und Protestanten, die Liberalen und Conservativen. — während die Juden, wo es sich um ihre religiösen und gemeindlichen Interessen handelt, die Hände in den Schoß legen, und über sich ergehen lassen, was da komme! Österreichisch - ungarische Monarchie. Wien, 2!). Oktober. (Privatmitth.) Als vor mehreren Jahren, nachdem die Statuten der israelitischen Gemeinde die Genehmigung der Behörde erhalten hatten, der ganze Vorstand der Gemeinde neu gewählt werden sollte, wendeten sich mehrere Wähler an den seligen Mannheimer, er möchte ihnen ralhen, wen sie wählen sollen. Ter selige Mannheimer erzählte Dies dem Schreiber dieser Zeilen mit -folgender Bemerkung: „Wir wundern uns, wenn wir in der Schrift lesen, daß in Sorom nicht zehn Gerechte waren und sprechen von Sorom. Run leben wir in einer Gemeinde, die sich mit Recht eines großen Rufes erfreut, unv doch nennen Sie mir zehn Gerechte! zehn Männer, die im vollsten Sinne des Wortes Gerechte sind." Es fällt mir riese Remmiscenz ein, da eben jetzt bei uns in Oesterreich zum ersten Male die direkten Wahlen in's Abgeordnetenhaus stattsauren. Hier in Wien war man förmlich um Candidatcn verlegen. Es war ein Kampf zwischen „Alten" und „Jungen", letztere siegten. Aber ehrlich gestanden rr'r-> Ni:? "pi-na n'r '2ca. In rer inneren Stadt waren drei Candiraten unbestritten. Das Organ des Carrinals Rauscher, der „Bolksfreunb" (nebenher fei es bemerkt, daß auch dieses Journal Ihren Artikel über ren altkatholischen Bischof Reinkens reproducirte) bezeichnte die Candiraten, ein Christ «der ehemalige Finanzminisler Brestelt, ein getaufter Jude (Iustizminister Glaser), unv ein Iure (L'r. Ign. Kuranda>. Außer riesen wurden noch zehn Israeliten in daS Abgeordnetenhaus des Reichsraths gewählt, und zwar, in Brünil: Gomperz unv Reuwirlh, in Böhmen: Dornitzer, Fürst und Schwib, in Galizien: Hönigsmann, v. Kallir, Landau, Mendelsburg und Rubinstein. In Galizien fanden übrigens von Seite der Polen viele Wahlumtriebe gegen die Juden statt, und ist eS noch fraglich, ob die Wahlen verisicirt werden. Sollte Dieses, wie vorauszusetzen ist, nicht der Fall sein, so wird die Anzahl der jüdischen Abgeordneten größer sein. Wie ich hinzufügen will, sollen Abgeordnete im ReichSrathe fein. Mf. Wie ich soeben erfahre, wurde ein böhmischer Großgrundbesitzer, Herr Oppenheimer, gewählt. Lemberg, 30. Oktober. Seitens der Statthalterei wurde conftatirt, daß der verfassungstreue Mises beider ersten Wahl im Städtcwahlbezirke Drehobyez-Stry mit absoluter Majorität gewählt wurde: deshalb sei die nachträglich vvrgenommene engere Wahl zwischen Mises und Maoejewski u n g l l t i g. Es erscheinen somit vier verfassungstreue Israeliten aus Galizien gewählt. —. Die N. fr. Pr. enthält folgende Zuschrift: Herr Redakteur! Zur Illnstrirung der Mittel, welche polnische Beamte bei der Wahlagitation angewendet haben, diene folgender Fall: Der Bezirksrichter Lnkasiewicz hatte an zwei Juden am 10. d. M. zwei Vorladungen vor Gericht zustellen lassen. Beim Erscheinen verbot er ihnen, gegen ihn zu agitiren. Wir haben riese Vorladungen dem Oberlandeogcrichte in Lemberg eingesendet; waö geschehen wird, wissen wir nicht. Der Rara Ruska haben wir ebenfalls hiervon Mittheilnng gemacht. Bei der 'Wahl im städtischen Bezirke ist noch mehr Gewalt angewendet worden. Ten Juden gab man trotz ihres unausgesetzten Verlangens keine Legitimationskarten. den Polen hingegen so viel diese wollten, so daß jeder polnische Agitator einige in der Tasche herumtrug, die er auch an Richtstenei zahler vertheilte. Alle Ungesetzlichkeiten, die wir zu beweisen im Stande sind, werden in rem dem Reichsrathe vorzulegenden Proteste ansgezählt werden. Hochachtungsvoll P. Bursztyn, Obmann des israelitischen Wahlcomitös. K. K'ießler, correspcndirendes Mitglied res Schemer Israel. Brzezan, den 27. Oktober 1873. 'Auö dem Toküjcrgebirge, im Oktober, t Privatmittheil.' Die Herbstserien führten mich in die verschiedensten Ortschaften Oberungarns, und erlaube ich mir, die Erfahrungen, die ich gemacht, in diesen weitverbreiteten Blättern niederzulegen. Zu den bedeutendsten Gemeinden gehört in erster Linie Epe ries, welches ehedem als Mnstergemeinte obenan stand. Damals war Leo Holländer noch tonangebend, unv im Chorrempel, welcher vor Jahren der einzige Obernngarns war, 40