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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1873-11-11 · Heft 46 (11.11.1873) · p. Seite 750

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
37 (1873)
Issue
Heft 46 (11.11.1873)
Date
1873-11-11
Page
Seite 750 (sequence 4)
Language
German
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750 ihrer Herrschaft doch keine Tauer verspräche. und weil sie wirklich glauben, daß Frankreich so sehr an den Rand völliger Zerrüttung gedrängt werden würde, daß eS ihnen bedingungslos in die Arme fallen werde. Das l’nivers hat die ganze Zeit über nichts Anderes gepredigt. - Sie wissen, daß ich durchaus kein principieller Gegner der Monarchie bin, und daß ich sogar glaube, zwischen einer absoluten Regierung und der. welche augenblicklich >n Frankreich herrscht und mit ihrem Belagerungszustand, den sie drei Jahre nach dem Kriege noch aufrechterhält, und ihrer Präfectenwirthschaft ein ganz willkürliches Regiment führt, sei kein großer Unterschieb. Dennoch handelte es sich hier um die ganze Zukunft Frankreichs, und um die große Frage: ob in unserem schönen Lande das krasseste Mittelaller, oder die mit so vieler Geistesarbeit und so vielem Blute errungene moderne Freiheit herrschend sein solle, — und siehe da, die letztere hat ohne Kampf den Sieg errungen. Jenes Mittelalter trat mit einer offenen Kundgebung auf, und sofort war es auf eine so kleine Partei beschränkt, daß es jegliche Aussicht verlor. Dies nenne ich einen Sieg der modernen Gesellschaft, dessen sich die ganze Welt erfreuen kann. Freilich ist hiermit unser Himmel noch nicht aufgeklärt; unter den mehrfachen Chancen ist nur eine vom Schauplatz abgetreten. Aber wir sind doch versichert, daß die Grundsätze der Gleichheit vor dem Gesetze und der Gewissensfreiheit unbestritten und unverletzt bleiben werden, und Das ist des freudigen Trostes nach so langer, sorgenvoller Ungewißheit genug. Was auch aus den noch bevorstehenden Kämpfen hervorgehen mag, so viel ist gewiß: die Geschichte wird anerkennen müssen, daß die Hierarchie, in Verbindung mit den Feudalen, es an Offenheit und Entschiedenheit nicht hat fehlen lassen; sie hat ihre Kriegserklärung deutlich vor sich hergesandt; und da die fusionistischen Faiseurs das Volk über die Absichten der hierarchisch-legilimistischen Partei täuschen wollten, hat jene den Schleier mit starker Hand zerrissen. Ter gegenwärtige Kampf entbehrt deshalb aller List und Verstellung, er ist ein offener, der zu Ende geführt werden muß, wenn er nicht, durch irgend ein nicht vor-- auszusehcndes Ereigniß, noch einmal durch einen Waffenstillstand unterbrochen wird. — Unteroeß geht der Krieg der hiesigen Journale gegen die Juden immer weiter fort. Bor Kurzem erschien eine Erklärung zu Gunsten der Republik von Seilen 1100 der notabelsten Industriellen und Kaufleute von Paris. Der l’nivers rechnete sofort heraus, daß unter diesen -15 Ramen dem jüdischen Bekcnntniß angehörten, deuuucirt nun die ganze Adresse als ein Machwerk der Juden, und ließ es an den bittersten Ausfällen nicht fehlen. Die republikanischen Blätter dagegen vertheidigen diese 45 Juden, nehmen aber Gelegenheit, ihrerseits zu denunciren, daß einige jüdische Banquiers auf Seiten der Royalisten ständen, nnd ihnen ihre Gelvkräste zu Gebote hielten. Es mag auch Dies wahr sein. Aber anstatt hieraus zu entnehmen, daß die Juden ebenso wie die Christen den verschiedensten politischen Parteien angehören, also die Juden im Ganzen, oder vielmehr die Religion, gar Nichts damit zu thun haben, schlägt jede Partei auf alle Juden los, weil eben nicht alle einereinzigen Partei angehören! —*) Literarischer Wochenbericht. Bonn, 20. October. Goltesflannne. I!. Band, Religiöse Reden über die Festtagsu. Wochenabschnitte. Von I. Stern, Rabbinatscandidat in Niederstetten < Württemberg ■. Leipzig, Leiner 1873. Wir gestehen, daß das Gedicht „Eine Vision", welches rer Verfasser statt des Vorworts gicbt,. uns beinahe abgeschreckt hätte, einen weiteren Blick in das Luch zu thun. Nicht als ob die Verse so schlecht wären, — es sind sogar einige gute darunter, wenn sie auch sonst an zu großer Wortfülle und nicht ganz angemessenen Ausdrücken leiden, z. B.: „Noch eine Gottesflamme willst Du schreiben?" — sondern weil in demselben der Verfasser eine Schilderung seiner Glaubensgenossen giebl, die denn doch über alle Wahrheit hinausgeht, und Dies nur darum, weil der erste Band, — doch wir wollen den Vers selbst citiren. Der Genius des-Verfassers spricht: „Vergebens hast Du Treffliches geschrieben, Nicht Geld, noch Amt hat es Dir eingebracht. Umsonst bist Du der Wahrheit treu geblieben, Umsonst hast Du, gegrübelt Tag und Nacht. Die grauen Nebel wollten nicht zerstieben, Glicht hat die Huld des Schicksals Dir gelacht. Vergebens hast Du Deinem blöden Stamme Ein Licht gebracht mit Deiner Gottesflamme." Daß das Verdienst nicht immer, oder erst spät gewürdigt wird, ist richtig. Oft haben hieran mehr die Umstände, als die Personen Schuld. Jndeß ist doch Jeder, der die ersten Schritte aus dem literarischen Felde thut, und nicht gleich . eine reiche Erndte eiuheunst, verpflichtet, anzunehnien, daß Dies auch an ihm selbst und seinem Producte, an rem Werche und der Art desselben liegt. Wer ein Bändchen durch reu Druck veröffentlicht, Der darf nicht hoffen, daß ihm alsbald die Wels huldigend zu Füßen liegen werde. Dazu hat unsere Zeit zu wenig Geschmack an gedruckten Predigten, und giebt es deren zu viele selbst der trefflichen. Wegen solches geringen Erfolges alle Diejenigen, welche Amt und Besoldung erlangen, für „Heuchler und Gaukler" erklären, ist kein Zeugniß für die Tugenden, welche das Gedicht dem Verfasser beilegt, „Ehrlichkeit uno Bescheidenheit". Um sich so misanthropisch über die Menschen äußern zu dürfen, dazu *) Die von mir in meiner letzten Correspoudcn; angeführte „Jl lustration" entschuldigt sich wirklich damit, datz sie nicht die französi schen, sondern nur die deutschen Juden gemeint habe; diese bade sie nach der Natur gezeichnet' Corresp.

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