Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 37 (1873)
- Issue
- Heft 46 (11.11.1873)
- Date
- 1873-11-11
- Page
- Seite 749 (sequence 3)
- Language
- German
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749 (Vhijje akjetbaii fein will? Tic Juten waren rie Schöpfer rer religiösen Bcredlsamkeit, wie die (Griechenrie rer politischen und juridischen. Tie Propheten, und an ihrer Spitze Moses, geben unS vollgültige Muster sür rie erste Entwickelung der religiösen Redekunst. Haben nun die Juden bis zur neuesten Zeit ihre eigene beschichte am meisten vernachlässigt, und seil JosephuS nur eine geringe Zahl geschichtlicher Schriften auszuweisen-, siur wir aber mit glücklichen Erfolgen aus dieser Beschränkung nur Beschränktheit heranSgelreten: so ist es wohl auch der fleißigsten Arbeit wertst, die Geschickte rer religiösen Beredlsamkeit, die wir geschaffen, soweit wir sie in allen Zeitaltern gepflegt haben, gründlich zu Tage zu fördern. Wir haben hiermit die. Mängel nachgewicsen, an welchen unsere rranzelberedtsamkeil krankt. Cie bestehen in der mangelhaften. Borbereitung, in den lückenhaften Studien Derer, welche zum Predigen berufen nur veranlaßt werden, in dem Fehlen aller homiletischen Lehrbücher, und einer wissenschaftlichen Geschichte der jüdischen Homiletik. Vir müssen hier aus. der Aurvdidaklie endlich heraus. ES ist ja nicht zu verkennen, daß Nichts leichter zum Seichiwerken, zu Pfuscherei, zur Einförmigkeit und Oberflächlichkeit hinneigt, als die Predigt, und doch tritt sie von selbst mit einer gewissen Prälension aus. Sie will reden, wo Alles schweigt: sie will die Wahrheit verkünden, wo so viele Zweifel und Jrrthümer vorhanden sind'; sie will belehren, ohne zu tiseutiren; sie tvill die Tiefen deS GemütheS aufregen, die geheimsten Gedanken und Gefühle beanspruchen; sie will das Gewissen befragen; sie will daS Zwiegespräch der Seele mit ihrem Gotte vorstellen. TaS will und soll sie; dazu ist sie da, dazu versammelt sick eie Gemeinde, und leiht ihr ein aufmerksames Ohr. Erfüllt sie Ties nun auch nicht nach mäßigem Anspruch, bietet sie nur ein oberflächliches Gerede, -mehr oderweniger tönende Worte ohne tieferen Inhalt, ohne zu ergreifen und zu begeistern, schasst sie nur Langeweile, daß der Hörer froh ist, wenn sie zu Ente: so hat sie nicht nur ihr Ziel verfehlt, sondern sie bringt sich selbst in Mißachtung, und Ties ist ein außerordentlicher Schaden. Wir glauben nickt zu viel zu sagen, wenn wir behaupten, daß namentlich für den jütischen Gottesdienst in unserer Zeit die Predigt das eigentliche belebende Element ist. Wicklig bleibt immer der musikalische Theil desselben, aber dock nur da vermag dieser auf die Tauer wirksam zu sein, wo sich sehr bedeutende Mittel für ihn zusammensinden, und Ties kann eben nur an wenigen Orten der Fall fein. Aber auch dann bleibt für den gegenwärtigen Menschen die Pre- - di gl der belebende Mittelpunkt. Nun ist es gewiß, daß der jüdische Gottesdienst unter den Zeiiverhältnissen überaus gelitten, und mit jeder Generation weiter noch mehr an Theilnabme verliert. Würde daher auch die Predigt in einen Zustand der Vernachlässigung sinken, und hiermit die Achtung der Gemeinte verlieren, so wären Ties Anhiebe auf die Wurzeln des Eultuö. Was die Schule für die .Kindheit, Das ist die Predigt für die Erwachsenen, sieben der Schule wirkt allerdings das Haus und die Umgebung, neben der Predigt da» Leben und die Literatur. Aber diese gerade müssen durck jene gestalten und getragen werden. Mag Ties nirgends verkannt werken. — Tie Predigt hat feit ungefähr vierzig Jahren kiese Aufgabe im großen Ganzen getreulich erfüllt. Sie har über die Mission des JudeitthumS ein neues Bewußtsein geweckt und verbreitet, die allgemeinen Lehren desselben vor unzähligen Seelen in's Licht gestellt, Erkenntniß lind Sittlichkeit gepflegt, vielfache Jrrthümer beseitigt, und die cultueUen Formen mit belebendem Haucke durchweht. Man frage sich nur, wie es ohne sie anssehen möchte? Man sehe, wie eS an Orten aussieht, wo sie keinen Raum gewonnen, oder TicS in kümmerlicher Weife. Bei solcher Erwägung wird man den Werth der Predigt würdigen, und es begreifen, wenn wir sie vor dem Bersalle geschützt, und ernstem und eifrigem Studium unterzogen wissen wollen. (Fortsetzung folgt., 2Ub Frankreich. P ariS, 2. November. Ich erinnere mich, in einem der Leitartikel d. Bl. vor einiger Zeit eine Erörterung gelesen zu haben, welche nachwieS, wie seil der Priestcrvcrsolgnng in der französischen Revolution und der Aushebung deS. Kirchenstaates durch Napoleon, die katholische Hierarchie den Weg der entschiedensten Opposition betrat, jeden Eempromiß, jedes Zugeständnis; an die moderne Gesellschaft zurückwieS, weil sie glaubt, durch alle derartige Nachgiebigkeiten nur zu verlieren, ihre Beacht und ihr Ansehen zu vermindern, und allmälig unterzugehen. Solcher Ohnmacht zieht sie den hartnäckigsten Kamps vor. Daher eie Wiederherstellung deS Jesuitenordens, der Streit um die genuschien Eben, der SyllabuS, die Eneyeliea, daS UnfehlbarkeitSdegma, die Renitenz der deutschen Bischöfe, daS >»>„ |inssimiii> überall, im kleinen mit im Großen. Hieraus allein erklärt sich nun auch daS unerwartete Schreiben des Grafen Ehambord, welches vor einigen Tagen den ganzen Schwindel der Fiisionisten, durch welchen sie Frankreich in die Neye der legitimen Monarchie hiueiufckwiukelu wollten, uru den Orleans den 'Weg zur Krone zu bahnen, in Tunst aufgelöst, und Frankreich von der es bedrohenden Gefahr gerettet bat. Es kann immerhin fein, daß Ehambord selbst eine kurze Zeit geschwankt hat, aber seine geistlichen Naihgebcl brachten ihn wieder ans die Grenze teö mm ... zurück, weil sie eben dem Entweder — Oder huldigen, und wohl wissen, daß der ronstitutioneUe Apparat, noch dazu mit dem allgemeinen 'Stimmrecht, ■Ui*