Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 37 (1873)
- Issue
- Heft 46 (11.11.1873)
- Date
- 1873-11-11
- Page
- Seite 748 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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748 in alle (Stoffen rer Juden eindrang, und dadurch die bisherigen Kanzelvorträge. die sg. Draschoth in Form und Inhalt ihr Ansehen verloren, und schließlich widerwärtig wurden. Der Jargon und die völlige Formlosigkeit machten sie geschmackswitrig, und der Inhalt befriedigte um so weniger, als er der Regel nach populistisch war, talmudische Kenntnisse im Volke immer geringer wurden, und selbst ein großer Theil Derer, welche auS ihrer Jugend noch ein Verständnis; dafür besaßen, bei ihrem weit davon entfernten Lebensgang die Sympathieen dafür verloren hatte. Wir sprechen selbstverständlich von den Gemeinten westlich von der Oftgrenze Deutschlands. Man verlangte also zunächst an allen Festen die Predigt; einige Jahrzehnte später die regelmäßige Predigt auch an Sabbalhen. War Ties zuerst nur in einigen (Gemeinden hervorgetreten, so dehnte sich doch dieses Bedürfnis; bald immer weiter aus, bis es nach und nach selbst in den kleineren Gemeinden Raum gewann. Es wird demnach gegenwärtig in den jüdischen Gemeinden bereits viel gepredigt, und die Zahl der predigenden Personen wird immer größer. Tie Predigt hatte den Verzug vor allen sonstigen Resormmitkeln, daß sie den eigentlichen Charakter einer Reform nicht hatte, keine Veränderung in den herkömmlichen sixirien Fermen erforderte, und deshalb von allen religiösen Richtungen als eine Art Einschiebsel angenommen werten konnte, ohne daß eine dieser sich dadurch mit sich selbst in Widerspruch stellte. Es wird daher in den sg. orthodoxen Gemeinden gepredigt, wie in den reformistischen. Um so ausfallender ist cs, daß die jüdische Homiletik der wissenschaftlichen Bearbeitung noch gänzlich entbehrt. Gedruckt wurden Predigten genug, und dieser Zweig unserer Literatur trug eine Menge von Blüthen, freilich von sehr verschiedenem Wertste, wenn auch die jüngste Zeit hieran ärmer geworden, denn daö Interesse der Predigt beruht vorzugsweise aus der vn;i \<»x. und jcmestr deshalb gepredigt wird, desto schwächer wirr das Interesse an der gedruckten Predigt. Aber es giebt neck, lein einziges Lehrbuch der jüdischen Homiletik; es giebt noch nicht einmal den Anfang zu Materialien für ein solches Lehrstück'; dei.u unsere verschiedenen Abhandlungen und Besprechungen in den Vorreden 'zu unseren Predigtsammlungen wollen wir nicht so hoch anschlagen, wenn sie auch von einigem Nutzen waren. Wer sieht aber nicht ein, daß gerade im Fudenthuine ein solches Lehrbuch, eine ausreichende Anleitung, zu predigen, eigentlich ganz unentbehrlich ist? Die größte Zahl Derer, die in unseren Gemeinden zu predigen staben, sind nicht solche, welche Universitäten, ja selbst nur Gymnasien besucht haben. Für riese muß ja eine gründliche Anleitung ein unabweisbares Bedürfnis; sein. Aber auch Diejenigen, welche eine Universität, oder eines der bis jetzt bestandenen Rabbinerseminare besucht haben, sind meist im homiletischen Fackw ungenügend vorbereitet. Die jüdische Homiletik müßte in solchen Anstalten gründlich und anssüstrlick tecirt, und mit den Suidirenden ausreichende praktische Uebungen vorgenommen werden. Es bleibt da den jungen Leuten Nichts weiter übrig, als Predigten zu hören und zu lesen, und diese dann nachzuahmen. Es fragt sich aber, ob sie gerade homiletische Meister zu hören Gelegenheit haben, ob sie auch Fleiß genug verwenden, um mit wirklichem Erfolge aus gedruckten Predigten sich über die homiletische Kunst zu unterrichten, und eine richtige Vorstellung zu bilden; hierzu gehört aber auch Scharfblick und Begabung. Nichts natürlicher, als daß eine große Zahl alles Dies in oberflächlichster Weife abmacht. Wer richtig zu sprechen utid zu schreiben glaubt, dünkt sich auch als Prediger austreten zu können, und ist es ihm wirklich einmal gelungen, ob mit fremden oder eigenen Federn, einen günstigen Eindruck hervorzurufen, so dünkt er sich auch ein Meister, der weiteren Studiums nicht .mehr bedarf. Ist der zum Predigen Berufene ein Gelehrter, aber die Gabe der Rede ihm versagt, oder nur sehr mittelmäßig gewährt, so ist es Nichts gewöhnlicher, als daß er rem Predigen gar leine Bedeutung beilegt, und es eben nur als eine beiläufige Pflicht ausgiebt, oder eine Beschwerde, bei der cs gar nicht ankömnit, wie sie abgcthan wird. Wir werden hierüber noch sprechen. Tie Folgen solcher Verhältnisse leuchten ein. — Ebenso fehlt es noch gänzlich au einer Geschichte der jüdischen Homiletik, nur diese wäre von bedeutendem Nutzen, selbst praktischem, da sie dem Jünger die reichen Quellen der Homiletik erschlösse. Man gestaltet nns hierbei die Bemerkung, daß, so reichhaltig auch unsere historische Literatur in den letzten Jahrzehnten angebaut worden, sie doch noch an einer empsinrlid)cu Lücke leider. Während einerseits für die Gesamitilgeschichie des Indenthums und der Inden und gewisse größere Perioden tüchtige Werke erschienen, hat man sich andererseits zu sehr aus Monographien und Biographien geworfelt, und sich so in's Detail versenkt. Tagegen blieben die größeren geschichtlichen Themata unbearbeitet, und hiermit unserer Meinung nach die wichtigsten Objecte der Geschichte res Indenthums. unerledigt. Einer Geschichte der jüdischen Homiletik, für welche bis jetzt beträchtliches Material in dein bekannten Werke von Znnz „Gotlestienst-iche Vorträge der Juden" (Berlin 1S;i2< allein gesammelt sind, 'würde einen großartigen Inhalt offenbaren. Sie hätte mit dem fünften Buche Moses, das in seinen Haupttheileu Homiletik ist, zu beginnen, mir alle Zeitperioden des Iudemhmns zu durchschreiten; sie müßte den dogmatischen und ethischen Inhalt jeder Periode, inwiefern er zur religiösen Rede an das Volk geworden, erörtern, und die Form, in welcher er zu Tage trat, und in der sich wiederum der Vellsgeist und ästhetische Bildung offenbart, charaklerisiren. Es ist Dies allerdings eine schwierige Aufgabe, und eine andere Lesung würde doch nur eine nüchterne Anhäufung literarischer Daten liefern. Hieraus sieht man jedoch, von welcher Wichtigkeit eine solche Arbeit wäre. Haben aber, fragen wir, unsere Rabbiner und Gelehrten, wenn sie Begabung dazu besitzen, nicht Zeit genug, sich einer solchen Arbeit bin zugeben, cie freilich viel Zeit und Mühe kosten würde, und nicht im