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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1873-11-04 · Heft 45 (4.11.1873) · p. Seite 742

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
37 (1873)
Issue
Heft 45 (4.11.1873)
Date
1873-11-04
Page
Seite 742 (sequence 12)
Language
German
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742 I niedrigen Schemel, die Hände auf die Kniee gestützt, mit stieren Blicken, und auf Fragen gar nicht, oder nur mit einer Kopfbcwegnng antwortend. Nicht so die Mutier. Sie war zwar ruhiger geworden, und saß ebenfalls auf einem Schemel, aber sie ließ fortwährend ihren Klagen freien Lauf, und schien in diesen von Stöhnen und Jammerlaulen unterbrochenen Klagen zu athmen und zu leben. Ter Rabbi hatte sie auf daS Erscheinen der GerichtSperson vorbereitet, und ihren Gedanken dadurch einen bestimmten Gang zu geben versucht, daß er ihr begreiflich gemacht, der Richter sei die Person, welche den oder die Verbrecher verfolgen, fassen und zu ihrer gerechten Strafe bringen werde. Dies hatte denn daö natürliche Rachegefühl für die an ihrem unschuldigen Sohne verübte Gräuelthat in dem Herzen der Mutter, die sich so plötzlich ihres einzigen Sohnes beraubt sah, geweckt. Die Braut Leeser's war nickt zugegen. Die Mutter empfing daher den Assessor alsbald mit einem Strome von Worten, mit welchem sie ihm die, ihrer Meinung nach, außergewöhnlichen Tugenden ihres Sohnes schilderte. Was für ein frommer Junge er wart Wie er daS heilige Gesetz Tag und Nacht auf's Pünktlichste beobachtete, und seine Seele rein hielt vor Gott und Menschen, wie Keiner wieder! Der Rabbi könnte es bestätigen. Und wie gelehrt er gewesen in der Schrift und selbst im Talmud! Auch Dies müsse der Rabbi bestätigen, der ja sein Lehrer gewesen, und von. dessen Vorträgen er keinen versäumt habe. Im schrecklichsten Wiuterwetter sei er der Erste und der Letzte gewesen in der Synagoge und im Lehrhause! Und niit allen Menschen habe er in Frieden gelebt, daß es geradezu Ungeheuer gewesen sein mußten, die Hand an ihn gelegt, und sie mußten lebendig verbrannt werden, denn abbüßen könnten sie es doch nicht. Und Das wäre ihr eiirziger Trost, daß er jetzt gewiß auf der höchsten Stufe im Gau Eden stehe, denn eine Sünde hätte er Zeit seines Lebens nicht begangen. Und was für ein Kind war er! Das war noch nicht dagewesen. Abgespart vom Munde hätte er es sich, mn eS seinen Ellern zu bringen. Niemals wäre er nach Hause gekommen, ohne etwas GnteS für sie mitzubringen. Und die Pantoffeln hätte er gewärmt und ihr vor das Bett gebracht. Und das Waschwasser für seinen Vater, und den Kaffee früh Morgens gekocht, und Hut und Stock dem alten Manne cntgcgcngetragen. Und alle Launen desselben nur mit einem Lächeln und einem begütigenden Worte erwidert. Dies Alles wisse der Rabbi, und müsse der Herr Richter wohl wissen, um die Frevler mit seinem ganzen Zorne zu treffen! So floß die Rede unaufhaltsam von den Lippen des armen alten Weibes,.von ihren Thräncngüffen begleitet. Ter Assessor hielt ruhig ans; er fühlte, daß er hiermit eine Menschenpflicht gegen das zerdrückte und zerrissene Mutterher; übe. Auch in dem Greise schien die Theilnahme zu erwachen, und bei den Kraftstcllcn seiner Frau nickte er mit dem Kopfe, und begann seinen Oberkörper hin und her zu schaukeln. Als die Frau endlich Etwas nachzulassen anfing, schob der Assessor allmälig seine Fragen ein: Wann ihr Sohn das HauS verlassen? welche Absicht er vor dem Antritt seines Weges ausgesprochen? was er wohl mit sich genommen? was er bei sich zu tragen gepflegt? wie er gekleidet gewesen? u. dgl. Jede dieser Fragen hatte einen neuen Erguß der mütterlichen Trauer zur Folge. Aber mitten aus diesen traten doch die Anworten klar hervor, und wo Dies nicht der Fall war, wußte der Rabbiner geschickt auf den eigentlichen Punkt eiuzulenken, so daß sich doch schließlich ein klares Lild zusammenstellte. Leeser hatte den Abend vorher seinen Eltern gesagt, daß er nach C. bestellt sei, und am andern Morgen, che sie aufstehen würden,die Reise antreten werde. Sie hatten ihn auch früh Morgens Weggehen hören, ohne ihn noch einmal zu sehen. wie er Dies häufig that. Sie haben ihn nicht wieder gesehen. Seine Kleidung beschrieb die Mutter so, wie sie an der Leiche gefunden worden. Er trug gewöhnlich eine große silberne Uhr bei sich, und zwar an einer Haarschnnr, die er vor Kurzem von seiner Braut, aus deren Haar geflochten, erhalten hatte, einen ledernen Geldbeutel, und eine alte rothe Sasfianbrieftasche, wie sie damals gewöhnlich war, bei sich, einen Knotenstock in der Hand. Da von diesen Sachen sich im Hanse Nichts vorgefundcn, mußte er sie auch an dein Morgen des Verbrechens bei sich gehabt haben. Sie waren allesammt spurlos verschwunden. ES ergab sich auch, daß er heute vor zwei Tagen fortgegangen. Dies war der Morgen, an welchem Jürgen und Klaus die Leiche am Rande des Judenteiches gefunden halten. Somit war es klar, daß die That kurz vor dein Eintreffen der beiden Bauern an dem Orte des Verbrechens vollbracht worden. Dem Assessor kam noch sehr viel darauf au, über das Verhältnis; Leeser's zu seiner Braut und zn Ascher Feitel etwas Näheres zu erfahren. Er huldigte dem Grundsätze, daß bei einer Untersuchung Alles als Jndicie, Nichts als Beweis angesehen werden müsse, bis die Judicien sich so gehäuft, daß sie den Charakter eines. Beweises angenommen. Er wollte daher, während er die eine Spur verfolgte, sich die andere nicht abschueiden. Hierbei war aber große Vorsicht erforderlich, um nicht im Geiste der Mutter einen Verdacht zu erwecken, der, nach der Natur des Menschenherzens, alsbald riesengroß auwachsen, die Sachlage verwirren, und sich in die allgemeine Meinung hineinstehlen könnte. Tenn bei einem außergewöhnlichen Vorgang werfen sich die Menschen lieber aus ein außergewöhnliches Motiv, als auf daS einfache, daS am nächsten vor ihnen liegt, und dann dient ihnen auch das Entfernteste zu einem scharfsinnig herangezogenen Beweise. Der Assessor warf daher einfach die Frage hinein: „Ihr Sohn liebte wohl seine Braut sehr?" Dies war wieder Wasser auf die Mühle der Mutter, und sie ergoß sich in den überschwänglichsten Ausdrücken über die treue und aufopfernde Zuneigung des Verstorbenen zu dem schönen Mädchen, wobei sie auch ihre eigene Eigennutzlosigkeit hervorhob, mit

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