Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 37 (1873)
- Issue
- Heft 45 (4.11.1873)
- Date
- 1873-11-04
- Page
- Seite 741 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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741 galt für eine Hartnäckigkeit, für einen halben Abfall. Sein Scharfsinn nnd seine Unparteilichkeit waren so anerkannt, daß auch die christlichen Mitbürger, wenn sie mit Inden in Streit geriethen, ihre Zuflucht gern zum Rabbi nahmen, und sich meist mit seinem Urtheil oder Ausgleich zufrieden gaben. Alles Dies geschah selbstverständlich ohne irgend einen Lohn, den er selbst dann auf's Strengste znrnckwies, wenn er ihm freiwillig gebracht ward. „Ihr dürft Dies nicht übelnehmen", fügte er in solchem Falle hinzu, „aber ich würde, nähme ich es an, in einem zukünftigen Falle für Euch eingenommen sein, auch ohne daß ich es wollte; denn wir sind Alle Menschen." Dabei stand dieser Mann in sehr geringem Gehalte, und wenn auch nicht Durstigkeit, so war doch Entbehrung der tägliche Gast in seinem Hanse. Wer kann indes; sagen, was Entbehrung sei? Dieser Lehrer des Volkes war so bedürfnißlos, daß ihm eben nur Weniges Entbehrung auferlegte. Die Leser werden verzeihen, wenn ich mich bei dieser Schilderung ein wenig ausgehalten habe, ohne daß Dies zu meiner Erzählung eigentlich nothwendig wäre; aber die verehrungswürdige Gestalt dieses Mannes reicht noch in meine Kindheit hinein, und hat auf diese einen wohlthätigen Einfluß geübt. Wir begegnen im Leben so vielem Häßlichen und Abstoßenden, daß wir gern bei erhebenden Erscheinungen verweilen mögen, die unö den Glauben an die bessere Natur des Menschen stärken. Bis lies in die Nacht faßen der Assessor und der Rabbi bei den Papieren des Gemordeten. Es ist eine eigenthümliche Empfindung, die den, welcher noch nicht ganz abgehärtet ist, bei einem solchen und ähnlichen Geschäfte überschleicht. Ter Dieses geschrieben, gewollt, bedacht, gethan, der alle Kraft seines Geistes daraus verwendet hat, und dem es alle Gefühle seines Herzens gekostet, er ist nicht mehr, er ist für uns nur noch ein Schatten, ein Geist, wesenlos für uns, und dennoch ging all' dies Wirkliche von ihm aus und gehört ihm an! Sie fanden Alles in strengster Ordnung, und dennoch sehr schwierig zu einem Abschluß zu bringen. In jüdischen Lettern geschrieben, hatte das Buch keine Ahnung von kaufmännischer Führung. Es war, so zu sagen, nur eine Geschichtserzählung. Der Mann schrieb täglich aus's Genaueste ein, was er gethan, eingenommen und gezahlt hatte. Zum Beispiel: „den 11. Oetober 65 Pfund Wolle von N. N. gekauft, und dafür so und so viel gezahlt; die Wolle zu dem Hausen rechts im Stalle gethan; eine Gans gekauft für so und so viel; bei N. N. Waaren besehen, die mir aber zu schlecht waren u. s. w." So mußten sich die Beiden durch eine lange Zeit hindurchwinden. Sie fanden sich bald hinein, und es kostete nur eine stetige Aufmerksamkeit, um den Faden zu verfolgen. Sie ermüdeten nicht und wurden belohnt. Tenn am Schlüsse des vorhergegangenen Jahres, natürlich nach jüdischer Zeitrechnung, fanden sie von der Hand Lceser's eine sorgfältige Ausstellung feines Vermögens, feiner Vorräthe, Ausstänte, Schulden und feines Baarbestandes. Es waren seitdem noch nicht zwei Monate verflossen. Von hier auö war es leicht, zum Ende zu kommen, noch dazu, da die dazwischen liegenden Feiertage daS Geschäft verlangsamt hatten. Sie verglichen dann die vorhandenen Rechnungen ». s. w. damit, und kamen zu einem übereinstimmenden Ergebniß. „Allerdings," sagte der Assessor, „wird sich aus diesem Buche und diesen Papieren wenig (Grundlage zu Eivilklagen gegen die Schuldner deö Verstorbenen ergeben, weil ihre Form ohne alle Rechtskraft ist. Es wird auf die Ehrlichkeit der Schuldner ankommen, denn, wenn sie die Schuld ableugnen, kann sie ihnen nicht erwiesen werden. Es wird Dies eine treffliche Gelegenheit für Sie geben, Herr Rabbiner, sich zu Gunsten der Hinterlassenen in's Mittel zu schlagen. Uns kommt es aber in diesem Augenblicke hieraus auch gar nicht au, sondern nur zu ermitteln, was zur Zeit des Todes im Besitz des Unglücklichen gewesen." — Da stellte sich nun ans unwiderlegbarer Combi- Nation heraus, daß, wenn man die Vorgefundene Baarsumme abzog, Leeser noch 56o THaler baar zu Händen hatte, als er das Haus verließ, und die mit ihm verschwunden waren. Leider ließ es sich aber nicht ermitteln, in welchen Scheinen nnv Münzen diese Summe bestanden habe, da sich hierüber keine Notizen vorfanden. Dagegen lagen die Beweise dafür vor, daß Leeser in einem lebhaften Verkehr mit Albert Fischer in E. gestanden. Dieser Mann kaufte für den Ersteren bei den Bauern ringsum kleine Vorräthe von Wolle auf, wozu ihm, da er selbst knapp an Mitteln erschien, Geldvorschüsse von Leeser gegeben wurden, die man bei rer Ucbergabe der Waare vcrrechnete. Hierüber fanden sich fortlaufende Angaben, die keinen Zweifel ließen. Leeser verwandte hierauf sogar einen großen Theil der ihm zu Gebote stehender» Mittel, und es stand fest, .daß er am Tage seines Todes über 12«>0 Thaler von Albert Fischer zu fordern hatte. Da nun der Weg nach E., wenigstens der kürzere Fußweg, am Judenteiche vorüberging, so lag es sehr nahe, voranszusetzen, daß Leeser auf rem Wege nach (5. begriffen gewesen, um dem Albert Fischer Waare abzunehmen, rrnd nach Verrechnung seines Guthabens die 560 Thaler, die er bei sich trug, in ähnlicher Weise zu verwenden. DaS abgerissene Couvert konnte leicht den Brief Albert Fischer'S enthalten haben, der ihn zur Greife bestimmt hatte. Mit diesem Resultate konnte der Assessor einstweilen zufrieden sein, und er verabredete mit dem Rabbiner, am anderen Morgen sich abermals zu den Eltern zu begeben, um noch einige fehlende Umstände zu conftatiren. lieber 'Rächt, hofften sie, würden sich die leidenschaftlichen Ansbrüche des Schmerzes bei den unglücklichen Eltern etwas gelegt haben, so daß sie allenfalls Rede stehen konnten. Der Rabbiner versprach, zu kommen, weil der Affeffor meinte, mit seiner Hülse eher zu einem Verständniß mit den Trauernden zu gelangen. Am anderen Morgen traf der Affeffor auch bereits seinen treuen Gehülsen im Trauerhaufe. Der alte Vater war heute noch so unzugänglich, wie gestern. Er saß wieder auf seinem 45*