Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 37 (1873)
- Issue
- Heft 45 (4.11.1873)
- Date
- 1873-11-04
- Page
- Seite 739 (sequence 9)
- Language
- German
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739 Lehranstalt fiir höhere kaufmännische Wissenschaften unter Bezeichnung „Handelsfachschule" hatte bereits nach wenigen Jahren ihres Bestehens unter geschickter und kundiger Leitung ihres Directors sich so kräftig entwickelt, und zu einer Höhe emporgeschwungen, daß ihre erzielten günstigen Resultate der Ansmerksamkeit der städtischen, wie der staatlichen Behörden nicht mehr entgehen konnten. In Wirklichkeit wird jeder Fachmann bei näherer Bekanntschaft sehr bald die Ueberzeugnng gewinnen, daß die trefflich organisine Anstalt mit allen Erfordernissen einerhöheren Lehranstalt ebenso, wie mit sehr gediegenen Lehrkräften ausgerüstet'ist, und da Herr Di-. Wahl neben der eigentlichen Tendenz seiner Anstalt auch dem Umstand besondere Aufrnerksanikeit zuwendet,. seine Zöglinge für den einjährigen Militärdienst zu befähigen, und auch hierin in allen vorgekommencn Fällen die Leistungsfähigkeit der Anstalt glänzend bekundet, so darf es wohl mit vollem Recht als Zeichen der Anerkennung und Würdigung hervorgehoben werden, daß besagter Anstalt in jüngster Zeit von Seiten der kaiserl. Regierung die Berechtigung zuerkanni worden, daß ihre Abiturienten mit dem Zeugniß der Reise den einjährigen Militärdienst ableisten können, ohne sich vorher einer Prüfung unterziehen zu muffen. In Erwägung, daß solche Berechtigung bisher nur Gymnasien und Realschulen I. Ordn. zusteht, und außerdem selbst öffentliche Schulen, wie Gewerbeschulen :c. sich vergebens darum bemüht haben, wird man Herrn Di-. Wahl zu dieser Auszeichnung nur Glück wünschen, und sie als gerechte Würdigung seines Strebens anerkennen müffcn, um so mehr, als nicht bekannt ist, daß derselbe von irgend welcher Seite an maßgebender Stelle protegirt worden. Selbstverständlich wird diese Anstalt nunmehr der Oberaufsicht des Staats unterstellt werden, und die Entlassungsprüfungen in Anwesenheit und unter Mitwirkung eines RegicrungSconunissars erfolgen müssen, wenn sie auch als Institut nach wie vo.r ausschließlich im Besitz ihrcS Begründers verbleibt. Bei dieser Gelegenheit dürste die Bemerkung nicht ohne Interesse sein, daß in der mehr erwähnten Anstalt schon seit Jahren jüdische und christliche Zöglinge in schönster Eintracht vereint und in liebevoller Verehrung ihrem Direetor zugethan sind, sowie eS nicht minder der vollsten Beachtung werth ist, daß in derselben auch der Pflege des religiösen Moments möglichst Rechnung getragen wird, und können Eltern, welche ihre Kinder in derselben ausbilden laffen, auch in dieser Hinsicht vollkommen beruhigt sein. x. Oesttrrcichischungarische Monarchie. Alts Galizien, 22. October. Die Wahlen in den galizischen Landgemeinden sind durch die Verbindung der Rulhenen und Juden in rer Majorität zu Gunsten der verfaffungslreucn Eandidaten ausgefallen. Die „N. fr. Pr." sagt hierüber zu Anfang ihres heutigen Leitartikels: „Die Wahlrcsnltate in Galizien scheinen nns von großer politischer Bedeutung zu sein. Die Landgemeinden dieses Kroulandes haben der überwiegenden Mehrheit nach Abgeordnete gewählt, welche sich entschieden zur Verfassung bekennen. Und was nicht am geringsten anzuschlagcn ist, die Wahlresultate sind durch eine Allianz entstanden, welche von HauS ans unmöglich erschienen ist. Denn diese Allianz hatte confessionelle Gegensätze zu überwinden, welche in Landgemeinden am schwersten zu versöhnen sind. Bis nicht die Thatsache vollendet zur Erscheinung gekommen ist, wollte Niemand an den Bund von Rulhenen und Israeliten glauben. Die Wahlergebnisse zeigen aber, das; daö politische Bedürsniß mächtiger war, als die religiösen und socialen Borurtheile. Und darin liegt schon ein Werthmeffer zur Beurtheilung der jetzigen politischen Zustände Galiziens." Für uns aber liegt noch ein anderer Werthmesser darin, nämlich der der Selbstständigkeit und der politischen Mündigkeit der galizischen Juden, die sich von den Polen weder verlocken, noch in Furcht setzen ließen. Auch auS den Stadtgemeindcn, die Donnerstag wählen werden, erhoffen die Polen keine Mehrheit, und die polnischen Staats- und Stadtbeamten üben deshalb die kleinlichsten Bedrückungen und Praktiken aus, um stimmberechtigte Wähler von der Ausübung ihres freien Wahlrechtes zurückzuhaltcn. Telegramme über Telegramme werden wegen dieses Rothstaudes an die Minister in 'Wien gesandt, ohne daß bis jetzt Abhülfe geschaffen worden. Man lese B. Brzczan, 21. October. In der gestrigen GemeinderathSsitznng ist Bezirksrichter Lnkasiewicz gegen die Wahl eines Juden in'die Wahlcommission öffentlich aufgetreten. Alle Inden sind in Folge dessen demonstrativ aus dem Gemeinderathe ausgetreten. Heute hat eine Deputation beim Bezirkshauptmanu LewartewSki erwirkt, daß zwei Israeliten in die Wahlcommission seitens deö Jccgierungscommiffärs berufen werden. Ans Galizien, 27. October. Alls den galizischen Stabtwahlbezirkcu kommen die nachdrücklichsten Proteste gegen die geschehenen Wahlen. Die politische» Beamten und Wahlcemmissionen werden vieler ungesetzlichen Handlungen, Ausschluß von Wahlberechtigten, Unterdrückung und Annulirnng von Stimm» zetteln, ja Mißhandlung von Personen bezüchtigt. Der ReichSrath wird sich rnit diesen Wahlen und Protesien zu beschäftigen haben, und voraussichtlich mehrere Wahlen für ungültig erklären müssen. Lemberg, 2-». October. Die Gazeta Rarodowa beginnt heute mit der Verössentlichung einer Serie von Artikeln, „Die Juden" betitelt, in welchen das Blatt unverblümt zur Verfolgung der Juden ausfordert. Czcrnowitz, 25. Oct. Bei der gestrigen Probewahl für die heute stallsiuteure Reichsrathswahl in der Ezernewitzcr H a ndel s ka mm er erhielt der Viceprästrent der Kammer, Jfak 45"