Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 37 (1873)
- Issue
- Heft 45 (4.11.1873)
- Date
- 1873-11-04
- Page
- Seite 736 (sequence 6)
- Language
- German
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736 des Antichrist; während die Fatalisten der Renaissance abwechseln zwischen Zeilen der Energie und Zeiten der dumpfen Resignation oder deö Aberglaubens, erhebt sich hier, im Kreise auserwählter Geister, die Idee, daß die sichtbare Welt von Gott aus Victe geschaffen, daß sie ein Abbild des in ihm präexistirenden Borbildes sei, und daß er ihr dauernder Beweger und Fortschöpfer bleiben werde. Die Seele des Einzelnen kann zunächst durch das Erkennen Gottes ihn in ihre engen Schranken zusammenziehcn, aber auch durch Liebe zu ihm sich in's Unendliche ausdehnen, und Dies ist dann die Seligkeit ans Erden. Hier berühren sich Anklänge der mittelalterlichen Mystik mit platonischen Lehren und niit einem eigcnihümlichen modernen Geiste. Vielleicht reifte hier eine höchste Frucht jener Erkenntniß der Welt und der Menschen, um derentwillen allein schon die Renaissance von Italien die Führerin unseres Wellalters heißen muß.^ — Jndeß hatte dieser Theismus keine allzulange Lebensdauer. Die Reformation, die von Deutschland ausging, und die Gegenreformation, welche von Italien aus in allen katholischen Ländern den allgemeinen Geist nachhaltig nmgestaltete, und die siirchtbaren Kämpfe, welche in Folge dieser Gegensätze bald ganz Europa überzogen, verdrängten die theistische. Anschauung, wenn sie auch anfangs in vielen Personen vorwaltete, welche sich der Reformation anschloffen. Die Aufklärungsperiode, welche im vorigen Jahrhundert sich entfaltete, bestand wesentlich auch in der Umwandlung des Geistes auf religiösem Gebiete. Es kamen dieselben Erscheinungen zu Tage. Das Festhalten an der erstarrten Kirchlichkeit in der ungebildeten Maffe und in den äußerlichen Formen, der Atheismus und Materialismus in der gebildeten und wissenschaftlichen Elasie, riefen von Neuem in unzähligen Geistern die theistische Anschauung hervor. Sie drang besonders in die pretestautische Kirche ein, und brachte hier den Nationalismus hervor, der jene viele Jahrzehnte beherrschte. Aber gerade dieser kirchliche Rationalismus erwies, wie wenig der Theismus auf die Dauer mit dem wirklichen Christenthume sich vereinigen läßt, wie vielmehr eine solche Bereinigung ans Selbsttäuschung beruht. Die Versuche der Nationalisten, die Dogmen in ihrem Sinne zu reuten, lösten diese völlig aus, und die biblischen Wunder ans natürliche Ereignisse zurückzusühren, brachten die wunderlichsten und gezwungensten Deutungen zu Tage. Glicht lange daher, und das christliche Bewußtsein lehnte sich gegen diese illusorischen Experimente auf, und die Orthodoxie zog siegreich wieder in die protestantische Kirche ein. Wer sicht nun nicht, daß auch in unserer Zeit ein neuer Kreislauf für diese Erscheinungen sich eröffnet hat? Bon der einen Seite hat sich die Kirchlichkeit in einem Maße erstarkt, wie seit langer Zeit nicht, und tritt mit einer Offenheit, ja Vermeffenheit auf. die an die Tage der entschiedensten Päpste erinnert. Und ähnlich in allen Consessionen. Die auf dem Gebiete der Kirche selbst hiergegen austretenden Parteien vermögen verhältnißmäßig geringen Boden einzunehmen. Bon der anderen Seite tritt ebenso unumwunden und vermesien der Atheismus und Materialismus auf; und da die Philosophie, diesmal insbesonders deutsch, ihre Kreisbahnen bis zum Skepticismus und Pessimismus wieder vollendet hat, und die Naturwissenschaften in der Erkenntniß des Wahrnehmbaren bedeutende Fortschritte gemacht haben, so erhebt sich aus diesen schroffen Gegensätzen, und aus dem unabweisbaren, tief in der Menschennatur begründeten Bedürfniß des Gottglaubens abermals in vielen Geistern die theistische Anschauung. Gerade, daß jene Gegensätze sich so überaus scharf und ohne welche Scheu aussprechen, drangt die Geister, die sich ihrer Vernunft und ihrer Gefühle bewußt sind, zum Theismus. Unsere Zeit aber hat den Vorzug, daß sie eine geschichtliche Bildung und Tendenz besitzt. Das bloße Raifonnircn und das kalte Wissen genügen ihr nicht; sie fragt allen Erscheinungen ihre Geschichte, ihren Ursprung und ihre Entwickelung ab, und hält Nichts für begründet, das sein Werden und die Phasen, die es durchgemacht, nicht nachgewiesen hat. Darum will sich auch die theistische Anschauung nicht blos mit ihren Argumenten begnügen, sondern sucht ihre Stütze und Grundlage in einer welthistorischen Erscheinung. Jedermann sieht aber, daß sie Dies in dem historischen Christenthume nicht finden kann, das vielmehr sie als seine Erzfeindin ansieht und anschen muß. Ebensowenig aber, wie wir nachgewiesen, vermag sie es in einem abftracten sogenannten ursprünglichen Ehristenthnme zu finden, das eben geschichtlich nicht vorhanden war, und darum gerade den Werth für die theistische Anschauung nicht bietet, nach welchem sie sucht. Hier bleibt allein das Judenlhum übrig, und während der Atheismus und Pessimismus nach dem Buddhismus greift, kann der Theismus seine geschichtliche Befriedigung nur im Judenthum finden. Das Judenlhum war die Religion des Theismus zu aller Zeit. Sein erstes Jahrtausend brachte es im Kampfe des Theismus gegen den Polytheismus und Pantheismus im Schooße seiner eigenen Nation zu, bis er jene in dieser gänzlich überwunden hatte. Im Judenthnme ist die theistische Anschauung aus sein Kirchenwesen und seine Kirchlichkeit gestützt, und steht mit diesen in keinem Widerspruche. Der moderne Kamps liegt da wo anders. Es handelt sich darum, welche jüdisch kirchliche Formen zmn Ausdruck der theistischen Anschauung, die eben im modernen Judenthnme wieder leuchtend hervorgetreten und als dessen Hauptmoment geltend ward, nothwenbig sind, und dem modernen Bewußtsein und Bedürfniß dienen, ohne den geschichtlichen Charakter zu beseitigen, oder nicht. Die allgemeine theistische Anschauung, wenn sie aufrichtig nach einer geschichtlichen Fundamenlirung strebt, kann daher diese allein im Judenthnme finden, in welchem ununterbrochen im Laufe der Jahrtausende von Geschlecht zu Geschlecht der Theismus nicht blos sein Bekenntniß hatte, sondern auch in allen seinen Consequenzcn auf das Leben seiner Bekenner wirkte, Nur aus diesem Wege kann