Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1873-11-04 · Heft 45 (4.11.1873) · p. Seite 735

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
37 (1873)
Issue
Heft 45 (4.11.1873)
Date
1873-11-04
Page
Seite 735 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3224737-3226906-3226952--32090-3255044
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

735 Anhänge der römischen) abkreiste*),- in der Mannigfaltigkeit der philosophischen Denkweise und Typen, in welchen sie ihren Kreislauf vollendet, ist es der Theismus, den sie in ihrer Weise auf ihrer höchsten Stufe erschafft. Es ist Plato, der ihn ausstellt, der hierin der israelitischen Gotteslehre am nächsten steht, und von dem aus er in die gebildete Welt eindrang, und sich besonders im Eklektieiömuö der Römer geltend machte. Auf diesem Höhepunkte nämlich, in der Vollkraft jedes Cyclus, kam der Dualismus von Geist und Stofs zum Vorschein, — Anaxagoras im ersten, Plato im zweiten, der Platonismus im dritten Cyclus. Wie weit nun Sokrates dem Theismus des Plato vorgearbeitet, können wir bei der Mangelhaftigkeit der Nachrichten nicht mehr beurtheilen. Daß er es gelhan, ist sicher. Materie und Raum sind, nach Plato, ewig. Aber die Materie war ohne Form, sic hatte von den Elementen in sich, aber da ihr die Form fehlte, so waren Feuer, Luft und dgl. noch nicht wirklich daraus geschieden. Tie Materie ist nun ursprünglich in beständiger Bewegung, weil sie aus verschiedenen Stoffen besteht, und die verwandten Stoffe sich immerfort anziehen, die anderen sich abstoßen. Eben so ewig sind aber die Formen, denn jede Form exiftirt als Idee. Gott verband nnn mit dieser ewigen und an sich immerfort, aber ohne Ordnung bewegten Stoffmasse die als Idee bestehenden Formen, und schuf so die Welt nach einem vollkommenen Ideal. Diese Verbindung der Form als Idee mit dem Stoffe konnte nur geschehen. indem Gott jedem Dinge eine die Form als Idee enthaltende Seele gab, denn die Form ist nicht etwa bloß die äußere Figur, sondern zugleich die Ordnung, das Gesetz, die vernünftige (äußere und innere) Bewegung, — und dein Weltganzen eine temgemäße Weltseele. Das Universum besteht also aus der ewigen, an sich iiumerfort, aber regellos bewegten Materie und der diese zu vernünftiger, gesetzmäßiger Bewegung bindenden Seele; das Universum ist aber Werk Gottes, indem dieser mit dieser Materie diese Seele verband. Dies ist der Boden, auf dem sich die Lehre von Gott bei Plato erhebt. Wir sehen, Plato hat die von Anaxagoras angeregte Idee von der Aeußerlichkeit Gottes weiter entwickelt; er faßt Gott außerhalb der Welt, aber, sobald er sich Gott in Beziehung zur Welt denkt, steht ihm die Stofswelt in Materie, Na um und Bewegung eben so ewig neben Gott. Das Dasein dieser höchsten Intelligenz erweist sich dem Plato aus der Zweckmäßigkeit in der Einrichtung der Welt, da das Zweckmäßige nur Wirkung der Intelligenz sein könne, das Regellose Wirkung der sich selbst überlassenen Materie ist. Die Anordnung und Regierung des Weltalls setzt demnach ein vernünftiges, vorstellendcs Wesen voraus, von dem jene ansgeht, und Dies ist Gott. Dieser Gott ist vollkommen und die Quelle alles Guten, er ist unveränderlich. *> S. das Ausführliche in der ersten Beilage im ersten Baude in unserer ausführlichen Darstellung der israelitischen Retigiouelcl're (Leipzig, Banmgärtuer ivll) „die Aussprüche der griechischen Phitosophcn über Gott." und sein Gesetz ist, die höchste Vollkommenheit zu verwirklichen. Gott ist daher für den Menschen das höchste Ideal der Sittlichkeit; er übt das Richteramt über den Menschen in dem irdischen und jenseitigen Leben aus, und zwar in gerechtester Weise, so daß der Mensch nur ihm möglichst nachzustreben hat. — Außer den nächsten Schülern Platos, den älteren Akademikern, blieb auch Aristoteles dem Theismus treu, der jedoch in seinem Entpirismuü Gott nur zu einer Idee von speculativem Interesse machte, in gar keine Beziehung zur sittlichen Welt setzte,' und in ihni, dem unveränderlichen Wesen, nur die erste Ursache aller Bewegung sah. das bewegt, ohne bewegt zu werden. Gott ist ihm das vollkommenste Wesen; er bedarf keines Handelns, um einen Zweck zu erreichen, da er Selbstzweck ist. Er ist Geist, aber sein Denken kann nur sich selbst zum Gegenstand haben, so daß. sein Denken das Denken des Denkens ist, d. i. die Gottheit ist sich selbst der einzige Gegenstand ihres Denkens. Gott ist unsichtbar, unbeweglich, von allem Sinnlichen getrennt, ohne Leidenschaft, Bedürsniß und Veränderung. — Außer diesem Theismus ist die griechische Philosophie nur Pantheismus, Materialisn>us und Skeplicismus. Eine andere Periode des Theismus haben wir in der Mitte des'fünfzehnten Jahrhunderts, namentlich in Italien hervorzuhcben. Im Widerstreite des lhells aus eingewurzelter Gewohnheit, theils durch Zwang und persönliche Verhältnisse äußerlich herrschenden Kirchcnglaubens mit dem Atheismus der Humanisten, erhob sich in den edelsten Geistern der Theismus. Wir wollen ihn aus der Darstellung I. BurckhardtS am Schluffe seines ausgezeichneten Werkest „Die Cultur der Rcnaiffaitce in Italien" (Basel, kurz fkizzircn. Den Theismus, sagt er, erkennen wir in der erhöhctcn positiven Andacht zum göttlichen Wesen, welche das Mittelaller nicht gekannt hatte. Nachdem er einige Beispiele von Theismus mit kindlicher Raivetäl angeführt hat, sagt er: „Aber zur Zeit der Reformation, als die Gedanken gezwungen waren, sich abzuklären, gelangte diese Denkweise zu einem deutlicheren Bewußtsein; eine Anzahl der italienischen P»otestante» erwiesen sich als Antitrinitarier, und die Soeiriiauer machte»! sogar als Flüchtlinge in weiter Ferne den dentwLrdrgcn Versuch, eine Kirche in diesem Sinn zu constitmren. Aus dem bisher Gesagten wird wenigstens so v:el klar geworden sein, daß außer dem humanistischen Rationalismus noch andere Geister irr diese Segel wehten. Ein Mittelpunkt der ganzen lheistischen Denkweise ist wohl in der platonischen Akademie von Florenz, und ganz besenderS in Lorenzo Magnisieo selbst zu suchen." In den Hymnen Lorenzeö (st. I U>2>, welche wir als das höchste Resultat des Geistes jener Sck'ule zu bezeichlten versucht sind, spricht ohne Rückhalt der Theismus, und zwar von einer Anschauung aus, welche gelernt hat, die Welt als einen großen moralischen nnd physischen Kosmos zu betrachten. Während die j Menschen des Mittelalters die Well ansehcn als ein Iam'mer- * thal, welches Papst und Kaiser hüten ruüffen bis zum Anstrete«

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.