Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 37 (1873)
- Issue
- Heft 44 (28.10.1873)
- Date
- 1873-10-28
- Page
- Seite 722 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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722 Resignationsentschluß. Gutnplowicz forderte die Wahl Zyblikiewiez's als einen Act der Dankbarkeit, und widersetzte sich außerdem der von Zybliliewicz beantragten Resolution, weil dieselbe die consessionelle Frage in die reinpolitischen Angelegenheiten Hineinmenge. Wenn tüchtige und des Mandates würdige Juden aus der Wahlurne hervorgehen sollten, so würde Niemand etwas dawider haben; aber man dürfe Niemanden verpflichten, seine Stimme für einen Juden abzugeben. Die krakauer Juden hätten lediglich ihre Pflicht gethan, als sie den Pact mit ihren lemberger Glaubensgenossen ablehnten. Dr. Zhblikiewicz replicirte hierauf, nahm aber feinen Antrag zurück, und verharrte auf der Ablehnung seiner Kandidatur. Bei der hierauf vorgenommenen Abstimmung über zwei Cadidaturen erhielten Di-. Zhblikiewicz und Dr. Samelsohn die Majorität. «Daß es sich hier gar nicht um Confessionen, sondern nur um Verfassungstreue oder Berfaffungsfeindschaft handelt, verschweigen freilich die Polen. Uebrigens bemerken wir, daß der Dr. Gumplowicz ein Jude ist.) Wien, im October. Eine Ghmnasialdirection in Wien hat bezüglich des Dispenses, der den Schülern mosaischen Glaubens aus Anlaß der für sie gebotenen Feiertage zuzustehen habe, eine Anfrage gestellt, und der- Vorstand der jüdischen Cultusgemeinde in Wien hat sich darüber folgendermaßen geäußert: 1. Die jü dischen Festtage, an denen die jütische Jugend, vom Schulbesuche befreit zu werden,'Anspruch machen kann, sind: der erste, zweite, siebente und achte Tag des PassahfesteS, der erste und zweite Tag des Wochenfestes, der erste und zweite Tag des Neujahrsfestes, der BersvhnungStag, und der erste, zweite, achte und neunte Tag dee Laubhüttenfestes, zusammen dreizehn Tage im Laufe eines Jahres, von eenen das Neujahr- und Versöhnungsfest häufig in den Ferialmonat September fallen, und die ersten Tage des Passahfestes, sowie die beiden Tage des WochenfestcS oft mit den christlichen Ostern und Pfingsten Zusammentreffen, so daß die Schulordnung durch die jüdischen Festtage eine nur geringe Störung erleidet. 2. Von dem dogmatischen Verbote, am Sabbalh zu schreiben, sind wir nicht in der Lage, Dispens zu ertheilen, und muß die Beobachtung oder Nichtbeobachtung dieses Verbotes dem freien Ermessen des Schülers, oder richtiger der Eltern desselben anheimgestellt bleiben. Lemberg, IG. October. Die Rada Nuska wird demnächst einen Aufruf veröffentlichen, in welchem die ruthenischen Wähler in den Städten anfgefordert werden, solidarisch finden Eandidaten deS jüdischen Centralcomitös zu stimmen.— Aus Brodh hingegen berichtet man, daß die jüdischen Wähler sehr auseinandergehen, so daß der Sieg der Polen dort möglich ist. Frankreich. Paris, 15. October. (Nach den Arch. isr.) In unserer Zeit erlebt man alles Mögliche. Vor Kurzem wurde ein Arzt jüdischer .Religion, Dr. DreyfuS, der in die Reihen der Carlisten eingetreten war, von den spanischen republikanischen Truppen gefangen und füsilirt. Er war Elsässer, der für die französische Nationalität optirt hatte. Er genoß eines Rufes als Augenarzt, und war während der Belagerung von Paris bei der Ambulanz thäng, wurde auch von den Aufständischen am 22. März stark verwundet. Er erhielt ras Kreuz der Ehrenlegion. Er verheirathete sich, folgte jedoch seinem Hang zu Abenteuern, und ließ sich von Ton Alfonso zum „Oberärzte der carlistischen Ambulanzen der Provinz Barcelona" ernennen. Als solcher ereilte ihn der Tod. — Schon im Jahre 1870 hatte der Großrabbiner Jsidor den Gedanken gefaßt, einen Verein „Oeuvre des.comuiumuitös israölites“ zu gründen, eine Art Alliance für die inneren Angelegenheiten der französischen Gemeinden. Er ging dabei von dem Gedanken aus, daß die Zöglinge res Rabbinerseminars in Paris, wenn sie ihre Studien vollendet haben, ohne Beschäftigung und Subsistenzmittel, sind. nach ihrer Heimath zurückkehren, und sehr häufig gezwungen sind, ihrem Fache zu entsagen, und sich einer anderen Laufbahn' zuzuwenden. Von der anderen Seite giebt es zahlreiche Gemeinden, die klein und entfernt von den Rabbinatssitzen sind, die daher niemals eine Predigt hören, und deren Jugend ohne irgend einen Religionsunterricht aufwächst. Deshalb sollte der zu bildende Verein Mittel herbeischassen, durch welche die Zöglinge des Seminars, wenn sie ihre Prüfung zurückgelegt haben, unterstützt und als Gehülfen der Rabbiner nach solchen Orten gesandt würden, welche ihrer Wirksamkeit bedürfen. Der Krieg und seine traurigen Folgen verhinderten die Verwirklichung. Jetzt hat der Großrabbiner Isidor Diesen Platt wieder ausgenommen, und sprach ihn in beredter Weise in einem „Hirtenbriefe" zu een hohen Festen aus. Er gab ihm dabei noch eine andere Wendung. Ter Verlust, den die französische Jnkenheit durch die Lostrennung von Elsaß-Lothringen erlitten habe, meint er, müsse auf eine andere Meise ersetzt werden. Schon habe man die beiden Consistorien Metz nnd Colmar durch Lille und Vcsoul ersetzt. Nun gebe es in Frankreich viele große Verkehrsstädte, in denen keine, oder wenige Israeliten wohnhaft seien, und dieser Umstand verhindere sie, dahin zu ziehen, weil sic daselbst ihren religiösen Pflichten und Bedürfnissen nicht genügen könnten. Wäre Letzteres erst der Fall, so zögen sich viele dahin; ein Beispiel gebe Lyon, wo vor 30 Jahren nur eine geringe Anzahl Israeliten ansässig war, und jetzt eine ziemlich große Mustergemeinde besteht. Der Verein solle daher nach solchen Orten Zöglinge des Seminars senden. — Wir wünschen diesem Plane aufrichtig ein volles Gelingen, denn jedenfalls gilt es, die Lehre des Judenrhumes Solchen nahe zu bringen, denen sie jetzt so gut wie entzogen ist. Eigcnthümlich