Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 37 (1873)
- Issue
- Heft 44 (28.10.1873)
- Date
- 1873-10-28
- Page
- Seite 719 (sequence 7)
- Language
- German
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719 Jesu dagegen unterwirft das Individuum unbedingt dem Willen seiner Vorgesetzten, und macht es zu einem blinden Werkzeuge für Zwecke, die es in jeder einzelnen Handlung nicht kennt. Der Talmud strebt nach keiner Herrschaft über die Völker und Staaten, kennt keine Hierarchie und keine 'Aufhäufung von Rechten und Gütern für diese; der Grundsatz ..der Zweck heiligt die Mittel" ist ihm völlig fremd. Wir glauben, hiermit ist der Charakter Beider als himmelweit von einander verschieden bezeichnet. — Der Aufsatz schließt: „Blicken wir auf die religiöse Entwickelung der Menschheit, vom Reiche rer Furcht bis zum Reiche der Vicfcc, von der Angst vor einem unsichtbaren Rächer bis rinn Glauben an einen gütigen Allvater, so werden wir nur einen geringen Antheil an dieser Entwickelung dem Iudenthume zuschrciben dürfen. Und wenn wir die düsteren, abgeschlossenen, erbarmungslosen Tiefen der inneren talmndischen Lehren ergrünten, so gewahren wir, daß eine Ursache besteht für jene jahrhundertjährige tiefe Kluft zwischen Juden und Nichtjuden, eine Kluft, für die wir nur gar zu gerne unsere eigene Intoleranz verantwortlich zu machen geneigt sind. Absichtlich und strenge, im Exil nicht weniger, als .im Glanze des theokratischen Staatswesens, ist die Hand des Juden von den Bewahrern der Volkstradition stets gegen jedermann erhoben gewesen. Es ist das Gesetz der Selbstvertheirigung, welches dann die Hände Aller gegen ihn erhoben hat. Unsere Vorfahren waren. Alles in Allem genommen, nicht so blindlings grausam, als gewisse Schriftsteller anzunehmen nur zu bereit sind." — Hier haben wir, waS eigentlich die Herren von rer „Edinburgh Review“, dem „Ausland" und der „Berliner Börsenzeitung" wollen und bezwecken. Es ist die alte verstimmte Leier. Das Iudenthum kennt nur den Gott der Rache, das Ehristenchum ist das Reich der Liebe, jenes lehrt nur den strafenden Richter, dieses den gütigen Allvater! Diese Auswüchse der absichtlichen, oder unabsichtlichen Unwissenheit wieder und wieder auszuschneiden, ist eine Sisyphusarbeit, deren man überdrüssig wird. Dom Iudenthume hat die religiöse Entwickelung Nichts oderwenig zu verdanken! Ties behaupten Christen, die doch wissen, daß auch die neutestamcntlichen Schriften jüdischen Ursprungs sind, und die besten Anssprüche derselben, z. B. die des Vaterunser, auch in den talm.udischen Schriften sich finden. Zum Schluffe dann die alte Mähr, die Hand der Juden sei stets gegen Alle, erhoben gewesen, und darum die Hand Aller gegen sic, und es sei daher gar keine so grausame Intoleranz gewesen, welche den Inden so schreckliche Verfolgungen bereitet hat! Gewiß erscheint diesen Herren die Thatsachc, daß die heidnischen Römer den Juden das römische Bürgerrecht verliehen, und diese demselben, »ach een Aussprüchen der späteren römische» Kaiser, würdig »ud „verdienstvoll" entsprachen, diese christlichen Kaiser jedoch r-en Juden kaS Bürgerrecht entzogen, und sie ans allen Staudesclasscn, wie sie sagen, „unter den Pöbel stießen", als lein Act der Intoleranz; auch nicht grausam, wen» man sie von allen bürgerliche» Gewerben ausschtoß. Gewiß erscheinen ihnen die Kreuzfahrer, wenn sie über die Juden Hersielen, sie mordeten und verbrannten, als milde und menschenfreundliche Hansen; Ferdinand, rer sie zu Hunderttausenden aus ihrem Vaterlande jagte, die Inquisition, die sie zu Tausenden auf den Scheiterhaufen brachte, waren sehr tolerant, und bauten das Reich der Liebe an und aus. Der Herr Engländer hätte solche Beweise der Toleranz und Humanität auch in der Geschichte seines Landes sinken können, und Herr Friedrich von Hellwald, sowie Herr C. Samuel auch in den Annalen Deutschlands. Man sieht, daß daS Geschlecht Derer, welche wie IesaiaS sagt, schwarz weiß, böse gut nennen, noch nicht ausgestorben lst, vielmehr in der Literatur und Presse sich recht breit macht. Hannover,!ti. Oktober. tPrivatttlitth.» In dem vor .Kurzem erschienenen Berichte des städtischen BcrwaltungSausschusseS pro 1872 heißt es: Ein Gesuch um Erhöhung der Beihülfen für daS jüdische Schul- und Synagogenwesen ist abschlägig beschieden, da eS den Interessen der Provinz nicht entspricht, erheblichere Mittel, als bisher, zur Unterstützung einer Einrichtung aufzilwenden. deren Erhaltung bei ihremspecifisch consessionellen Charakter zunächst den Betheiligten obliegt, und im Ganzen ihnen auch nicht schwer fallen dürste. l)r. med. Emil Edel ist, nachdem er seine Absicht. auS dem hiesigen Synagegcnverbande zu scheiden, ohne zugleich aus dem Iudenthume zu treten, nicht erreicht hatte, nunmehr auch aus dem letzteren geschieden, ohne sich einer der bestehenden christlichen Glanbensbekenntniffc anzuschließen, und hat ihm auf seinen Antrag der hiesige Magistrat ein Erbbegräbniß auf dem Stavtfriedhofe überlassen. Dem Herrn Banquier Emil Meyer Hierselbst, welcher sich während des Feldzuges aus dem Gebiete der Krankenpflege recht sehr auSzeichnete, ist eine der, von Ihrer Majestät der Kaiserin Augusta für die Ausstellung in Wien gestifteten 2» großen goldenen Verdienstmedaillen für hervorragende Leistungen im Lazarethwesen verliehen worden. Gestern erschienen die Herren Obcrregierungsrath Rautenberg und Schul- und Negierungsrath Spieker in der Wohnung dcS Oberlehrers am hiesigen jüdischen Seminar, Herrn l)r. Frensdorfs, und überreichten demselben unter herzlichen Glückwünschen ein Schreiben des königlichen ProviuzialschulcollegiumS, in welchem das Patent eingeschloffen war, durch welches der Herr Minister der geistlichen, Unterrichts- und Medicinalaugelegenheiten auf Antrag dcS ProviuzialschulcollegiumS Herrn Dr. Frensdorfs in Rücksicht seiner anerkennungswerthen Leistungen aus dem Gebiete der alttestamenlarischen Textkritik das Prädicat „Professor" verliehen hat. Das gedachte Schulevllegiurn spricht dann in dem erwähnten Schreiben noch seine Freude darüber auS, daß das unermüdliche Streben des Er. FrenSdorsf für die Wissenschaft nicht minder, wie feine treue Pflichterfüllung und segensreiche Wirksamkeit an der hiesigen jüdischen Lehrerbildung--