Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 37 (1873)
- Issue
- Heft 44 (28.10.1873)
- Date
- 1873-10-28
- Page
- Seite 718 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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718 Bestechung durch Ehren. Aemler und Geld, und dann, daß man sich in dieser Nation gern Denen zuwendet, welche einen gewiffen Enthusiasmus bekunden. Ties ist nun auf Seiten der Royalisten der Fall, während die Republik, Thiers an der Spitze, sehr nüchtern und kalt erscheint. Aus die Haltung der schwankenden Mittelpartei in der Versammlung in der Stunde der Entscheidung ist daher wenig zu rechnen, und was am 2 l. Mai mit der Gruppe Targö geschah, wird im November wieder geschehen. — Unterdeß fahren die Journale der verschiedensten Farben fort, in ganz unerhörter Weise gegen die Juden zu wühlen. Da sie schließlich doch nichts Wesentliches und Thatsächliches gegen die französischen Juden vorzubringen haben, bedienen sie sich eines anderen Kunstgrisfes. Sie rechnen einerseits aus die Solidarität, die man überall der gesammten Judenheit auferlegt, andererseits, daß man in Frankreich gegenwärtig auf Beifall zählen kann, wenn man den Deutschen die scheußlichsten Barbareien nachsagt. Man combinirt daher Beides, und stellt nun Bilder von Len deutschen Juden auf, die, an sich schon gräßlich, man mit teuflischer Phantasie ausmalt. Als ein Beispiel will ich nur kurz der „Illustration" vom 27. September erwähnen. Hier wird erzählt, wie hinter jedem deutschen Corps eine Bande „deutscher Juden" marschirt sei, welche, sobald der Feind gestehen, sich auf die Todten und Verwundeten geworfen, und sie unbarncherzig ausgeplündert habe, denn an die Pflege verwundeter Feinde denke kein Deutscher. Bei diesem Geschäfte hätten aber auch die deutschen Juden die Spione gespielt, denn sie hätten alle Papiere, die sich in den Taschen ihrer Opfer gefunden, mit sich genommen, damit die deutschen Generäle die Pläne und Absichten der Franzosen ersehen könnten. Nicht selten hätten sie sich auch deutsche Soldaten gemiethet, wären mit ihnen in die Dörfer gegangen, um mit Hülfe gefälschter Papiere Requisitionen zu machen, die sie zu ihrem Vortheile verkauften. Und so geht es niit den Schilderungen der abscheulichsten Verbrechen fort, wie sie in unserer Zeit nur noch ein verbranntes romanisches Gehirn auszudeuken, und auf die Leichtgläubigkeit seines Publicums zu rechnen vermag. Diese Leute wißen sehr wohl, daß sich solche Bilder dem großen Hausen der Leser unwillkürlich einpflanzen, und auf Geschlechter hinwirken. So unangenehm cs ist, von derartigen empörenden Lügen und literarischen Schurkereien Act zu nehmen, darf es doch nicht unterlaßen werden, um das Bild unserer Zeit vollständig wiederzugeben, und der Nachwelt zu hinterlassen. 2? eit i m.Lj.'iuaclaia.eiateii. Deutschland. Berlin, l7. Oktober. - (Privatmitth.l Die Engländer sind bekanntlich Freunde Dessen, was ihnen curios erscheint, und auch auf dem Gebiete der Wissenschaft verfolgen sic am liebsten Das, was ihnen so recht eigenthümlich und sonderbar vorkommt. Sie haben hierdurch manchen großen Dienst erwiesen, wie B. in der Entzifferung der Hieroglyphen und der Keilschrift. Sie bewahren auch gern solche Euriositäten, nicht blos in Sammlungen und Museen, sondern z. B. auch in ihrem Jus, das voll davon ist. So ist es denn auch nicht zu verwundern, daß sie sich gern mit dem Talmud beschäftigen, und wenn sie ihn auch nicht studiren, ihn doch von der Oberfläche kennen lernen wollen. Seit der schönen Abhandlung VeS verst. Emanuel Deutsch sind mehrere erschienen, die in verschiedenem Sinne abgesaßt sind. Der Engländer kennt keinen leidenschaftlichen Haß. aber er ist sehr stabil in seinen Borurtheilen, liest diese überall wieder heraus, und weiß ihnen einen strengen und prägnanten Ausdruck zu geben. Kounm er daher nicht leicht zu eigentlich gehässigen Ausfällen, so gelingt es ihm doch schwer, objectiv zu sein, und am Ende seiner Bemühungen ist er wieder an seiner vorurtheilsvollen Meinung angelangt; so ergeht es ihm auch mit dem Talmud und dem Judenthume. Die neueste Abhandlung über den Talmud brachte die .,bIllindurLli Revic\v:% Sie giebt eine Charakteristik des Talmud nach beiden Seiten hin, zählt dann die sämmtlichen Tractate nach ihrer Ordnung und ihrem Inhalte auf, giebt noch einige Notizen über die jüdischen Secten vor der Zerstörung Jerusalems, und schließt mit einem Ausfall gegen daö Judcnthum, wie er Jemandem geziemen würde, der gar Nichts vom Judenthume wüßte, wohl aber gänzlich in dem alten christlich-theologischen Wahne befangen ist. Dieser letzte Ausfall brachte denn auch wohl dieser, an sich werthlosen und schülerhaften Arbeit die Ehre ein, in Nr. 3$ und 35) des „Ausland", das in diesem Geschäfte seit längerer Zeit macht, übersetzt zu werden. Und damit auch das jüdische Publicum, wenigstens das finanzielle, damit beschenkt werde, beeilte sich Herr E. Santuel, dieselbe in dem Beiblatt der „Berliner Börsenzeitung", das sich „Börse des Lebens" betitelt, und ebenfalls Geschäfte im Judenunv JudenthumShaß macht, wiederum aus dem „Ausland" abzudrncken. Auf die Schilderung des Talmud in dieser Abhandlung einzngehcn, halten wir für überslüssig. Nach einer Dose Lob kommt eine größere res Tadels, und zwar der einschneidendsten Art. Bei der mangelhaften Kenntniß, die der Bersasier erweist, können uns beide Gaben gleichgültig sein. Wenn er das talmudische System mit der Gesellschaft Jesu vergleicht, so verkennt er den Kernpunkt Beider ganz und gar. Der Talmud giebt eine strenge LebenSordnung, innerhalb derer er jedoch den Willen des Individuums frei läßt; er unterwirft daflelbe dem Gesetze, läßt es aber sein eigener Herr sein. Die Gesellschaft