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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1873-10-21 · Heft 43 (21.10.1873) · p. Seite 706

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
37 (1873)
Issue
Heft 43 (21.10.1873)
Date
1873-10-21
Page
Seite 706 (sequence 14)
Language
German
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706 hatte feinen gesetzlichen Anhaltspunkt. Waren die Geruch«: im Munde deS Volkes über diese Waldherberge auch schlimm genug' gab das Aussehen des Gehöftes nnd der Wirthsleute wohl Veranlassung zum Verkachle, so waren doch noch niemals wirkliche Anklagen, oder nur Anzeigen bei den Gerichlen eingegangen, und es fehlte deshalb an allen Gründen, in dem vorliegenden Falle gegen die Leute vorzugehen. Unser K. verschaffte sich daher nur einen Ueberblick über die Vage und Beschaffenheit der Baulichkeiten. und eilte dann znr 2tot zurück. lieber die Thal selbst war durch den Befund volle Klarheit gebreitet, desto größer Las Tuntel über die Thäter und ihre Motive. Hierfür hatte der Assessor nur geringe Judicien mitgebracht, und diese sofort auf's Sorgfältigste zu verfolgen, wollte er vor Allem sich angelegen sein lassen. Er erkundigte sich nach einem Petschaftstecher, und als man ihm den kleinen Leibusch Michel als einen sehr erfahrenen Siegelstecher empfohlen, ließ er ihn rufen. Es war ein kleines Männchen von schlauem, aber guttuülhigem Aussehen, und mit stets zitterndem Kopfe. Ihm legte er das abgerissene Stück Couvert mir dem Petschaft vor, ob er vielleicht dasselbe gefertigt habe, oder Aufschluß darüber geben könne. Michel betrachtete es nur kurze Zeit und antwortete dem Assessor: „Herr Richter, ich heiße Leibusch Michel und bin Petschaflstecher, mein Vater, Friede über ihn! hieß Michel Leibusch und war auch ein Petschaftstecher; mein Blesse Joseph Michel ist auch Petschaflstecher, und sein Vater, Friede über ihn! Michel Michel, war ein sehr geschickter Petschaflstecher." Der Assessor lachte laut auf. „Waren denn Eure Großväter nicht auch Petschaflstecher?" — „Gewiß waren sie es," antwortete der kleine Mann mit dem zitternden Kopfe, „aber ich weiß nicht viel von ihnen, denn sie starben früh hin, und mein Vater auch, Friede über ihn! Nun hören Sie aber weiter. Weil in meiner Familie alle Männer Pelschaftstecher sind, haben wir den Brauch eingefi'ihrt, daß Jeder von uns .einen besonderen, fast kaum bemerklichen Zug sich wählt, den er auf jedem Petschaft, das er macht, anbringt. Wir wollen einmal sehen, von wem dieses da ist, denn ich habe es nicht gemacht." Hiermit holte er eine alte Brille mit großen Gläsern hervor, und bald zeigte er auf eine kleine Vinie unterhalb des A., die ein Anderer wohl kaum bemerkt hätte. „Mein Bruder Büchel Michel hat es gemacht, Friede über ihn!" rief er aus. Kleinlaut erwiderte der Assessor: „Dann können wir nicht erfahren, wem es gehört?" „Doch, doch," fuhr der kleine Mann eifrig fort, „zuerst kann ich es wohl selbst sagen. Ich kenne alle Veute im Umkreise von zehn Meilen und darüber, welche ein Petschaft führen. Wenn ich gerade keine Aufträge habe, ziehe ich im Lande umher, sie zu suchen. Und da lernt man die Vciue wohl kennen. Lassen Sie mich Nachdenken, — gut, ich habe es schon. Das Petschaft kann zwei Venten gehören: dem Ascher Feitel, der mit Eisen handelt, hier, und dem Albert Fischer, dem Wollhändler in C.-." „So, so!" stieß der Assessor ans, er batte selbstverständlich dem Michel Nichts davon gesagt, was seine Nachfrage veranlaßte. „Aber wir können es auch sicherer erfahren; mein Bruder, Friede über ihn! hat, wie unser Vater, Friede über ihn! es uns znr Pflicht gemacht, ein Buch geführt über alle Petschafte, die er gemacht. Ta muß es darin stehen, für wen er es gemacht hat. Denn daß er es geniacht hat, ist sicher, wie das Gesetz Moses." Michel erboi sich, seinen Steffen und das Buch zu holen. Sie erschienen m kurzer Zeit. Ter Neffe Michel sah gerade so ans, wie sein Oheim, nur, daß er noch jung war, und sein Kopf nicht, zitterte. Er bestätigte die Wahrnehmung seines Oheims, daß das Petschaft von seinem Vater herrnhre. Das Register wtlrde anfgeschlagen. Es war in jüdischen Vettern geschrieben, aber sehr sauber und ordnungsmäßig, und die Namen, Zeichen und Wappen so an der Seile hineingemalt, wie sie auf den Siegeln angefertigt waren. Was man suchte, war bald gefunden, aber, hatte der kleine Michel richtig die beiden Männer benannt, für welche das Petschaft gefertigt sein konnte, so zeigte sich eben, daß es für beide ganz gleich gefertigt worden; wer war also Derjenige, der dieses Eonvert mit seinem Siegel versehen hatte? Ter Assessor entließ die beiden Männer, nachdem er sie zum strengsten Stillschweigen verpflichtet Hane. Tie gewonnene Spur wollte er eifrig verfolgen. Aber zuvor mußte er sich doch nach dem Hause des Gerösteten begeben. Der Leichnam war nnlerdeß obdueirl und begraben worden. Bei den Inden jener Zeit herrschte noch die Sitte vor, die Torten so schnell wie möglich unter den dürfen zu bringen, und hier war ja an dem Tod res unglücklichen Mannes nicht zu zweifeln. Der Gerichtsarzt hatte den Körper in allen Theilen vollständig gesund befunden, und erklärt, daß zwar die Wunde nicht absolut tödtlich gewesen, aber der Sturz in's Wasser den Tod sofort herbeigeführt habe. Ter Assessor ließ sich mittheilen, wann die Eltern vom Friedhof zurück seien, und begab sich daun nach ihrem Hause. Es war eine erschütternde Scene, die er erlebte. Tic alten Eltern vermochten das grausame Geschick, das so plötzlich über sie hereingebrochen, noch nicht zu fassen. Ter Vater saß ans feinem niedrigen Schemel unbeweglich und mit stierem Blick, nickt einmal die bei den Inden in solchen Tranerfällen gewöhnliche schatlkelttde Bewegung fand bei ihm statt. Es war, wie wenn seine Seele entflohen wäre, und nur im Grabe bei den bleichen Gesichtszügeit t,nd den starren Gliedern des Sohnes weilte. Er sah die Kominenden nicht und nicht die Gehenden. Wer ihn ansprach, er hörte ihn nicht. Selbst das Ansehen und die Trostesworte des Rabbiners sauten keinen Eingang. Tie Häute auf die Kniee gelegt, saß er starr und steif da. Tie Mutter dagegen rannte unaufhörlich im Zimmer umher. Sie raufte sich das Haar, streckte die Arme aus, schlug sich dann an die Brust, stieß markerschütternde Jammertöne aus, und wies allen Zuspruch

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