Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 37 (1873)
- Issue
- Heft 43 (21.10.1873)
- Date
- 1873-10-21
- Page
- Seite 704 (sequence 12)
- Language
- German
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704 ftrafte ihn mit Ungnade, weil er als Professor der Nhetorik in '.Revers die Flamen Mirabeau und Damen in einem Vortrage über die Beredtsamkeil v-utfiil;itc. Eine Aneedole mag uns zu den Velrachtungen, mit welchen wir begannen, zurückführen. Zur Zen der tlevifalcn Neaetion, welche im Jahre 185-0 die Wiederherstellung des Kaiserreichs vorbereitete, hatte ein dem israelitischen Bekenntnisse angehöriger Professor der Philosophie sich in seiner Eigenschaft als Staatsbeamter für verpflichtet gehalten, in der Eapelle seines Lheeumö der Heiligengeistmesse beiznwohnen, zumal er zu dieser ossiciellen Eeremonie mit allen seinen Eollegen eingeladen war. Als der Bischof der Diöcese von der Sache erfuhr, erließ er einen Hirtenbrief, in welchem er in nicht eben eines Oberhirten würdigen Ausdrücken erklärte, daß die Eapelle, „da sie durch die Gegenwart eines schmutzigen Juden besudelt worden sei, für den EultuS geschlossen bleiben müsse, bis sie wieder gereinigt worden wäre." Das Ende war, daß der Professor, da der Minister ihn im Stich ließ und aufsorderte, den Lehrstuhl der Philosophie aufzugeben, und sich auf die Literatur zu beschränken, aus dem Unterrichtskörper' austrat, dem er mit seinen Talenten und Arbeiten zur Zierde gereicht hätte. Bon diesem ebenso lächerlichen als gehässigen Regime wollen wir Nichts wissen, und alle Liberalen ohne Unterschied des Glaubens werden sich vereinigen, um seine Wiederkehr zu verhindern. Die Versprechen des „Univers" werden sie nicht einlullen. Sie wissen, wo der Feind zu finden ist, und sie überwachen ihn." (Diese Aneedole ist wahr; wir vermöchten, den Flamen des Professors zu nennen. Man erinnere sich dabei, daß Dies nicht etwa unter der Ziestauralion geschah, sondern, als Louis Napoleon, um seine Herrschaft zu gründen, dem Klerus die Zügel schießen ließ; was hat man nun erst unter einer Restauration zu erwarten! Redaetion der A. Z. d. I.) Großbritannien. London, 2t». Sept. (Privatmilth.i Was von den Ultramontanen in Italien und Frankreich betrieben wird, das findet schließlich einen Nachhall auch bei den Anhängern dieser Partei in England. Der Erzbischof Man »mg gehört zu den rührigsten Förderern, und sein Organ ist das „Tadlet". Es ist daher nicht zu verwundern, daß auch dieses Blatt die Anschuldigungen und Hetzereien gegen die Juden wiederholt, welche fortwährend aus den ultramoutanen Lagern des Festlandes erschallen. In England ist hierfür nur geringer Boden. Denn obschon gerade bei den Britten der kirchliche Sinn sehr stark ausgebildet ist, so hat doch die völlige Freiheit, welche alle Religionsparteien in England genießen, einen verhältnißmäßigen friedfertigen Eharakler herworgebracht, eine gegenseitige ruhige Gesinnung, die weder durch eine theologische Polemik, noch durch den Kampf um irgend ein noch vorenthaltenes Recht oder dergleichen wesentlich gestört wird. Tie feindseligen Auslassungen des „Tablet" sinken daher keinen Anklang in der englischen Presse, und die Blätter aller Farben erklären sich nachdrücklich dagegen.*) Dem „Tablet" zufolge sind die Hebräer ein höchst undankbares Volk. Im Ghetto zum Beispiel, - wir führen nur wörtlich an, — genoffen sie eine Glaubens- und Regierungsfreihcit, wie sie gar nich^ größer gedacht werden konnte; sie ruhten dort von den Leiden der Verbannung aus und halten es so gut, wie einst in den Thälern von Judäa. Selbst ihr Hauszins durfte nicht über eine gewiffe feste und niäßige Summe erhöht werken. Von der Pflicht der Waffensührung waren sie durch die allerchristliche Negierung des Papstes befreit. Zu. Nom aber, wie in allen Ländern, wohin sie ihren Fuß setzten, ergingen sie sich sofort in den abscheulichsten Verbrechen. Es konnte daher nicht fehlen, daß „der auf's Aeußerste gereizte Unwille Europas" gelegentlich summarische Vergeltung an ihnen übte. „Ter auf's Aeußerste gereizte Unwille Europas!" Schönes Wort, das uns gelehrt zu haben, wir dem „Tablet" danken müffen Mit dieser hübschen Umschreibung deutet das „Tablet"' zartsinnig die Ermordung zahlreicher, dem Psasfenhaß, dem Pöbelvorurtheil und der Raubgier gefallenen Opfer an. Wenn keine Hungersnot!) und keine Seuche ausbrechen konnte, ohne daß man den wehrlosen, rechtlosen „Fremdling im Lande" dafür schlug, so nennt das englische Römlingsblatt Dies einen Ausbruch des „auf's Aeußerste gereizten Unwillens Europas"! Und damit die Nutzanwendung nicht fehle, ruft das „Tablet" gleich auch sein „Hcp! hep!" über die Juden der Gegenwart. Dem Erzbischof Manning und dem Papst Pius gefällt es nicht, daß jüdische Banquicrs eine auf die italienische Regierung ausgestellte, noch vor Anbruch des jüngsten Tages fällig werdende Anweisung für sicherer Hallen, als eine solche, die auf den römischen Stuhl ausgestellt ist, und erst nach jenem großen Ereigniß fällig werden soll. Jüdische Geldbesitzer sind nun zwar, wie der „Epaminer" richtig bemerkt, in diesem Punkte durchaus nicht anders gesinnt, als die Eapitalisten der ganzen Welt. Aber wenn man einmal an den Hund will, so muß er Leder gefressen haben; und da cs immer bequem ist, den Juden verantwortlich zu machen, so fällt das „Tablet" über die Hebräer, als die eigentlicken Kirchen- und Klosterräuber in Italien her, bezeichnet die Redaeleure israelitischer Abkunft, welche für deri neuen Stand der Dinge einlrelen, mit Namen, und ihm eine förmliche Judenhetze auf, zu deren Ausführung einstweilen nur die körperliche Macht fehlt. Ter gute oder der böse Wille ist jedoch faustdick da. Bei dieser Gelegenheit streiten sich auch die englischen Blätter, ob die Juden vorwiegend censervaliv oder liberal seien. ' *) Bon den deulscbeu Blättern bespricht die „Rheinische Zeitung" vom NU. Leplemder dm Artikel deo „Tablet" in kräftiger Weise. Tie Nedaenon.