Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 37 (1873)
- Issue
- Heft 43 (21.10.1873)
- Date
- 1873-10-21
- Page
- Seite 702 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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702 erschreckendem Maße zu. verzehrt viele, hierdurch nur vergeudete Kräfte, und macht unS bei unseren christlichen Mitbürgern wahrhafte Schande. Im Jahre 1860 constituirte sich in hiesiger Gemeinde ein Armenunterstützungsverein, dem nach und nach sämmtliche Mitglieder der Gemeinde beitratcn. Der Verein gedieh denn auch zusehends, denn von r>6n Gabennehmenden schwang' sich diese Zahl in den beiden Jahren 1570 und 1871 zu je 1-100 auf, so daß wir selbstverständlich die Gaben verringern mußten, und diese von 1 fl. 12 kr. auf 18, 06 und schließlich 00 kr. sanken. Während der zehn Jahre des Bestehens gab unser Verein nicht weniger als 8'»00 sl. aus. und in letzterer Zeit größtentheilS nur an Pollaken. Diese wuchsen an Zahl immer mehr, während unsere Pfälzer die Gasse immer weniger in Anspruch nahmen. Glauben doch die Polen und Russen uns, die sie in ihrem Innern verachten, noch eine große Ehre zu erweisen, wenn sie unS jährlich vier oder fünf Mal auf unerträgliche Weise anbetteln. Bor circa I Wochen hatte Speyer das Unglück, von der Cholera heimgesncht zu werden, und fühlte man sich Seitens deS PolizeiconnniffariatS gedrungen, an den Vorstand oben berührter Casse die Bitte zu stellen, um einem Weiterverbreiten des unheimlichen Gastes einen Damm entgcgenzusetzen, die Armencaffe auf ungewisse Zeit zu sistircn. Diese Borsichtsmaßregel war nur am Platze, und ging man aus die Bitte des PelizeiamteS ein, in Anbetracht der sanitären Verhältnisse Speyers, die es räthlich erscheinen ließen, der Gefahr einer Verschleppung der Krankheit vorzubeugen. Die Gabensuchenden wurden an der Casse abgewiesen, und dieselben bedeutet, aus oben augefiihrlen Sanitätsrücksichten die Stadt baldmöglichst zu verlassen. Was geschah? Wir erhielten von einem der Abgewiesenen int Namen seiner Genessen einen Tag nach Nosch haschanah von Stuttgart aus einen Brief, der die entsetzlichsten Verwünschungen und Flüche über uns heranfbeschwor.*) Ein solches Verfahren kann nur um so mehr zum Nachdenken aussordern, was solche falsche Barmherzigkeit für Wirkungen habe, indem sie nur die erbärmlichen Creaturcn zum Nichtsthun und zu unserer allseitigen Schmach heranzieht. Was könnte ich als Cassirer des Vereins von Anweisungsfälschnngen und sonstigen Liebenswürdigkeiten dieser Menschen erzählen, und wie nicht selten die Polizei unter ihnen die offenbarsten Verbrecher abgefaßt hat. Ich gebe zu, daß nicht alle polnischen Bettler obige Charakterisirung verdienen; allein zu meinem tiefen Bedauern muß ich bekennen, daß ans einen großen Theil diese Schilderung paßt. Ter hiesige Verein geht leider seiner ganzen Aushebung entgegen; wenigstens werden die Spenden mehr auf örtliche Gelegenheiten verwendet werden *) Der fr. Brief wurde uns im Original übersandt, und wir müssen gesteben. daß er das Aeußerste au Rohheit und Gemeinheit. an Verwilderung des Eemnwes und Schlechtigkeit der Ecsinuung enthielt. Redaetion. dürfen. Würden andere Städte in großer Anzahl diesem Beispiel folgen, so möchte dem Nebel gesteuert werden.*) Ocsteneichisch-imgarische Monarchie. Wie», S. Stifter. (Privaluuuh.l Zu allen Zeilen wurde die Musik unter, den Juden hochgehalten. Auf den ersten Blättern der h. Schrift wird der-Name des Mannes genannt, der der erste Harfen- und Flötenspieler war. Wie unsere alten Weisen berichten, wurden unsere Väter aus dem harten Drucke Egyptens in Folge des Verdienstes der frommen Frauen erlöset. Diese frommen Frauen scheinen sich jedoch auch mit Musik beschäftigt zu haben. Wie die Schrift nämlich berichtet, ging Mirjam, die Prophetin, mit einer Tympane, und ihr folgten „alle Frauen" mit Tympanen in Neigen, uni Gott ein Dank- und. Siegeslied anznsiinnuen. An David und die Psalmisten braucben wir blos zu erinnern. Der Prophet Elisa, als er dem Könige Jeschaf.it weissagen sollte, ließ sich einen Mann kommen, der vor ihm spielte. Dann .kam über ihn die Hand Gottes. Ja, es mag hervorgehebeu werden, daß man in jüdischen Gemeinden, wie wir Das aus eigener Erfahrung wissen, wenig scrupnles bezüglich der Moralität und Religiosität des Chasan war, wenn er nur sonst gut zu singen verstand. Unsere frommen Voreltern nahmen es auch nicht übel, wenn der Chasan die Ketuscha oder die „Melech Etjon" nach der Melodie einer Dper oder eines Walzers vortrug. Es ist das Verdienst der Reform, respective Sulz ers, daß diesem Unfuge gesteuert wurde. Wien selbst ist eine Statt, in welcher zu allen Zeiten Musik gepflegt wurde, und nicht ohne Bedeutung ist es, daß sich Lerchen in ihrer» Wapperrschilde besinderr. Und trotz alledem haben die Klänge des Schefars, die nicht melodisch sind und jeder musikalischen Behandlung spotten, eine energische Gewalt. Jung rnid Alt, Männer und Frauen, Greise und Kinder strömen ain Neujahrsfeste in die stabilen und prooisorischen Gotteshäuser. In diesem Jahre war auch in der Aula des akademischen Gymnasiums, wo sich eine Capelle für den Gottesdienst der katholischen Schüler befindet, während der hohen Festtage ein Gottesdienst für die Juden. Im Prunksaale des Architectenveremes war ein Gottesdienst, bei welchem ein gemischter Chor von Herren und Damen wirkte. Am Icnr Kipnr fand zwischen Mussaf und Mincha eine zweistündige Pause aus sanitären Gründen statt lCholera). Bei den Spenden zeigten sich die Folgen des „Krach". Es wurden heuer kaum so viele Hunderte, als im vorigen Jahre Tausende gespendet. Es ist zu wünschen, daß die Wohlthätigkcitsaustalteu durch denselben nicht zu hart leiden. Noch habe ich Ihnen eine erfreuliche Nachricht mitzntheilen. Durch Attfbebilng solcher Vereine Hallen wir dieses Ziel nicht .für erreichbar, da in Ermangelung derselben die Straßcnbcttetei von 'Hans zu Haue nur um so unabweisbarer würde. Redaetion.