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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1873-10-14 · Heft 42 (14.10.1873) · p. Seite 689

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
37 (1873)
Issue
Heft 42 (14.10.1873)
Date
1873-10-14
Page
Seite 689 (sequence 9)
Language
German
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689 fielen an einem Tage. Der Affessor nahm es anders. Ihm schien es, daß die Pflicht der Gesellschaft auch im Toben des Krieges nicht aufhöre, und die Justiz nicht ruhen dürfe, bis jedes Verbrechen erkannt und gefürchtet fei. Dafür war der Affessor noch ein junger Mann. Er nahm sich vor, die Untersuchung ebenso systematisch, wie sorgfältig durchzuführen. Er hatte die Ueberzeügung, daß es der exacten Methode niemals fehlen könne, daß sie mit mathematischer Gewißheit zur -Entdeckung des Thäters, zur Enthüllung des ganzen Geheimnisses führen müsse. Das Thal Lot an diesem Tage einen etwas weniger düsteren Anblick. Der starke Westwind hatte die Nebel zerstreut, und da er in der Nacht gen Süd umgeschlagen, eilten auch die Wolken am Himmel dahin und ließen von Zeit zu Zeit ein blaues Feld und einen Sonnenblick schauen. Dies siel jedoch unserem Assessor gar nicht auft Er eilte mit seinen Begleitern am Rande des Sumpfes bis zur Stelle. Da fand er denn auch Alles noch, wie-es Klaus und Jürgen verlassen hatten. Der Assessor ging an die Arbeit. Zuerst die nächste Umgebung der betreffenden Stelle. Eine Menge Fußtritte ringsum, die Kreuz und die Quer, leichter und tiefer eingedrückt, Er constatirte, daß ein Kampf stattgefunden. Aber die beiden Bauern hatten ebenfalls die Spuren ihrer Anwesenheit zurückgelassen, und zwar mitten durch die anderen. Unser K. nahm Lange, Breite, die ganze Form aller dieser Fußspuren auf. Dadurch gelangte er dahin, daß außer den beiden, die er den Bauern zuschrieb, die Anwesenheit dreier Personen sicherzustellen, von denen die eine der sich wehrende Gemordete sein mußte, dessen Spur sich durch die Stiefeln, die er noch an hatte, feststetten lassen würde. Hierbei ergab es sich auch, daß von den Fuß. tritten im Umkreise, die zweier Personen heraustraten und durch Gestrüpp geradeaus die Höhe hinanführten, wo sie auf den Lagen alter Nadeln verschwanden. Der Assessor sah hier bereits die ganze Scene vor sich. Der Ermordete war an dieser Stelle von zwei Personen überfallen worden, er hatte sich zur Wehr geeetzl, war auf irgend eine Weise zu Tode oder wenigstens zur Bewußslosigkeir gebracht, und so von den Mördern kopfüber in das Wasser geworfen worden. Dieselben nahmen eiligst die Flucht den Hügel hinan, wo sic im Walde verschwanden. Eilig mußte dies geschehen sein, denn die Lage deö Todten zeigte, daß Jene sich nicht Zeit genommen, ihre That zu vollenden, weil sie ihn sonst vollends in'S Wasser gestoßen hätten, wodurch augenblicklich jede Spur der That verschwunden wäre, um vielleicht niemals zu Tage zu kommen. Vielleicht waren cS Klaus und Jürgen, die, als sie auf der etwas entfernten Höhe im Westen erschienen waren, die Mörder zu schneller Flucht angetrieben hatten. Der Assessor, der in seinem jugendlichen Gemüthe noch eine warme Gläubigkeit sich bewahrt hatte, sah dies als ein Werk der Vorsehung an, und vertraute um so mehr auf den günstigen Ausgang seiner Untersuchung. Jetzt galt eS, das Opfer der verruchten That auS dem Sumpfe zu ziehen. Man brauchte jetzt nicht mehr das Durchtreten der Fußspuren zu vermeiden. Die Leiche wurde herauSgezogen, und auf den Boden, das Gesicht nach oben, gelegt. Aber man mußte zunächst den Kopf, der mit Schlamm bedeckt war, mit Wasser abspülen, um ihn erkennbar zu machen. Kaum war dies geschehen, so rief der eine Polizist auS: „DaS ist ja der Jude Leser auS der Sackgasse! Armer Kerl, ein braver Mensch, wie ist es dir so schlimm ergangen!" .. . Der Assessor horchte auf. Er befragte feinen Untergebenen, ob er sich auch nicht irre. „Nein, nein!" rief dieser aus, „da ist Nichts zu irren. Ich kenne ihn gar zu gut. Ich war oft in seinem Häuschen,'und kann Ihnen Alles von ihm berichten." Dies, war abermals ein Schritt weiter, und man ging an die Untersuchung der Leiche. Sie hatte sich noch nicht viel verändert, nur daß sie durch das Wasser bereits etwas aufgeschwollen war. Man öffnete Rock und Weste, und da zeigte sich an dem eigenthümlichen viereckigen Brustlätze mit den Schnüren an den Ecken, daß der Polizist recht gesehen. Kopf und Brust waren unverletzt. Aber als man den Bauch entblößte zeigte sich alsbald eine breite Stichwunde, die mit einem scharfen großen Messer beigebracht fein mußte. Durch das Liegen im Wasser hatten sich die Ränder derselben geschlossen, und war auch wohl daö meiste Blut aufgelöst worden, .denn die Kleider zeigten die Spur des Stiches, verhältnißmäßig aber wenig von dem Blute, das sich ergossen haben mußte. In den Taschen fand sich Nichts, kein Geldbeutel, keine Uhr, keine Brieftasche oder dergleichen. „Also ein Raubmord!" flüsterte 'der Assessor. Die rechte Faust war krampfhaft geschlossen; als man sse mit Mühe geöffnet, fand sich in ihr ein kleiner Büschel brauner Haare. „Der Mann hat sich gewehrt; es gab eine Rauferei bis der Messerstich erfolgt," sagte der Assessor, und verwahrte sergfälng den Haarbüschel in seiner Brieftasche, nachdem er ihn in ein Papier gewickelt. „Da hätten wir Etwas von den Füßen und vom Scheitel des Mörders," fugte der Schreiber hinzu, „hätten wir nur erst, was zwischen beiden steckt!" — „Wird schon kommen," meinte der Assessor. Und die beiden Polizisten nickten, denn das Verfahren ihres jungen Vorgesetzten hatte ihnen großen Respect eingeflößt. Nachdem alles dies sorgfältig untersucht worden, ging der Assessor daran, die Umgegend noch etwas näher in Augenschein zu nehmen, ob sich vielleicht noch Etwas vorfände, was mit der That in Verbindung stände. Aber vergebens. Zu der verhängnißvollen Stelle zurückgekehrt, bog der Assessor nochmals daS zunächststehende Schilf auseinander, und siehe, er erblickte ein Stückchen Papier, das der Wind wohl hineingeweht hatte. Schnell erhob er es. Es war immerhin ein nicht unbedeutender Fund — ein Stück von einem Couvert, an welchem, wie man nicht unschwer erkennen kennte, das blutige Messer abgewischt war, doch mußte es vorher im Teich abgespült worden sein, denn das Blut war offenbar durch Wasser schon verdünnt. Das Couvert 42

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